Fastenpredigt im Dom zu Osnabrück 2019 - Benediktinerinnen Osnabrück

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Fastenpredigt im Dom zu Osnabrück 2019

Sr. Ursula Wahle OSB hielt am 5. Fastensonntag, den 7. April 2019 die Fastenpredigt im Dom. Die Predigtreihe stand unter dem Thema: „…baue meine Kirche wieder auf!“ Impulse zur Erneuerung der Kirche aus dem Schatz der alten Ordenstraditionen.

Liebe Schwestern und Brüder!

 
Vor einigen Jahren hat die französische Kirche einen Text veröffentlicht mit dem Titel „Proposer la foi“. Sinngemäß übersetzt heißt das „Den Menschen den Glauben anbieten“. Hier möchte ich Ihnen unseren benediktinschen Weg vorstellen - und anbieten. Auf den Punkt gebracht geht es um einen Weg der Gottsuche.

 
Benedikt nennt in seiner Regel ein Kriterium – und tatsächlich nur dieses eine – an dem sich entscheidet, ob ein Bittender in die Gemeinschaft aufgenommen werden kann: Man achte genau darauf, ob der Novize wirklich Gott sucht (RB 58,7). Die benediktinische Spiritualität ist eine Spiritualität der Gottsuche. Fulbert Steffensky, ein ehemaliger Benediktiner, definiert das allzu oft gebrauchte Wort Spiritualität in aller Kürze so:
Spiritualität heißt, in geordneten und geformten geistlichen Verhältnissen leben[1].
Das trifft sehr gut, was wir als Benediktinerinnen zu verwirklichen suchen: In geordneten und geformten geistlichen Verhältnissen leben – und darin Gott suchen.
 
Es gibt sehr verschiedene Arten etwas zu suchen. Das kann ein ganz gezieltes Tun sein, aber auch ein planloses Umherirren. Es kann ein nicht „Genau-wissen-wonach“ sein oder ein von der Sehnsucht des Mangels getriebenes Verlangen. Wir alle kennen diese verschiedenen Formen: das Suchen nach einem verlorenen Schlüsselbund oder das sehnsüchtige Ausschauen nach einem geliebten Menschen, die Suche nach einer erfüllenden Berufstätigkeit oder der sehnsüchtige Wunsch, überhaupt etwas Sinnvolles tun zu können. Eigentlich können wir sagen, dass wir als Menschen, wesentlich Suchende sind. Das „Auf-der-Suche-Sein“ gehört zu unserem Leben, solange wir lebendig bleiben. Wer das Suchen und damit auch das Sehnen aufgegeben hat, büßt den Antrieb seiner Lebendigkeit ein.
 
Als religiöse Menschen verbinden wir die Suche auch mit Gott. Wir „haben“ Gott ja nicht einfach, sondern wir sind immer wieder auf der Suche nach ihm. In der aktuellen Situation unserer Kirche fragen wir: Wo ist Gott in all dem zu finden? Unsere Gottesbilder kommen auf den Prüfstand und manch eines erweist sich als nicht mehr wirklichkeitstauglich. Auf wen haben wir gebaut? Als Ordensleute müssen wir uns sogar fragen: Auf wen haben wir unser ganzes Leben gebaut?
Das ist eine Frage, die schon das Volk Israel umhergetrieben hat. Angesichts der Zerstörung des Jerusalemer Tempels und der Vertreibung aus dem verheißenen Land in die Fremde Babylons, brannte die Frage nach dem lebendigen Gott in den Herzen. Hatte er nicht gesagt: „Ich werde da sein?“ Hatte er nicht gesagt: „Ihr werdet mein Volk sein und ich werde euer Gott sein?“ Im Exil wurde die Suche nach Gott existentiell. Es ging um den Fortbestand des Glaubens oder seinen endgültigen Verlust. Wir wissen, wie diese dramatische Krise bestanden wurde.

Werfen wir einen Blick in das Alte Testament, auf das Zeugnis der Väter und Mütter unseres Glaubens. Gerade in der Lesung haben wir einen Abschnitt aus dem Buch des Propheten Jeremia gehört (Jer 29,8-14), der selbst zur Zeit des Exils gelebt hat: Ihr werdet mich suchen und ihr werdet mich finden, wenn ihr nach mir fragt von ganzem Herzen. Ich lasse mich von euch finden (Jer 29,13f.). Hier fordert uns Gott auf, ihn von ganzem Herzen zu suchen: Wenn ihr von ganzem Herzen nach mir fragt, lasse ich mich von euch finden. Es geht um eine Begegnung, um eine Beziehung, die nicht einfach passiert, sondern die ersehnt und dann gewährt wird. Es klingt auch an, dass Gott selbst nach uns Menschen sucht, er verlangt nach uns und manchmal läuft er sogar hinter uns her. Im Buch Hosea stellt sich uns Gott als Liebhaber vor, der seiner untreuen Frau hinterherläuft, um sie zu sich zurück zu locken (Hos 2,8f.).

Im zweiten Buch der Chronik, das von der Königszeit in Israel berichtet, wird das Motiv der Gottsuche als Kriterium dafür angegeben, ob ein König Gott wohlgefällig war oder nicht. So heißt es etwa von König Rehabeam, dem Sohn Salomos: Er tat Böses und war nicht darauf bedacht, den HERRN zu suchen (2 Chr 12,14). Unter ihm zerbrach das davidische Reich in ein Nord- und ein Südreich.

Von König Asa dagegen heißt es: Asa befahl den Judäern, den HERRN, den Gott ihrer Väter, zu suchen und die Weisung und die Gebote zu halten. Er beseitigte die Kulthöhen und die Rauchopferaltäre aus allen Städten Judas. Das Reich hatte Ruhe unter ihm. Sie gingen die Verpflichtung ein, mit ganzem Herzen und ganzer Seele den HERRN, den Gott ihrer Väter, zu suchen (2 Chr 14, 3f.;15,12). Und da sie mit bestem Willen den HERRN suchten, ließ er sich von ihnen finden und verschaffte ihnen ringsum Ruhe (2 Chr 15,15).

Hier wird schon ausgesprochen, worin konkret die Gottsuche bestand: Die Weisung und die Gebote zu halten und die fremden Kultstätten zu entfernen. Der Segen dieser Gottsuche lag in der Ruhe, die der HERR seinem Volk verschaffte.

In den Psalmen ist auch immer wieder von der Suche nach Gott die Rede. Im Ps 63 etwa wird die sehnsüchtige Suche des Menschen nach seinem Gott so ins Wort gebracht: Gott, du mein Gott, dich suche ich, nach dir dürstet meine Seele, nach dir schmachtet mein Leib, wie dürres lechzendes Land ohne Wasser (Ps 63,2). Im weiteren Verlauf des Psalms wird deutlich, dass sich diese Sehnsucht nach Gott auf die Geborgenheit bei ihm richtet und auf den Schutz vor den Feinden.
 
Die Regel Benedikts könnte man fast als Schriftmeditation bezeichnen, weil so viele Zitate und Anklänge an Schriftstellen in ihr zu finden sind. Dabei kommt den Psalmen eine besondere Bedeutung zu. Sie gehören zum täglichen Brot der Mönche und Nonnen. Das Thema der Gottsuche ist Benedikt also in dem gerade vorgestellten alttestamentlichen Kontext bekannt und vertraut. Wir können davon ausgehen, dass er diese Bedeutung im Herzen trug, als er das Kriterium der Gottsuche bei der Aufnahme der Novizen nannte.

Was der Vater des abendländischen Mönchtums aber näherhin meinte, konkretisiert er im zweiten Halbvers: Man achte genau darauf, ob der Novize wirklich Gott sucht, ob er Eifer hat für den Gottesdienst, ob er bereit ist zu gehorchen und ob er fähig ist, Widriges zu ertragen (RB 58,7).
 
Schauen wir uns die einzelnen Punkte einmal genauer an.

Ob er Eifer hat für den Gottesdienst.
 
Das gottesdienstliche Beten in der Klostergemeinschaft nimmt bei uns Benediktinerinnen einen großen Platz im Tagesablauf ein. Es kommen mehrere Stunden am Tag zusammen, begonnen morgens um 6.00 dann über den Tag verteilt bis abends nach 20.00. Es steht außer Frage, dass ein solcher Gebetsumfang für einen Menschen mit Beruf und Familie nicht zu bewerkstelligen ist. Es geht dabei um den Vorrang Gottes in unserem Leben. Benedikt sagt an einer Stelle dem Gottesdienst soll gar nichts vorgezogen werden (RB 43,3) und an anderer Stelle heißt es in einer parallelen Formulierung der Liebe Christi soll gar nichts vorgezogen werden (RB 4,21). Das legt eine Spur für eine allgemein christliche Anwendung dieser Regel. Der durch das Gebet rhythmisierte Tag führt uns immer wieder zurück zu Gott, lässt uns das eigene Tun aus der Hand legen und auf Christus schauen. Dabei kommt es nicht auf den Umfang der Gebete an.
 
Ein Gedicht von Wilhelm Bruners bringt sehr schön zum Ausdruck, welche Wirkung das Psalmenbeten im Tagesablauf haben kann:
  
Nach dem morgendlichen
Gang über die
Psalmbrücke
 
drehe ich mich nicht
mehr um die eigene
Achse.
 
Ich atme die alten
Heilworte in meine
Tagängste
 
und bin
guter Hoffnung.

Das weithin bekannte Motto der Benediktiner lautet ora et labora, bete und arbeite. Es muss noch um ein drittes Verb erweitert werden, um das lege, das lese. Das Gebet gibt den Rhythmus des Tages vor und für die Lesung sollen die Mönche und Nonnen frei sein – frei sein für das Wort Gott (RB 48). Im Hintergrund steht der Gedanke des immerwährenden Gebetes. Auch die Arbeit soll von Gebet begleitet sein, vom inneren Beten und vom Nachsinnen über das Gelesene. Da wir heute auch viel mehr als zu Benedikts Zeiten mit dem Kopf arbeiten, ist das nicht immer leicht zu verwirklichen. Es bleibt aber als angestrebtes Ziel bestehen.
 
Aus meiner eigenen Erfahrung und der meiner Schwestern, kann ich bezeugen, wie wichtig das Lesen guter Lektüre ist. An erster Stelle steht sicher die Heilige Schrift mit ihren Auslegungen. Aber auch alle Bücher, die meine Gottsuche wecken und sie unterstützen, nähren das geistliche Leben und den inneren Menschen.

Der zweite Punkt lautet: Ob er bereit ist zu gehorchen.

Wenn wir das Verb gehorchen einmal anders formulieren und von hinhorchen, aufmerken, zuhören sprechen, dann klingt es schon etwas erträglicher in unseren Ohren: Ob sie bereit ist hinzuhorchen, aufzumerken, zuzuhören. Wenn wir von der Suche nach Gott sprechen, wird uns sofort klar, dass diese ohne ein aufmerksames Hören nicht erfolgreich sein wird. Gottes Stimme ist nicht aufdringlich, sie schreit uns nicht in die Ohren. Wer ihm zuhören will, kann das tun, aber niemand muss es. Er legt uns nahe, auf seine Stimme zu hören, aber er zwingt uns nicht dazu.

Die Regel Benedikts orientiert sich in der programmatischen Einleitung an einer frühen Taufkatechese und beginnt mit den Worten: Höre, mein Sohn, auf die Weisung des Meisters und neige das Ohr deines Herzens (RB Prolog 1). Damit zitiert Benedikt direkt mehrere Stellen aus der Weisheitsliteratur des Alten Testaments (z.B. Spr 3,1; Sir 3,1) und gibt damit zu verstehen, dass die Regel als Weisheitsschrift gelesen sein will. Gehorchen, aufmerksam hören und durch die Tat erfüllen führt zu einem vor Gott gelingenden Leben.

Die Stimme des Meisters, mit dem Christus gemeint ist, lässt sich zunächst im Wort der Schrift finden, nach dem Verständnis der Kirchenväter sowohl im Neuen wie auch im Alten Testament. Darüber hinaus geht das Gehorsamsverständnis der Regel Benedikts und der Kirche davon aus, dass wir den Willen Gottes für unser Leben auch im Dialog mit den Schwestern und Brüdern finden können. Es gibt bei Benedikt sowohl den hierarchischen Gehorsam, als auch den Gehorsam der Brüder untereinander. Beide Formen haben einen dialogischen Charakter. Die Formulierung neige das Ohr deines Herzens verweist uns auch auf die Stimme Gottes im eigenen Inneren. Das Hören auf das eigene Herz, auf die inneren Bewegungen, unsere Neigungen und Abneigungen, sind unverzichtbar in der Suche nach Gottes Willen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass alle drei Formen des Hörens zusammenspielen und sich ergänzen.
 
Um das Hören dann auch zum Ziel zu führen, folgt ihm das Handeln. Der Wüstenvater Evagrius Ponticus schreibt in einem seiner Briefe aus der Wüste sehr treffend: Das nämlich ist die wahrhaftige Suche, dass einer unseren Herrn durch die Werke sucht (Ep. 20)

Der dritte Punkt lautet: Ob er bereit ist, Widriges zu ertragen.
 
Im Lateinischen steht hier das Wort obprobria. Das bedeutet wörtlich übersetzt eigentlich „Schande“ oder „Schmähungen“. Sr. Aquinata Böckmann, eine Fachfrau für die Regel Benedikts, sagte, damit seien Anstoß erregende Dienste gemeint. Zur Zeit Benedikts mussten alle, die neu zum Kloster kamen, bei der Gästeaufnahme Dienste übernehmen, ganz egal aus welcher gesellschaftlichen Schicht sie kamen. Das hieß, auch Personen aus dem Adel mussten Sklavendienste tun. Das wurde zweifellos als Schande empfunden.

Der biblische Bezug liegt auf der Hand. Jesus hat seinen Jüngern die Füße gewaschen, einen Sklavendienst übernommen, und von denen, die zu ihm gehören, gefordert, dasselbe auch aneinander zu tun. Wir können Gott nicht an Jesus vorbei suchen. Jesus hat uns den Vater gezeigt und uns in seinem ganzen Verhalten vorgelebt, wie wir uns den Vater vorzustellen haben. Er ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes (Kol 1,15). Jesus ist auch der Weg zum Vater.
 
Der aktuelle Bezug zu dem Kriterium „ob er – ob sie bereit ist, Widriges, Schande und Schmähung zu ertragen“ liegt auf der Hand. Sind wir bereit, das Widerwärtige, ja die Schande mitzutragen, der unsere Kirche und auch unsere Klöster derzeit ausgesetzt sind?

Im Kloster und in der Kirche ist es entscheidend, dass alle gemeinsam Gott suchen, im Gebet, im gegenseitigen Gehorsam und im Dienst füreinander. Dann finden wir durch alle Widrigkeiten hindurch immer wieder zum Frieden. Dann wird uns Gott Ruhe verschaffen.

Gott hat uns zugesagt: Wenn ihr mich von ganzem Herzen sucht, lasse ich mich von euch finden. Von ganzem Herzen meint wirklich mit der Kraft unseres Lebens, mit unserem ganzen Menschsein. Auf diesem Weg der Suche, führt uns Gott Schritt für Schritt weiter.

Benedikt formuliert das Ziel des klösterlichen Lebens und damit der Spiritualität der Gottsuche schon im Vorwort der Regel:
Sobald man aber in dieser Lebensweise und im Glauben Fortschritte macht, weitet sich das Herz und man geht den Weg der Gebote Gottes in unsagbarer Freude der Liebe (RB Prolog 49).

Nicht die Umstände ändern sich, sondern unser Herz. Es wird weit, es erträgt alles, glaubt alles, hofft alles, hält allem Stand (1 Kor 13,7).
 
Amen.
 
 
 
 

 
   
 
[1] Fulbert Steffensky, Der alltägliche Charme des Glaubens, Echter 2002, S. 92.
 
 
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