Das Wort Gottes lesen - Benediktinerinnen Osnabrück

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Das Wort Gottes lesen

 

Ein wesentlicher Bestandteil des benediktinischen Lebens ist die sogenannte „lectio divina“, die geistliche Lesung. Die Heilige Schrift ist das Buch, mit dem sich die Mönche vertraut machen, so dass sie es beständig im Herzen tragen. Benedikt sieht in seiner Tagesordnung mehrere Stunden des Tages für diese lectio divina vor. Er sagt: Sie sollen frei sein für die Lesung (vgl. z.B. RB 48,4). Es geht darum, im Laufe des Tages einen Freiraum zu schaffen und zu wahren – und das auch durch die Autorität der Regel – um sich ganz der Begegnung mit Gott im Lesen der Heiligen Schrift zu öffnen. Diese Lesung ist ein Prozess. Zunächst lesen wir den Text wortwörtlich. Zur Zeit Benedikts haben die Mönche die Schrift auch auswendig gelernt. Wir tun uns heute damit schwer, weil unser Kopf von so vielem voll ist und wir ständig neuen „Input“ verarbeiten müssen. Wenn wir aber das englische Wort für auswendig lernen nehmen, verstehen wir sofort, worum es dabei geht: to learn by heart – etwas mit dem Herzen lernen. Das ist auch heute noch eine wertvolle Hilfe, wenn wir die Worte der Schrift im Laufe des Tages innerlich weiter bewegen und bedenken wollen. Bei diesem innerlichen Wiederholen spricht man von „Ruminatio“, Wiederkäuen. Tatsächlich steckt dahinter das Bild wiederkäuender Rinder. So soll es auch bei den Mönchen und Nonnen sein: Sie bewegen das Wort Gottes im Herzen, während sie ihren sonstigen Beschäftigungen nachgehen. Das ist zumindest das Ideal, nach dem wir uns ausstrecken.

 
Kehren wir noch einmal zur eigentlichen Lesung zurück. In einem zweiten Schritt bedenken wir das gelesene Wort, bringen es mit anderen Schriftworten in Verbindung und schauen, was es für unser eigenes Leben bedeutet. Schließlich führt die Lectio ins Gebet. Wir sprechen mit Gott, bringen Dank und Bitte vor ihn und verweilen schweigend in seiner Gegenwart, die wir in seinem Wort erfahren. Zur geistlichen Lesung im weiteren Sinne gehören auch Auslegungen der Heiligen Schrift und andere Literatur, die uns zu Gott und ins Gebet führt. Heute stehen uns dafür nicht mehr mehrere Stunden am Tag zur Verfügung. Das Leben im 21. Jahrhundert ist auch in den Klöstern komplex und vielseitig geworden. Aber eine bestimmte Zeit am Tag halten wir uns frei für die Lesung, eine Zeit, in der wir wach und aufmerksam da sein können. Die Lesung ist die notwendige Ergänzung zum Gottesdienst und sie gibt unserem Geist die Nahrung, die wir brauchen. Die frühen Mönche haben den menschlichen Geist mit einer Mühle verglichen, die den ganzen Tag mahlt. Unsere Gedanken halten niemals still. Dabei kommt es darauf an, was wir mahlen, ob es gutes Getreide ist oder nutzloses Kraut. Die Lesung gibt unserem Geist gutes Getreide zu mahlen, wohingegen manch anderes, womit sich unsere Gedanken beschäftigen können, mit nutzlosem Kraut zu vergleichen ist.
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