Tagebucharchiv - Benediktinerinnen Osnabrück

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Tagebucharchiv

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Unser geistliches Tagebuch während der Corona-Krise

Als Benediktinerinnen vom Heiligsten Sakrament gehört die tägliche Feier der Heiligen Messe und die Teilnahme an der Kommunion unverzichtbar zu unserem Leben. Nun ist aber durch die Situation der Corona-Pandemie auch uns, wie allen Christen, genau diese Möglichkeit genommen. Und wir solidarisieren uns ganz bewusst mit allen anderen Christen und Christinnen und teilen diesen schweren Verzicht mit allen. Die Anbetung des gegenwärtigen Herrn in der Eucharistie bleibt uns als kostbare Möglichkeit erhalten, wie auch Ihnen allen in den geöffneten Kirchen. In diesem geistlichen Tagebuch möchten wir das mit Ihnen teilen, woraus wir täglich die Kraft und Freude schöpfen für unser Leben in dieser ganz besonderen Zeit.

 
31. Mai 2020, Pfingsten

Gelöste Zungen
Neuer Geist
  
Unter die Haut
mitten ins Herz
und nicht mehr
aus dem Kopf
  
ging es jenen
deren Glut erlosch
unter der Asche
der Enttäuschung.

Gestrandet in
den engen Maschen
des Gewohnten
wurden sie
herausgefischt
aus dem Leeren
unerwartet.
 
 Und jene
dort in der Ferne
spürten
ahnten
wussten
der Tod
hielt IHN nicht.
  
Gott
sei
Dank.
 
Und Feuer
loderte wieder auf
zwischen ihren
Worten

die sich nun
ausbreiteten
in Windeseile
durch gelöste
Zungen.

Unter die Haut
mitten ins Herz
und nicht mehr
aus dem Kopf
ging es ihnen.
 
Der
Totgesagte
lebt.
 
Aus: Stefan Schlage, Entkrümmt. Glaube poetisch verdichtet.
Lyrik und Meditationen, Innsbruck 2019.

Der nächste Eintrag kommt zum Mittwoch.

Sr. Ursula Wahle OSB

 
30. Mai 2020, Samstag der 7. Osterwoche

Caritas Dei diffusa est …
  
Die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist (Röm 5,5). Das ist der lateinische Eröffnungsgesang am Pfingstsamstag. Er greift schon vor auf das Fest der Geistsendung am kommenden Tag. Ja, der Heilige Geist ist schon ausgegossen in unsere Herzen und bringt dort die Liebe hervor. Aber was ist eigentlich Liebe? Das Wort Liebe wird für so vieles verwendet, was vielleicht nur ganz am Rande mit dem zu tun hat, was damit gemeint ist.
  
Die Liebe ist eine Kraft, die in uns entsteht und die nach außen wirksam wird. Die Liebe einer Mutter zu ihrem neugeborenen Kind ist eine „natürliche“ Kraft, die alleine durch den Anblick des Kindes geweckt wird – so jedenfalls, wenn keine Störungen vorliegen. Die erotische Liebe entsteht, wenn zwei Menschen eine so tiefe Zuneigung füreinander empfinden, dass sie mit dem je anderen ganz vereint sein möchten, seelisch und körperlich. Erich Fromm hat vor etwa 65 Jahren ein Buch geschrieben mit dem Titel „Die Kunst des Liebens“, das ich immer noch mit großem Gewinn lesen kann. Er geht darin davon aus, dass die Urform der Liebe, die „Nächstenliebe“ ist, das was im Neuen Testament mit Agape (lateinisch caritas) bezeichnet wird. Und er nennt vier Aspekte, die zu dieser Liebe gehören: Fürsorge, Verantwortungsbewusstsein, Achtung und „Erkenntnis“. In allen Formen der Liebe, die ich durchgespielt habe, kommen diese Aspekte in unterschiedlicher Stärke vor.
  
„Gott sucht Menschen, die mit ihm lieben“ – dieses Zitat habe ich schon mal erwähnt und es ist mir sehr kostbar. Fürsorge ist nicht ohne Zärtlichkeit möglich, Erkenntnis nicht ohne Einfühlungsvermögen, und doch ist Liebe eben weit mehr als Gefühl. Ja, zur Liebe gehört auch unser Gefühl, und zugleich ist sie weit mehr. Sie ist eine Kraft, eine Stärke, ein Potential, das uns von Gott gegeben ist und durch das wir zu Gottes Mitwirkenden in dieser Welt werden. Um nichts weniger beten wir im Zugehen auf Pfingsten. Rechnen wir also mit einer uns ergreifenden Kraft, die unser Leben verändert!
  
Komm, Heiliger Geist,
ergieße dich in unsere Herzen,
entzünde in uns die Glut der Liebe,
und mache uns zu lebendigen ZeugInnen deiner zärtlichen Fürsorge
in einer Welt,
die ihrer so dringend bedarf!
  
Der nächste Eintrag erscheint morgen.

Sr. Ursula Wahle OSB

 
28. Mai 2020, Donnerstag der 7. Osterwoche                         

Apostelgeschichte 22,30; 23,6-11
Johannes 17,20-26

Learning by doing

„Und ich habe ihnen die Herrlichkeit gegeben, die du mir gegeben hast, damit sie eins sind, wie wir eins sind.“
„…damit die Liebe, mit der du mich geliebt hast, in ihnen ist und ich in ihnen bin.“ (Johannes 17,22 + 26b)
Was steckt alles in diesen wenigen Worten?! Es ist überwältigend. Aber wir dürfen das wirklich glauben! Die Liebe Gottes, mit der Gott, der Vater, Jesus liebt, ist jetzt auch in uns! Um das zu realisieren, braucht es ein Leben lang. Was für Aussagen über uns Menschen?! Welche Würde wird uns da zugesprochen?!! Und im 2. Teil wird uns ebenso knapp erklärt, dass Christus in uns – in mir – heute – lebt! Wagen wir es ruhig, diese Worte auf uns zu beziehen. Dazu steht im Kontrast, wie ich mir selbst oft vorkomme: eher unbedeutender. Und ich fühle mich dabei so, wie jemand, der den neuesten Computer gekauft hat: Beste Technik, viele Anwendungs-möglichkeiten. Aber ohne Gebrauchsanweisung und das nötige Know-how nützt mir der teuerste PC nichts. Und nun ich: ein Mensch mit hoher Würde und ungezählten Möglichkeiten. Aber mir scheint, dass Gott die Gebrauchsanweisung für das Wunderwerk, das ich bin, vergaß mitzuschicken. Da stehe ich nun. Was jetzt?
Gott denkt sich das vielleicht so, wie wir das oft schon im Leben erfahren haben: Learning by doing! Ausprobieren mit Versuch, Irrtum, manchmal auch mit Erfolg! Christus lebt in mir. Das möchte ich leben und nutzen, in dem ich tue, was ER tut: Lieben! Denn alle anderen Menschen haben die gleiche Würde wie ich und deshalb sind sie als Geschöpfe Gottes liebenswert, so wie ich selbst vom Vater und von Christus geliebt bin. Alles Weitere wächst dann von selbst. Viel Freude beim Ausprobieren und Üben!
 
 Abba, Du mein Vater!
 Christus, Du mein Bruder!
DANK sei Euch für die Liebe und Würde, die Ihr mir schenkt.
 Ihr befähigt mich, es Euch gleichzutun. Mein Nächster ist mir so nah,
 wie die manchmal schwierigen Mitmenschen in meiner unmittelbaren Nähe!
Bei ihnen fange ich an, komme ihnen entgegen, immer wieder,
ohne Erwartungen auf Gegenleistung oder Dank.
Erfolg garantiert! Nicht zwingend zeigt Besserung im anderen,
vielleicht zwar als Zugabe. Doch das Eigentliche geschieht in mir:
Wer liebt, auch über die Schmerzgrenze hinaus,
wird glücklich. Wer loslässt, wird losgelassen.
Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche.
 Amen.
 
Der nächste Impuls erscheint am Samstag.

Sr. Bernadette Tonne OSB

 
26. Mai 2020, Dienstag der 7. Osterwoche

Die Macht des Gebetes?
 
Was „macht“ Gebet denn eigentlich? „Macht“ das überhaupt Sinn, jetzt intensiv um das Wirken des Heiligen Geistes zu beten? Und „bringt“ Gebet überhaupt etwas? Oder macht es nur etwas mit uns, so dass wir uns irgendwie besser fühlen?
  
Wir lesen derzeit das 17. Kapitel aus dem Johannesevangelium. In diesem Abschnitt richtet Jesus sich in inständigem Gebet an den Vater und legt vor allem Fürbitte ein für seine Jünger und für all jene, die durch deren Zeugnis zum Glauben finden – also auch für uns. Natürlich sind die Worte, die uns hier überliefert werden keine Mitschrift eines wörtlichen Gebetes Jesu. Es geht viel mehr um das Geheimnis dessen, wer Jesus ist und in welchem Verhältnis er zum Vater und wir zu ihm stehen. Es geht um Beziehung, um eine tiefe Verbundenheit. Zuvor hatte Jesus schon gesagt: Amen, amen, ich sage euch: Was ihr den Vater in meinem Namen bitten werdet, das wird er euch geben (Joh 16,23). Es geht um dieses geheimnisvolle Ineinander und Miteinander.
  
Alles hängt daran, ob wir glauben, dass wir wirklich in einer lebendigen Beziehung zu Jesus und durch ihn zum Vater stehen. Wenn Jesus hier so inständig zum Vater betet, dann zeigt er uns, dass auch wir diesen Weg gehen sollen. Gott hat die ganze Schöpfung in die Freiheit entlassen und greift nicht einfach gegen unseren Willen in das Geschehen der Welt ein. Er erhält sie am Leben, ja, aber zu diesem Leben gehört auch unsere Freiheit und die der ganzen Schöpfung. Wir Menschen sind aber die einzigen Geschöpfe, die sich bewusst und willentlich an Gott wenden können und ihn bitten, dass er seinen Heiligen Geist sendet und zum Heil der Welt und der ganzen Schöpfung wirken lässt. Ist es vorstellbar, dass wir auf diese einzigartige Würde verzichten und nicht in diese innige Beziehung mit Gott eintreten? Er wartet doch nur darauf!!! Das ist unsere Teilhabe am ewigen Leben schon hier und jetzt.
 
Und ganz persönlich: Wenn ich nicht die Möglichkeit hätte und auch schon ihre Wirkmächtigkeit erfahren hätte, für die obdachlosen Menschen, mit denen ich hier lebe, zu beten, dann könnte ich niemals so für sie da sein. Dank sei Gott!
  
Was befleckt ist, wasche rein;
Dürrem gieße Leben ein,
heile du, wo Krankheit quält.
Wärme du, was kalt und hart,
löse, was in sich erstarrt,
lenke, was den Weg verfehlt.
 
Der nächste Eintrag kommt zum Donnerstag.

Sr. Ursula Wahle OSB


24. Mai 2020, 7. Sonntag der Osterzeit

Apostelgeschichte 1,12-14
Johannes 17,1-11a
Die Entdeckungsreise
der Suchen und Finden

„Mein Herz denkt an dein Wort: „Suchet mein Angesicht!“
Dein Angesicht, Herr, will ich suchen.“ (Psalm 27 (26), 8)
 
Als ich ca. 15 oder 16 Jahre alt war, packte es mich. Ich hatte eine heiße Spur gefunden und seitdem ließ es mich nie mehr los. Ich hatte ein Indiz entdeckt. Ich folgte dem Hinweis und fand immer neue spannende Details. Ich war da einer ganz großen Sache auf der Spur! Es war Gott selbst, der mir mehr als Rätsel aufgab. Das war aufregender als jeder Krimi. Wie Faust wollte ich wissen, was die Welt im Innersten zusammenhält. Meine Entdeckungen erfüllten mich ganz, und langsam verstand ich, dass ich unbedingt in diese geheimnisvolle Sphäre eintreten wollte. Ich blieb fest entschlossen, so lange zu suchen, bis ich „es“ fand. Was genau das sein würde, wusste ich noch nicht. Aber mir war klar, dass es Sinn macht, dafür zu leben und gleichzeitig spürte ich, wie mir neue Kraft und Begeisterung zuflossen. Damals wusste ich noch nicht, dass das auch etwas mit Heiligen Geist zu tun hat.
Ich fand das Göttliche überall: in den Bäumen, der Luft, dem Wetter (Regen, Wind, Sturm), in mir selbst, meinem Körper, wie er atmet, z.B. beim Dauerlauf sowie in meiner Freude über all das. Das alles machte mich glücklich.
Ich suchte und fand, doch „es“ entzog sich mir auch immer wieder, und ließ mich manchmal erstaunt, leer und ratlos zurück. Später war sie wieder da, diese ungeheure Faszination, die mir Kraft verlieh. So ist das mit der „Sache“ mit Gott. Es verändert und wandelt sich immer wieder neu. Ich brauchte lange für diese Erkenntnis. Inzwischen habe ich dazugelernt und bin in der Lage, jederzeit Gott zu finden, gleich in welcher Situation ich mich auch befinde. Denn jetzt weiß ich um die Füller der Möglichkeiten und Weise, wie mir Gott begegnen möchte. Mir ist es möglich zu beten, wo auch immer ich mich gerade befinde (vgl. Apostelgeschichte 1,14). Ich kann in der Bibel lesen, dem heiligen Wort Gottes (vgl. Johannes 17,8), und vor allem weiß ich mich stets in der Gegenwart Gottes geborgen. Ganz gleich, ob es mir gut geht oder schlecht: ER ist immer bei mir. ER spricht mir immer wieder seine Liebe zu und würdigt mich. So ist mir jetzt bewusst, dass ich mehr als alles habe und das befähigt mich zum Sein.
 
Du mein lieber Gott, mein Schöpfer!
Du lässt Dich finden, wenn ich nach Dir suche,
Du bist schon in mir. Wenn ich mich finde, finde ich Dich!
Wenn ich Dich finde, finde ich mich selbst, mein Sein in Dir, in Christus!
Leben ist Austausch und Veränderung, Wandlung und Bewegung.
Seit ich das verstanden habe, fürchte ich die Veränderungen meines Lebens
nicht mehr, weil ich weiß, dass sie Chancen sind und mir neue Wege
ins Weite erschließen.
Gott, ich DANKE Dir für Deine Nähe zu mir!
 
Der nächste Eintrag kommt am Dienstag.


Sr. Bernadette Tonne

 
23. Mai 2020, Samstag der 6. Osterwoche

Pfingstnovene
  
In den neun Tagen zwischen Christi Himmelfahrt und Pfingsten beten wir um das Kommen des Heiligen Geistes. In der Apostelgeschichte wird eine sinnlich wahrnehmbare Herabkunft des Heiligen Geistes 50 Tage nach Ostern, also Pente-coste, erzählt. Auch hier gilt wieder: Lukas beschreibt in großartigen Bildern, was die anderen Evangelisten nur andeuten. Johannes etwa sagt, dass der Auferstandene die Jünger anhauchte und sagte: Empfangt den Heilige Geist (Joh 20,22). Das ist also viel unspektakulärer.
 
Allerdings beginnt das Wirken des Geistes nicht erst nach der Auferstehung Jesu. Schon bei der Schöpfung der Welt ist der Geist der große Mitwirker (Gen 1,2; 2,7). Dieser Schöpfer-Geist, den wir uns eben kaum anschaulich vorstellen können, ist überall gegenwärtig und wirksam, er ist der große Lebensspender oder auch die große Lebensspenderin. Allerdings – und das mögen wir manchmal bedauern – hat Gott die ganze Schöpfung in die Freiheit entlassen und so auch uns Menschen. Wir können uns dem Wirken des Geistes verschließen, ihm sogar entgegenwirken. Durch Tod und Auferstehung Jesu hat Gott mit der Welt einen neuen Anfang gemacht und so hat der Geist auch noch einmal einen neuen Zugang bekommen.
  
Wir beten in diesen Tagen darum, dass der Heilige Geist „kommt“. Er ist schon da, aber es geht darum, dass wir ihn einlassen. In dieser Zeit, in der so offensichtlich wird, wo überall wir uns dem Wirken des Geistes verschließen und ihm sogar willentlich entgegenwirken – überall dort, wo wir die Schöpfung misshandeln und zerstören, wo wir Menschen zutiefst unmenschlich behandeln und ausbeuten …. – in dieser Zeit ist es so heilsnotwendig, dass wir um den Heiligen Geist beten und flehen und uns selbst seinem Wirken öffnen.
 
Komm herab, o heil’ger Geist,
der die finstre Nacht zerreißt,
strahle Licht in unsre Welt.
 
Komm, der alle Armen liebt,
komm, der gute Gaben gibt,
komm, der jedes Herz erhellt.
 
 
Der nächste Eintrag kommt zum morgigen Sonntag.


Sr. Ursula Wahle OSB

 
21. Mai 2020, Christi Himmelfahrt

Zu Christi Himmelfahrt

Was haben wir uns eigentlich unter diesem Fest vorzustellen - Christi Himmelfahrt?

Lukas beschreibt diese Szene in der Apostelgeschichte sehr anschaulich: Als Jesus das gesagt hatte, wurde er vor ihren Augen emporgehoben und eine Wolke nahm ihn auf und entzog ihn ihren Blicken. Dieser Vers hat die Künstler aller Zeiten dazu inspiriert die herrlichsten Bilder von der Aufnahme Christi in den Himmel zu malen. Eines ist das von Giotto https://www.thecathwalk.de/ascensione-giotto/ . In vielen barocken Kirchen ist die Himmelfahrt Christi als Deckenfresko zu sehen. Es hat aber auch fromme Menschen dazu bewegt, die letzten Fußabdrücke Jesu auf einem Hügel in Galiläa aufzusuchen und den Himmel darüber zu betrachten.
Aber, kann das gemeint sein? Lukas war ein großer Erzähler und hat uns das Wirken Gottes in Bildern übermittelt, weshalb er auch als der „Maler“ unter den Evangelisten gilt. Im Epheserbrief wird der gleiche Inhalt ganz anders in Sprache umgesetzt: Gott hat Christus von den Toten auferweckt und im Himmel auf den Platz zu seiner Rechten erhoben, hoch über jegliche Hoheit und Gewalt, Macht und Herrschaft und über jeden Namen, der nicht nur in dieser Weltzeit, sondern auch in der künftigen genannt wird. (vgl Eph 1,20f.)

An diesem Tag feiern wir, dass Jesus nach seinem Tod nicht ins „Nichts“ zurückgefallen ist, sondern in einen Bereich eingetreten ist, den wir „Himmel“ nennen. Es ist eine völlig andere Dimension von Leben, die uns nur im Glauben zugänglich ist. Jesus, der Christus, ist unseren Blicken und all unseren Sinnen entzogen, aber er lebt und er hat von Gott alle göttliche Vollmacht erhalten, d.h. er „sitzt auf dem Platz zu seiner Rechten“. In Jesus Christus ist Gott Mensch geworden und hat im Tod unsere menschliche Natur mit in den „Himmel“ genommen, wo er auf ewig eben auch Mensch bleibt, göttlicher Mensch. Und am 15. August feiern wir das Fest der Aufnahme Mariens in den Himmel. In ihr kommt zum ersten Mal das göttliche Erlösungswerk zu Vollendung, das auch uns allen verheißen ist.

Mir ist das ein Grund wirklich jubelnder Freude, weil Jesus lebt, weil ihm alle Macht gegeben ist und der Tod endgültig besiegt ist, weil er auch mich einmal zu sich holen will.
Seele Christi heilige mich

in meiner Todesstunde rufe mich,
zu dir zu kommen heiße mich,
mit deinen Heiligen zu loben dich,
in deinem Reiche ewiglich.
 
Der nächste Eintrag kommt zum Samstag.

Sr. Ursula Wahle OSB

 
19. Mai 2020, Dienstag der 6. Osterwoche

Bitttage
  
Die drei Tage vor Christi Himmelfahrt sind in der katholischen Tradition die Bitttage, in denen wir um ein gutes Wachstum der Aussaat und um Bewahrung vor Unwetter bitten. Diese Tradition ist schon 1500 Jahre alt! Besonders in ländlichen Regionen werden an diesen drei Tagen im Anschluss an die Heilige Messe auch Flurprozessionen gehalten. In unserem Kloster ist davon die Auswahl der Gesänge und Gebete in der Messe geblieben und wir beten an diesen Tagen vor der Mittagshore die Allerheiligenlitanei. Diese Bitttage haben auch einen Bußcharakter, weshalb die liturgische Farbe violett ist.

In diesem Jahr nehme ich für diese Tage einen geradezu dramatischen Anlass in der Situation unserer Welt wahr. Damit meine ich nicht primär die Corona-Krise, bzw. die Infektion unzähliger Menschen mit dem Covid-19-Virus. Vielmehr meine ich das Offensichtlichwerden des katastrophalen Zustands unserer Erde und unserer menschlichen Gesellschaft – weltweit.
  
In den letzten drei Monaten sind 310.000 Menschen an der Coronainfektion gestorben. Das ist schrecklich und für jeden einzelnen und seine Angehörigen mit großem Schmerz und tiefer Trauer verbunden. Im gleichen Zeitraum sind 4 Millionen Menschen an Hunger gestorben. Und das ist keine einmalige Situation, sondern ein Dauerzustand seit Jahren und Jahrzehnten! In Indien sind 10 Millionen Kinder als „Arbeitssklaven“ tätig und ein Großteil von ihnen als Wanderarbeiter gerade auf einem verzweifelten Fußmarsch nach Hause in ihr Dorf, weil sie durch Corona ihre Arbeit verloren haben. In einem ukrainischen Hotel stehen Säuglingsbettchen aufgereiht, in denen Säuglinge liegen, die von Leihmüttern ausgetragen wurden und deren Eltern sie nun nicht abholen können. In unseren Fleischereien – so stellen wir gerade fest – arbeiten Menschen aus Osteuropa unter unsäglichen Umständen, um den Lebensunterhalt ihrer Familien in der Heimat aufzubessern und uns billiges Fleisch zu beschaffen. Durch den Shutdown wurde unsere Konsumkette unterbrochen und es zeigt sich, dass unser gesamtes weltweites Wirtschaftssystem von einem gigantischen Konsumzwang lebt, der Menschen und unsere Erde unerbittlich ausbeutet.
  
Kann es sein, dass diese wirklich schlimme Coronainfektion etwas offenlegt, was noch viel dramatischer und zerstörerischer für die Menschheit und unsere Erde ist?
  
So lassen Sie uns in diesen Tagen wirklich inständig gemeinsam beten für eine Umkehr der gesamten Menschheit hin zu einem schöpfungsgemäßen Umgang mit den Gütern dieser Welt, die uns Gott anvertraut hat, und zu einem fürsorglichen Lebensstil für alle Menschen.
  
Bekehre uns, vergib die Sünden,
schenke, Herr, uns neu dein Erbarmen …
Alle Heiligen Gottes, bittet für uns!
 
Der nächste Eintrag kommt zu Christi Himmelfahrt

Sr. Ursula Wahle OSB

 
17. Mai 2020, 6. Sonntag der Osterzeit

Lieben und verinnerlichen
  
Wenn ihr mich liebt, werdet ihr meine Gebote halten. Diese Übersetzung des griechischen Textes klingt sehr legalistisch. Ich habe dann irgendwie eine Liste von Geboten vor Augen, auf die ich genau achten muss und hinter die ich dann vielleicht mal einen Haken machen kann: eingehalten √. Aber würde eine solche Vorstellung zu Jesus passen? Das griechische Wort, das hier mit „halten“ übersetzt ist, hat ein sehr weites Bedeutungsspektrum. Eines davon bezieht sich auf die Schwangerschaft: „im Leib tragen“. Das scheint mir eine viel passendere Vorstellung zu sein: Die Gebote Jesu, die er uns selbst vorgelebt hat, so in mich aufnehmen, dass ich damit „schwanger gehe“, dass ich sie verinnerliche und sie so zu einem Teil von mir werden und Leben hervorbringen. So könnte Jesus es gemeint haben. Und das passt dann auch mit dem Thema „Liebe“ zusammen.
 
Und ein zweiter Gedanke: Die Welt sieht mich nicht mehr; ihr aber seht mich. Mit „die Welt“ meint Johannes die Welt, die sich von Gott abgewendet hat, die ihre eigenen Wege geht. Haben Sie schon mal versucht, einem Menschen, der in diesem „Modus“ lebt, Ihren Glauben plausibel zu machen? Sie reden von etwas, das er oder sie einfach nicht sehen kann. Es ist für sie nicht existent. Aber auch gläubige Menschen können eine solche Erfahrung im eigenen Herzen machen: Es kann eine Glaubensfinsternis über uns hereinbrechen, die nichts, aber wirklich gar nichts mehr sieht. Das ist eine ziemlich schreckliche Erfahrung, die sogar Heilige gemacht haben. Oder es kann sein, dann es zu einer langsam aber sicher voranschreitenden Verdunkelung kommt und irgendwann stellt ein Mensch fest: Ich sehe nichts mehr und ich glaube nichts mehr.
 
Jesus hat uns den Heiligen Geist versprochen. Er wird uns durch die finsterste Nacht führen und wenn wir um seinen Beistand bitten, nicht zulassen, dass unser Glaube sich so verdunkelt, dass wir einmal nichts mehr zu sehen glauben und von dem ablassen, der uns Weg, Wahrheit und Leben ist.
  
Komm herab, o Heil’ger Geist,
der die finstre Nacht zerreißt;
strahle Licht in unsre Welt.
 Komm, o du glückselig Licht,
fülle Herz und Angesicht,
dring bis auf der Seele Grund.
Aus der Pfingstsequenz
 
Der nächste Eintrag kommt zum Dienstag.

Sr. Ursula Wahle OSB

 
15. Mai 2020, Freitag der 5. Osterwoche

Freunde Jesu

Das heutige Evangelium ist ein sogenannter „Spitzentext“ der Verkündigung. Es sagt uns Worte, aus denen wir leben können und die unser Leben verändern.
 
Jesus sagt zu uns (das sagt er ja nicht nur zu den Aposteln!): Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch auftrage. Und was trägt Jesus uns auf? Das steht im V 17: Liebt einander! Was macht Menschen zu Freunden? Freunde macht es aus, dass sie eine gemeinsame Lebensausrichtung haben, dass sie ihre wesentlichen, grundlegenden Interessen teilen. Da kann es in der konkreten Gestaltung große Unterschiede geben, aber die Richtung muss die gleiche sein. In der Antike sprach man bei Freunden von einer „Seelenverwandtschaft“, bis dahin, dass zwei Freunde eine gemeinsame Seele hätten (Basilius und Gregor von Nazianz). Wenn Jesus uns Freunde nennt und das an die Erfüllung seines Gebotes knüpft, dann geht es genau darum: Seine Lebensausrichtung teilen, seine Hauptinteressen zu meinen machen. Und sein Hauptinteresse war das Reich Gottes, seine Lebensausrichtung war in der Vertikalen die Liebe zu Gott und in der Horizontalen die Liebe zu den Menschen.
 
Für mich kann ich sagen, dass das bisher ein ganz langsamer Annährungsprozess war. Zu Beginn meines klösterlichen Lebens vor fast 30 Jahren, waren meine Interessen noch ziemlich weit von den Interessen Jesu entfernt. Wir müssen im Laufe des Lebens immer wieder eine kopernikanische Wende vollziehen: Nicht mehr wir selbst sind der Mittelpunkt unseres Lebens, sondern ER – Jesus, Gott, das Reich Gottes … Und das wird im Leben konkret in der Liebe, die wir zu schenken bereit sind.
In einem meiner Lieblingstexte des Alten Testaments heißt es: Von Geschlecht zu Geschlecht tritt sie (die Weisheit) in heilige Seelen ein und schafft Freunde Gottes und Propheten. (Weish 7,27)

Atme in mir, du Heiliger Geist, dass ich Heiliges denke.
Treibe mich, du Heiliger Geist, dass ich Heiliges tue.
Locke mich, du Heiliger Geist, dass ich Heiliges liebe.
Stärke mich, du Heiliger Geist, dass ich Heiliges bewahre.
Hüte mich, du Heiliger Geist, dass ich das Heilige niemals verliere.
 
 
Der nächste Eintrag kommt zum Sonntag.

Sr. Ursula Wahle OSB


 
13. Mai 2020, Mittwoch der 5. Osterwoche

Was ist Kirche? III

Damit ihr die großen Taten dessen verkündet, der euch aus der Finsternis in sein wunderbares Licht gerufen hat.

Dieser Abschnitt aus dem ersten Petrusbrief, der über die Kirche spricht, gibt uns auch noch mal eine wichtige Auskunft darüber, was wir sind, was unser Auftrag ist und was das Geschenk Gottes an uns ist. Wir haben etwas zu verkünden, oder besser gesagt: Wir haben jemanden zu verkünden. Paulus sagt es in 1 Kor 15,3-5 ganz kompakt (und das ist ein von ihm schon übernommenes frühchristliches Taufbekenntnis): Christus ist für unsere Sünden gestorben, gemäß der Schrift, und ist begraben worden. Er ist am dritten Tage auferweckt worden, gemäß der Schrift, und erschien dem Kephas, dann den Zwölf. Das ist eine ganz starke Verdichtung der großen Taten Gottes.

Aber was hat die Apostel und was hat Paulus dazu gebracht, derartig kraftvoll, den Tod und die Auferstehung Jesu zu verkünden? Jesus ist ihnen als der Lebendige, der gekreuzigt Auferstandene begegnet. Und darauf kommt es auch bei uns an. Wir müssen Jesus wirklich begegnet sein, um überzeugend und be-geisternd von ihm sprechen zu können. Und damit hängt dann auch die Erfahrung zusammen, dass Gott uns aus der Finsternis in sein wunderbares Licht gerufen hat.

Nur wenn wir den Mut haben und die Geduld, auch wirklich finstere Finsternis auszuhalten, wenn wir bereit sind, sie zu er-dulden, dann werden wir auch die Erfahrung machen, dass wir ins Licht gerufen sind und in diesem Licht auch dem Auferstandenen begegnen, der von sich gesagt hat: Ich bin das Licht der Welt. (Joh 8,12) Nach meiner eigenen Erfahrung meine ich sagen zu können, dass es eine Art „Gesetz“ ist, dass wir den lebendigen Jesus nur erfahren können, wenn wir zuvor auch mit ihm „im Grab gelegen haben“ (dazu mein Beitrag am Karsamstag). Aber – und das ist die zentrale Botschaft: Der Tod hat nie das letzte Wort!
  
Jesus lebt, mit ihm auch ich! Tod, wo sind nun deine Schrecken?
Er, er lebt und wird auch mich von den Toten auferwecken.
Er verklärt mich in sein Licht; dies ist meine Zuversicht.

Sr. Ursula Wahle OSB


 
11. Mai 2020, Montag der 5. Osterwoche

Ein Volk, das sein auserwähltes Eigentum ist
  
Die Kirche – die Kyriakë – ist von Gott aus gesehen, sein erwähltes Volk. Zu Israel hat Gott unzählige Male gesprochen: Ich werde euer Gott sein und ihr werdet mein Volk sein. Und das gilt auch weiter, weil Gottes Treue nicht vergeht. Mit Jesus, der zum Volk Israel gehörte, ist eine neue Etappe in der Heilsgeschichte angebrochen. Die Kyriakë ist nicht mehr ein Volk, ein Geschlecht durch Abstammung, durch Geburt, sondern ein Volk, zu dem wir durch die Taufe gehören. Wir werden durch die Taufe in dieses auserwählte Volk aufgenommen. Die Taufe verbindet aber alle Christen, egal welcher Konfession (nur einige Freikirchen erkennen die Kindertaufe nicht an). Alle, die zu Christus gehören, die im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes getauft sind, gehören zu diesem Volk.
  
Ich möchte ein Bild verwenden: Die Kirche ist ein nomadisches Volk, sie ist unterwegs, zieht durch die Zeiten. Immer wieder kommen Menschen zu dieser pilgernden Kirche hinzu, andere gehen zur Seite, ziehen vielleicht nicht mehr mit. Entscheidend ist, dass dieses Volk unterwegs bleibt, dass es sein Ziel nicht aus dem Auge verliert, dass es sich nicht einrichtet und niederlässt. Wir müssen weiterziehen, das ist unser Auftrag und unsere Sendung. Solange wir auf dem Weg bleiben, solange wir durch die Zeiten ziehen, können sich uns die Menschen anschließen – und sei es auf den letzten Metern ihres Lebensweges.
 
Und das Ziel? Benedikt formuliert es wunderbar im 72. Kapitel der Regel über den guten Eifer, den die Mönche haben sollen: Christus sollen sie gar nichts vorziehen. Er führe uns alle gemeinsam zum ewigen Leben.

Gib dem Volk, das dir vertraut,
das auf deine Hilfe baut,
deine Gaben zum Geleit.
Lass es in der Zeit bestehn,
deines Heils Vollendung sehn
und er Freuden Ewigkeit.
 Letzte Strophe der Pfingstsequenz
  
Der nächste Tagebucheintrag kommt zum Mittwoch, dem 13. Mai.

Sr. Ursula Wahle OSB


 
10. Mai 2020, 5. Sonntag der Osterzeit

Eine königliche Priesterschaft
  
Heute lesen wir den Abschnitt aus dem ersten Petrusbrief, der uns eine wunderbare Beschreibung dafür gibt, was Kirche ist: Ihr aber seid ein auserwähltes Geschlecht, eine königliche Priesterschaft, ein heiliger Stamm, ein Volk, das sein auserwähltes Eigentum wurde, damit ihr die großen Taten dessen verkündet, der euch aus der Finsternis in sein wunderbares Licht gerufen hat.
  
Es fällt sofort auf, dass hier Bilder und Worte aufgegriffen wurden, die ursprünglich dem Volk Israel galten. Sie gelten nun auch für die, die durch Christus zum neuen Volk Gottes geworden sind. In den nächsten Tagen möchte ich einzelnen Worten etwas nachgehen. Heute der Bezeichnung: eine königliche Priesterschaft. Welche Aufgabe hat in der Bibel ein König? Der König ist der Stellvertreter Gottes, der für sein Volk sorgen soll. Gott ist der eigentliche König und er hat dem Menschen eine königliche Aufgabe übertragen: Für die Schwachen zu sorgen, den Armen Recht zu verschaffen, die Schöpfung zu hüten, alles in Weisheit zu ordnen (z.B. Gen 1,28; Gen 2,19 f., Ps 72,4.12; Ps 8). Das ist also die königliche Aufgabe der Kirche. In der Apostelgeschichte hören wir heute davon, dass den Diakonen in besonderer Weise diese königliche Würde übertagen wird. Aber eben nicht nur ihnen kommt sie zu, sondern wir alle haben Teil an dieser Würde.
 
Und die Kirche ist eine Priesterschaft. Wir alle sind eine Priesterschaft. Wir stehen vor Gott, wir bringen Gebete und Gaben vor ihn, wir haben einen stellvertretenden Dienst für die ganze Welt. Im Matthäusevangelium wird in einem anderen Bild davon gesprochen: Ihr seid das Salz der Erde (Mt 5,13). Die ganze Kirche ist eine königliche Priesterschaft. Leben wir heute in diesem Bewusstsein und lassen und ganz davon durchdringen!
 
 
Wir preisen dich, heiliger Vater,
denn groß bist du, und alle deine Werke verkünden deine Weisheit und Liebe.
Den Menschen hast du nach deinem Bild geschaffen und ihm die Sorge für die ganze Welt anvertraut.
Über alle Geschöpfe sollte er herrschen und allein dir, seinem Schöpfer, dienen.
(aus dem vierten Hochgebet)


Sr. Ursula Wahle OSB


 
9. Mai 2020, Samstag der 4. Osterwoche
 
 
Mit ganzem Herzen
vertrau auf den Herrn!
 (Sprichwörter 3,5)
  
Ich glaube dem Satz aus dem Buch der Weisheit: „dein Wort erhält alle, die dir vertrauen.“ (Weisheit 16,26). Ja, ich vertraue dem Wort der heiligen Schrift (vgl. Psalm 119,42) und ich habe guten Grund dazu. Denn damit vertraue ich zugleich direkt auf den Herrn: „Ja, Gott ist meine Rettung, IHM will ich vertrauen und niemals verzagen.“ (Jesaja 12,2) kann ich mit dem Propheten Jesaja sagen. Von ihm stammt auch die Empfehlung: „Nur Stille und Vertrauen verleihen euch Kraft.“ (Jesaja 30,15)

Wer auf den Herrn vertraut, braucht sich nicht mehr zu fürchten (vgl. Psalm 56,5). Von Daniel heißt es, er habe solches Vertrauen gehabt, als er in der Löwengrube war (vgl. Daniel 6,24). Auch Judiths Vertrauen wird in der heiligen Schrift gerühmt: „Die Erinnerung an dein Vertrauen soll in Ewigkeit nicht... entschwinden.“ (Judith 13,19) Das bedeutet, das Vertrauen Ewigkeitswert hat, genauso, wie die Liebe in Ewigkeit bleibt.

Ja, dieser Gott ist mir nahe, selbst wenn ich es nicht spüren kann, näher als ich mir selbst bin. ER spricht es zu Seinen Jüngern und auch zu mir heute:
Habt Vertrauen, ich bin es!“
 (Markus 6,50 / Matthäus 14,27)
 
In den 54 Jahren meines Lebens habe ich gelernt, Gott in allem grenzenlos zu vertrauen, sogar in dem, was mich belastet, was ich an mir selbst nicht mag, in meiner Schwachheit und Sündhaftigkeit, weil ER es mir zuspricht: „Hab Vertrauen, mein Sohn, - meine Tochter -, deine Sünden sind dir vergeben.“ (vgl. Matthäus 9,2) Deshalb kann ich mich selbst ganz entspannt loslassen, denn ER hält mich in Seinen Händen. Früher war das nicht so. Zu diesem Vertrauen zu gelangen, war ein weiter Weg für mich. Aber Gott ist ihn geduldig mit mir gegangen.

Der heilige Paulus sagt: Wir haben durch Christus so großes Vertrauen zu Gott. Es ist, „das Vertrauen, das der Glaube an IHN schenkt.“ (Epheser 3,12)
Gesegnet ist der Mann
- gesegnet ist die Frau -
 dessen Vertrauen der Herr ist!“
 (vgl. Jeremia 17,7)

Sr. Bernadette Tonne OSB


 
8. Mai 2020, Freitag der 4. Osterwoche

Was ist Kirche? II
 
Die Kirche ist eine Gemeinschaft, die gesammelt wird. Die Apostel sammeln diejenigen, die gläubig geworden sind um sich und dann entstehen die lokalen Gemeinden der Gläubigen. Es geht immer um eine Gemeinschaft von Männern und Frauen, die an Gott glauben und an Jesus, den Gott gesandt hat. Jesus ruft im heutigen Evangelium: Glaubt an Gott und glaubt an mich! Aber das bedeutet nicht nur, und überhaupt nicht zuerst, ein Glaubensbekenntnis zu sprechen – auch wenn die Formulierung von solchen Bekenntnissen von Anfang an sehr wichtig war. Es heißt vor allem, so zu leben, als wäre das, was wir im Glaubensbekenntnis sagen auch wahr! Also, als hätte es Auswirkungen auf unser Leben.
 
Im Evangelium spricht Jesus von den vielen Wohnungen, die im Haus seines Vaters sind, und die er vorbereitet für uns. Gerade diese Worte trösten mich heute am meisten. In der vorletzten Nach ist einer der wohnungslosen Männer gestorben, die im Umfeld unseres Klosters leben. Er lag morgens tot unter der Brücke. Ich kannte ihn seit zweieinhalb Jahren und wir hatten eine innige Beziehung. Der Schmerz ist da und wird auch noch bleiben. Aber dieses Bild von den Wohnungen, die beim Vater sind und die Jesus vorbereitet hat, das tröstet mich zutiefst. Ja, ich vertraue darauf, dass Igor jetzt endlich eine Wohnung hat, nach der er sich so lange gesehnt hat – eine, die all seine kühnsten Vorstellungen übersteigt. Das ist ein Bild, natürlich. Aber wie sonst sollen wir tröstend und anschaulich von unserer Hoffnung Zeugnis geben?
 
Heiliger Geist,
vertiefe unseren Glauben,
erfülle uns mit lebendiger Hoffnung
und entzünde in uns das Feuer der Liebe!

Sr. Ursula Wahle OSB


 
7. Mai 2020, Donnerstag der 4. Osterwoche
 
Bittet - Suchet - Klopfet an!
  
Der Herr ist da! Ich bin Benediktinerin vom Heiligsten Sakrament, um IHN anzubeten. Wer anbetet, hängt an dem, den er anbetet, er hängt IHM an, weil er IHN wertschätzt, ehren möchte, sich an IHM freut, IHN liebt. Wir Schwestern hier im Kloster hängen JESUS CHRISTUS an, wir hängen auch an Seinen Lippen, wir möchten IHN hören, IHM zuhören.
 
Mutter Mechtilde, Cathérine de Bar, die Gründerin der Benediktinerinnen der ewigen Anbetung gebrauchte oft zwei Grundworte in einem Atemzug: Adorer et adhérer! -  Anbeten und Anhangen! Wir erkennen den inneren Zusammenhang dieser Begriffe! ZUSAMMENHANG! Wer jemandem anhängt, hängt mit ihm zusammen, lebt in Kontakt, in Berührung mit ihm. Wir hängen mit Jesus zusammen!
  
Immer wieder sprach Mutter Mechtilde zu ihren Schwestern auch davon, dass eucharistische Anbetung bedeutet, den Herrn ganz bewusst in den Blick zu nehmen und zwar in allen Einzelheiten, IHN zu betrachten in Seinen Eigenschaften, ebenso Sein Leben, Handeln und Seine Absichten, die immer auf die Ehre Gottes, des Vaters und das Heil der Menschen abzielen! Das setzt natürlich voraus, dass wir den Herrn immer besser und genauer kennenlernen.
Und was könnte uns dafür hilfreicher sein als die Heilige Schrift, besonders das Neue Testament?! "Bittet, dann wird euch gegeben; sucht, dann werdet ihr finden; klopft an, dann wird euch geöffnet. Denn wer bittet, der empfängt; wer sucht, der findet, und wer anklopft, dem wird geöffnet."  (Matthäus 7,7)
Und wonach sollen wir suchen? Im Evangelium lesen wir: "Euch aber muss es zuerst um das Reich Gottes und um seine Gerechtigkeit gehen, dann wird euch alles andere dazugegeben." (Matthäus 6,33)
  
Wer Gottes Reich sucht, braucht sich um sich selbst nicht mehr zu sorgen, denn er ist ganz geborgen in Gottes Hand, aus der ihm alles zuteilwird! Und wo findet sich das Reich Gottes? Auch darüber gibt uns die Schrift Auskunft: "Das Reich Gottes ist schon mitten unter euch!" (Lukas 17,21)
  
Jetzt haben wir dem Herrn gelauscht. Wie Maria in Betanien sitzen wir zu Seinen Füßen, um IHM zuzuhören. Lassen wir nun Seine Stimme in uns noch ein wenig nachklingen!
 
Anbeten und Anhangen!


Sr. Bernadette Tonne OSB


 
6. Mai 2020, Mittwoch der 4. Osterwoche

Was ist Kirche? I
  
In diesen Tagen zwischen Ostern und Pfingsten lesen wir jeden Tag einen Abschnitt aus der Apostelgeschichte. Es ist die Geschichte über die Entstehung der Kirche, über ihr Wachstum und ihre ursprüngliche Ausrichtung. Ich möchte gerne einige Gedanken, Beobachtungen mit Ihnen und Euch teilen über das, was Kirche eigentlich, von ihren Anfängen her und auch heute, ist.
  
Das deutsche Wort „Kirche“ gefällt mir dabei viel besser als das Wort „Ecclesia“. Kirche kommt vom griechischen Wort „Kyriakë“. Darin steckt das Wort „Kyrios“ und so sehen wir sehr leicht: Kirche, das sind die, die zum Herrn, zum Kyrios gehören. Sie bilden das „Haus des Herrn“. Und das sehen wir in der Apostelgeschichte sehr deutlich. Petrus heilt den Gelähmten an der Schönen Pforte des Tempels im Namen Jesu Christi, des Nazoräers. Und als die Apostel gefragt werden, in wessen Namen sie all das – das Predigen und das Heilen – tun, antworten sie ebenfalls: Im Namen Jesu Christi des Nazoräers. Sie versammeln sich in seinem Namen und sie rufen Menschen dazu, sich auf seinen Namen taufen zu lassen. Man könnte auch sagen: Das sind die „Jesus-Anhänger“, das ist die „Gesellschaft Jesu“ (wenn der Name nicht schon von den Jesuiten besetzt wäre). Wir heißen Christen, aber das meint dasselbe.
Mir hat mal ein Obdachloser gesagt: „Ich bin ein Straßenmann“. Und da habe ich gedacht: „Und ich möchte gerne eine Jesusfrau werden“.
  
Wie ist das mit uns? Merkt man uns an, dass wir zu Jesus gehören? Woran merkt man das? Und fühlen wir uns als die, die das Haus des Herrn bilden? Kann man IHN treffen, wenn man bei uns eintritt?
 
 
Mein Herr und mein Gott,
nimm alles mir, was mich hindert zu dir.
Mein Herr und mein Gott,
gib alles mir,
was mich fördert zu dir.
Mein Herr und mein Gott,
nimm mich mir und gib mich ganz zu eigen dir.
 (Klaus von der Flüe)

Sr. Ursula Wahle OSB


 
5. Mai 2020, Dienstag der 4. Osterwoche
 
Eine persönliche Gebetserfahrung
  
In der Stille ist es leichter, Gebetserfahrungen zu sammeln. Wir Schwestern hier im Kloster sind in der glücklichen Lage, oft in Stille sein zu dürfen. Das ist vielen Menschen nicht vergönnt. Ich bin mir dessen bewusst, wie viele Familien leiden unter der Enge der Wohnung, dem „sich -nicht – aus – dem – Weg - gehen - können“, jetzt in der Corona-Krise. Wie leicht kann es dabei auch zu Konflikten kommen, mit denen die Menschen dann fertigwerden müssen. Deshalb gilt mein Beten vor allem auch ihnen!
Dennoch wage ich es, heute eine Gebetserfahrung aus der Stille zu beschreiben, in der Hoffnung, dass es Ihnen vielleicht Ermutigung schenken kann, sich selbst auf die Reise nach Innen zu machen. Die heilige Katharina von Siena hatte fast nie Stille. Ihr Leben war turbulent. Doch sie hatte in ihrem Herzen einen Raum der Stille eingerichtet, in den sie sich jederzeit zurückziehen konnte und dem Herrn begegnen konnte, der sie dort tröstete durch seine Gegenwart, die sie nie aus den Augen verlor und in ihrem Herz hütete.
Die folgende Gebetserfahrung machte ich zum ersten Mal im Jahr 2008, und seitdem oft, fast täglich: Ich sehe Dich, Gott. Ich sehe Dich überall! Du umhüllst mich sanft wie die Luft. Ich sehe Dich im Unsichtbaren und in dem ich Dich sehe, wächst meine Sehnsucht Dich zu sehen. Meine Sehnsucht ist jetzt, in diesem Moment gerade erfüllt und zugleich spüre ich in mir wiederum neue und stärkere Sehnsucht. Beides zugleich!
Und dabei ist so ein grenzenloses Schweigen in mir – zugleich mit dem Sehen – tiefe Stille ist in mir. Auch das bist Du!
Ich glaube, es ist FRIEDE, den ich fühle und zugleich spüre ich Dich, wie Du mich kraftvoll trägst und innerlich aufbaust. Ich sehe Dich überall – in allen Menschen und Gegenständen, die mir begegnen. Aus allem leuchtest Du mir entgegen. Lautlos kommt Dein Wort mir entgegen, wortlos, wortloses Wort. Es ist so große Ruhe in mir. So unbewegt ist es in mir, ohne starr zu sein, lebendig, aber ganz still, Ruhe!
Mich dürstet nach Dir, der Du mich immerfort jetzt erfüllst und erquickst! Merkwürdig nicht? Aber das Eine schließt das Andere nicht aus! Ich weiß auch nicht, weshalb das so ist. Nur, dass es so ist, erfahre ich.
Natürlich, all dies sind in sich paradoxe Aussagen. Aber nur so kann ich Ihnen annähernd beschreiben, was ich innerlich erlebe. Ich wünsche jedem Menschen diese frohmachende Erfahrung der Gegenwart Gottes. Alles andere erblasst daneben und wird so klein.


Sr. Bernadette Tonne OSB


 
4. Mai 2020, Montag der 4. Osterwoche

Gute Türhüter sein
  
Wer aber durch die Tür hineingeht, ist der Hirt der Schafe. Ihm öffnet der Türhüter und die Schafe hören auf seine Stimme. So hieß es gestern im Evangelium und ich möchte noch mal dabei bleiben. Der Türhüter hat meinen Blick auf sich gezogen. Wer ist dieser Türhüter? Ich möchte mit diesem Bild gerne einmal etwas spielen, so wie Johannes selbst es ja auch tut, wenn er in der Bildrede vom Guten Hirten mit den verschiedenen Bildern jongliert.

Nehmen wir doch mal an, die Kirche – also wir alle – wären die Türhüter. Wir stehen nur an der Tür und haben die Aufgabe, die Tür zu öffnen, wenn der Hirte, wenn Jesus kommt. Wie gut ist es dann, wenn wir seinen Schritt schon von Weitem hören, wenn wir das Geräusch seines Gewandes kennen und sicher sagen können: Da kommt ER! Und dann öffnen wir nur die Tür, damit er zu den Menschen kommen kann, treten selbst zurück und lassen Jesus ein, damit er zu den Menschen kommen kann.

Mir hat mal eine sehr erfahrene Exerzitienbegleiterin gesagt: Das mindeste, was man von einer Begleiterin erwarten kann, ist, dass sie Gott nicht im Wege steht, wenn er mit den Menschen in Berührung kommen möchte. Wäre das nicht auch eine gute Fährte für den Weg in die Zukunft, den wir als Kirche suchen? Wo stehen wir, wo stehe ich den Menschen vielleicht im Weg, sozusagen mitten im Türrahmen, wenn Jesus zu ihnen kommen möchte? Oder bin ich so vertraut mit seinem Schritt, dass ich ihn schon von Weitem erkenne und freudig die Tür öffne, damit er eintreten und Begegnung feiern kann?

Herr, mache uns zu guten Türhütern,
die deinen Schritt kennen,
die Tür öffnen
und dich Begegnung mit den Menschen feiern lassen.

Sr. Ursula Wahle OSB


 
3. Mai 2020, 4. Sonntag der Osterzeit, Guter-Hirten-Sonntag     
 
Apostelgeschichte 2,14a.36-41
Johannes 10,1-10
 KAIROS

„Als sie das hörten, traf es sie mitten ins Herz.“ (Apg 2,37a)
„Lasst euch retten…“ (= lat. salvamini, engl. save = lasst euch heilen, retten) (Apg 2,40b)
„Ich bin die Tür, wer durch mich hineingeht, wir gerettet (lat. salvabitur, engl. He shall be saved = wird geheilt, wird in Sicherheit sein)

In den heutigen Lesungen ist von Umkehr und Rettung die Rede. Es bewegt mich immer wieder, wie Petrus die Leute geradezu anfleht: „Lasst euch retten!“ oder anders übersetzt „lasst euch helfen!“, „lasst euch heilen!“. Auf jeden Fall lauschten die Menschen sehr aufmerksam den Worten des Petrus, denn sie hattes etwas erkannt, das sie „mitten ins Herz getroffen“ hatte, so dass sie sich be – troffen fühlten. Auch für uns kann wieder eine Zeit kommen, in der uns persönlich etwas aufgeht und uns durch das Herz geht. Das ist dann ein ganz besonderer Moment, ein KAIROS = eine Gnadenzeit! Wachsames Lauschen und Spüren ist dann das Gebot der Stunde! Vermutlich haben Sie es in ihrem Leben schon einmal oder öfter erlebt?! Etwas erschreckt einen, vielleicht spürt man Trauer und/oder Reue über früheres eigenes Handeln oder ausgesprochene Worte, aber zugleich auch eine geheimnisvoll-freudige Gewissheit der Vergebung und Reinigung. Man fühlt sich eingehüllt in Barmherzigkeit und Licht und erahnt, wie sich neue Möglichkeiten und Wege des Daseins ankündigen. So etwas ist reines Geschenk.
Heute bin ich auf den Tag genau seit 30 Jahren im Kloster der Benediktinerinnen vom Heiligsten Sakrament und inzwischen ist jeder Tag für mich ein neues Geschenk von Gottes Güte, weil ich immerhin anfanghaft gelernt habe, in Gottes Gegenwart zu verweilen, so dass ich IHN in allem erkenne. Er ist bei mir, überall. Früher habe ich das noch nicht so verstanden und gefühlt. Jetzt bin ich täglich erfüllt von Dankbarkeit und Freude. Gott ist Gott. Was für ein Glück!
Wie man dorthin gelangt? Dazu empfehle ich Ihnen zunächst einen Text von Antoine de St. Exupéry: „Die Kunst der kleinen Schritte“, den Sie im Internet finden können.
  
Vater, Schöpfer des Alls, Du bist mein Gott!
Ich danke Dir für Deine Geduld mit mir!
Du zeigst mir den Weg in der Kraft des Heiligen Geistes.
Ich brauche nur aufmerksam achten auf die vielen Hinweise von Dir in den Ereignissen,
Bildern und Worten, die mir nur scheinbar „zufällig“ heute begegnen.

Sie sind Gaben von Dir für mich und nicht selten auch für andere!
Lernen geht langsam, Schritt für Schritt, Tag um Tag in Geduld.
Und Du gehst jeden Moment mit mir mit!

Sr. Bernadette Tonne OSB


 
2. Mai 2020, Samstag der 3. Osterwoche

Worte des ewigen Lebens

In den letzten Tagen haben wir immer wieder von Jesus gehört: Ich bin das Brot des Lebens. Heute sagt er uns: Die Worte, die ich zu euch gesprochen habe, sind Geist und sind Leben. Und Petrus sagt stellvertretend für alle Jünger, die weiter mit Jesus gehen wollen: Du hast Worte des ewigen Lebens.
 
Im Prolog des Johannesevangeliums heißt es sogar: Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt (Joh 1,14). Ich sehe da eine ganz enge Verbindung. Jesus ist beides: Er ist Brot des Lebens und Wort des Lebens. Er gibt uns das Brot des Lebens und das Wort des Lebens. Wenn wir „nur“ das Brot hätten ohne das deutende Wort, dann könnte es uns nicht Lebensbrot sein. Und wenn das Wort nicht mit Lebensbrot gefüllt wäre, könnte es uns auch nicht das Leben schenken.

Sicher ist es von Mensch zu Mensch verschieden, ob er / sie mehr aus dem Zeichen oder mehr aus der Deutung lebt, aber beides gehört untrennbar zusammen. Die Worte Jesu geben meinem Leben einen tiefen Sinn und machen es eigentlich erst zum wahren Leben. Und seine Person, die mir auch im eucharistischen Brot (aber bei weitem nicht nur dort!) begegnet, erfüllt mein Leben mit tiefem Sinn.

Mir fiel eine Begegnung ein, die ich vor einigen Jahren hatte. Auf dem Ordenstag in Osnabrück saß ich beim Kaffee mit indischen Schwestern zusammen und habe sie gefragt: „Was unterscheidet die deutsche Kirche von der indischen?“ Sehr klar konnte mir diese Schwester antworten und die anderen nickten zustimmend: „Die deutsche Kirche lebt so, als ob es keinen offenen Himmel gäbe, als müsste sie alles selbst machen.“ Ich habe sofort verstanden, was sie meinte. Glauben wir den Worten Jesu eigentlich, die für uns Geist und Leben sind? Oder sind wir so auf das Materielle, auf das bloße Brot fixiert, dass wir den offenen Himmel darüber vergessen haben?
Wenn wir fragen, was in und nach der Corona-Krise aus der Kirche wird (die ja übrigens gar nicht unsere Kirche ist, sondern die Kirche des Herrn!), dann wünsche ich mir, dass wir uns auf den offenen Himmel über uns besinnen und darauf, dass Jesus hinaufgestiegen ist, um uns den Weg zum Himmel zu eröffnen – schon heute!
  
Herr, zu wem sollten wir gehen?
Du hast Worte des ewigen Lebens.

Sr. Ursula Wahle OSB


 
1. Mai 2020, Freitag, Hl. Josef der Arbeiter                                             

Kolosser 3,14-15.17.23-24
  
Die Würde des Arbeitenden
 
 
„Tut eure Arbeit gern, als wäre sie für den Herrn und nicht für die Menschen.“ (Kolosser 3,23)
 
Was für ein schöner Gedanke: Ich arbeite im Letzten, nicht (nur), weil ich Geld verdienen muss, oder, um der Firma, bei der ich beschäftigt bin, das Auskommen zu sichern, sondern ich arbeite für Gott und vielleicht auch für meine Mitmenschen und Kollegen, denen ich freundlich-hilfreich zuarbeite. Mein Arbeiten geschieht im Bewusstsein vor Gottes Gegenwart. Damit verliert sie jede Eintönigkeit und Langweiligkeit, falls es sich manchmal um stupide, öde Arbeit handelt und mein Schaffen gewinnt an Sinnfülle.
  
Papst Franziskus drückte das in seiner Enzyklika „Laudato si“ (Seite 92) so aus: „Die Arbeit sollte der Bereich … (einer) vielseitigen persönlichen Entfaltung sein, wo viele Dimensionen des Lebens ins Spiel kommen: die Kreativität, die Planung der Zukunft, die Entwicklung der Fähigkeiten, die Ausübung der Werte, die Kommunikation mit anderen und die Haltung der Anbetung.“ Auf diese Weise erfahre ich mich selbst als kostbar, mein Tun als sinnvoll und wertvoll, und mein Dasein als ausgefüllt von Gottes Gegenwart, sofern ich es mir gönne, mich zu sammeln. Das ist möglich auch in widrigen, schwierigen Umständen. Kurz gesagt: Ich fühle bei dieser inneren Ausrichtung auf Gott FREUDE bei der Arbeit, das Leben ist so des Sinnes voll. So komme ich zur Dankbarkeit, die Paulus an zwei Stellen in der heutigen Lesung betont. Auch in Corona-Zeiten z.B. im Homeoffice lässt sich das leben.
 
Sinnvolle Beschäftigung zu finden ist natürlich besonders wichtig für jene Menschen, die ihre Arbeit in dieser auch die Wirtschaft treffenden Krise verloren haben. Für diese Menschen bete ich besonders intensiv, dass sie nicht verzweifeln, sondern Hilfen erhalten und Hoffnung behalten, um kreativ neue Möglichkeiten des Arbeitens und Geldverdienens finden zu können. Ora et labora = Bete und arbeite: Dieses „Programm“ des heiligen Benedikt ist sehr bekannt. Es steckt wirklich tiefe Weisheit in solchem betenden Tun.
  
Gott Du mein Schöpfer,
ich DANKE Dir für meine Gesundheit,
dass ich denken und arbeiten kann.
Ich bitte Dich für die Menschen,
die nicht Arbeiten können z.B. wegen Krankheit oder Arbeitslosigkeit.
Danke, dass Du bei uns bist und uns begleitest durch unsere Zeit.

Sr. Bernadette Tonne OSB


 
30. April 2020, Donnerstag der 3. Osterwoche

Gottsucher
  
Heute hören wir diese wunderschöne Lesung aus der Apostelgeschichte von der Begegnung des Äthiopiers mit Philippus. Dafür lasse ich heute das Johannesevangelium mal bei Seite.
Der Äthiopier ist ein wahrer Gottsucher. Er kommt als Gottesfürchtiger von ganz weit her, um in Jerusalem Gott zu suchen und anzubeten. Er gehört zu den ganz Großen, zu denen, die viel weltliche Macht und vermutlich einigen Reichtum haben. Und dabei ist er ein Gottesfürchtiger und er macht sich auf einen weiten Weg. Und als er zurückfährt, ist das „Thema für ihn nicht erledigt“. Er liest und forscht weiter in den Schriften. Und Philippus sieht ihn lesen, sieht ihn suchen und – das ist ganz wichtig! – steigt zu ihm in seinen Wagen.
Damit lernen wir etwas ganz Wichtiges: Wenn wir heute Menschen zu Jesus führen wollen, dann müssen wir in ihren Wagen steigen! Aber dann nicht einfach mitfahren, sondern Rede und Antwort stehen und zuvor noch eine Frage stellen, die den anderen öffnet für eine Begegnung.
Es gibt Menschen, die für solche Gespräche sehr begabt sind und andere sind es nicht so sehr. Das liegt ja nicht jedem gleichermaßen. Aber Zeugnis geben für den, der mir Brot des Lebens geworden ist, das kann ich doch irgendwie.
Und jetzt doch noch ein Wort aus dem Evangelium. Da zitiert Jesus auch ein Wort aus dem Propheten Jesaja: Alle werden Schüler Gottes sein. Gehen wir doch einfach davon aus, dass alle Menschen, denen wir begegnen potenzielle Schüler Gottes sind, potenzielle Gottsucher!
 

Komm, Heiliger Geist,
lass mich die rechten Worte finden,
schenk mir ein freundliches Lächeln,
nimm du Wohnung in mir,
dass andere
die dich suchen,
etwas spüren von deiner Gegenwart,
und sich berühren lassen.
Und lass mich nicht nach Erfolg streben,
sondern nur danach,
die Menschen deine Zuwendung spüren zu lassen.

Sr. Ursula Wahle OSB


 
29. April 2020, Mittwoch der 3. Osterwoche

Johannes 6,35-40
  
Angenommen und in Sicherheit
  
„Alles, was der Vater mir gibt, wird zu mir kommen, und wer zu mir kommt,
 den werde ich nicht abweisen.“ (Johannes 6,37)
 
 
Ja, Herr, ich möchte mich angenommen wissen. Darum möchte ich zu Dir kommen, denn ich fühle mich zeitweise einsam und ungetröstet. Ich brauche so sehr Deinen Zuspruch, Deine Ermutigung und Dein Erbarmen. Ich möchte mich Dir öffnen in meiner Sehnsucht. Aber wie geht das?
Papst Johannes Paul II. schrieb einmal in der Enzyklika „Dives in misericordia“: „Die Öffnung auf Christus hin, kann sich nur vollziehen in einer immer reiferen Beziehung zum Vater und seiner Liebe.“ Ach so! Und in dem gleichen Schreiben lese ich weiter: „Das Erbarmen ist der zweite Name der Liebe“, und „An die Liebe Gottes glauben, heißt an das Erbarmen glauben.“
Vielen DANK, lieber heiliger Papst Johannes Paul! Jetzt sehe ich klarer und spüre, dass ich auf dem rechten Weg bin. Denn ich vertraue Dir, meinem Gott, dem barmherzigen Vater. So komme ich auch zu Jesus. Und es beglückt mich zu lesen, dass er mich nicht abweisen wird! In Momenten des Zweifels ist das ein starker Halt.
 
Vielleicht kann meine Suche nach Gott, auch Ihnen Hoffnung schenken: Wir sind nie allein. In uns lebt Gott als Vater, Sohn und inspirierender Heiliger Geist. Wer sich in Stille darauf besinnt und nach innen schaut, findet neue Wege! Und wie ebenfalls Papst Johannes Paul II. schrieb: (vgl. Apostolisches Schreiben „Salvici Doloris) „Jeder Mensch ist in gewissem Sinn der Weg der Kirche.“
 
Gott, du mein Gott,
Dein endloses Erbarmen begeistert und ermutigt mich,
es neu zu wagen, das Leben mit Dir, in Dir.
Heute schaust Du mich liebevoll an.
Was auch geschieht, Du bist bei mir,
Du hältst zu mir, auch im Leid und in schwierigen Situationen.
Du zeigst mir, dass auch das Leiden Sinn hat und fruchtbar ist.
(„Die FREUDE kommt aus der Entdeckung des Sinnes des Leidens.“,
Apostolisches Schreiben „Salvici Doloris von Papst Joh. Paul II.)
Dafür DANKE ich Dir, in dem ich mich dem Leben stelle und
anpacke, was es heute von mir fordert.

Sr. Bernadette Tonne OSB


 
28. April 2020, Dienstag, der 3. Osterwoche

Ich bin das Brot des Lebens
 
Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, wird nie mehr hungern, und wer an mich glaubt, wird nie mehr Durst habe.
Was will Jesus uns denn mit diesen Worten sagen? Was meint er denn damit, wenn er sagt: Ich bin das Brot des Lebens? Das 6. Kapitel des Johannesevangeliums wird als das eucharistische Kapitel verstanden. Bei Johannes gibt es ja keine Abendmahlsüberlieferung, sondern nur die Fußwaschung, dafür aber eben diese große Brotrede in der Synagoge von Kafarnaum.
 
Ich möchte das jetzt aber mal im Hintergrund lassen, in der „zweiten Reihe“. Wie verstehe ich dieses Wort Jesu für mich, in meinem konkreten Leben? Jesus meint sicher beides: Er ist das Brot, das Leben in sich trägt und das Brot das Leben schenkt. Aber dieses Lebensbrot ist eben Jesus selbst, sein Leben, sein Menschsein, sein Gottsein, ist für mich Brot des Lebens. Wenn Jesus mir sein „Fleisch“ zu essen gibt, dann verstehe ich das so, dass er mir sein ganz konkretes Leben zur Nahrung gibt. Ich werde mit seinem konkreten Leben so sehr verbunden, dass es für mich zum Leben wird. Mein Leben und sein Leben, werden so eng miteinander verbunden, dass es zur Einheit wird. Das scheint mir zumindest die Absicht Jesu zu sein. Jesus möchte, dass ich so lebe, dass er quasi in mir weiterlebt – hier und heute. Das ist doch eigentlich „unglaublich“, oder? Jesus traut mir das zu, dass ich das kann? Und er befähigt mich sogar dazu, wenn auch in einem sehr langen Umwandlungsprozess.
 
Mir fällt ein Wort von Nikolaus von Cusanus (bin mir nicht mehr ganz sicher) ein: Gott sucht Menschen, die mit ihm lieben. Ist das nicht die Sehnsucht Jesu, von der er spricht, wenn er sagt: Mit großer Sehnsucht habe ich danach verlangt, vor meinem Leiden dieses Paschamahl mit euch zu essen (Lk 22,15)? Es geht ihm darum, uns zu Menschen zu machen, die aus der Liebe Gottes leben wie er und diese Liebe weitergeben, wie er. So wird er für mich wirklich zum Lebensbrot. Und in der  Eucharistie trägt er mir das auf und befähigt mich dazu.
  
Eine Freundin, Ehefrau, Mutter von drei erwachsenen Töchtern, Oma von zwei Enkeln, selbst Tochter alter Eltern, schrieb mir neulich: „Mein Leben gehört mir schon lange nicht mehr selbst“ – denn sie hat es längst verschenkt … Und sie konnte sich selbst so verschenken, weil sie ganz aus der Liebe Gottes lebt.
 
Jesus,
mein Herr und mein Gott,
mein Leben soll nicht mehr mir gehören, sondern dir.
Du bist mein Leben und ich lebe ganz aus dir.
Lass mich heute so leben, dass du dich in mir erkennen kannst!
Amen.

Sr. Ursula Wahle OSB

 
27. April 2020, Montag der 3. Osterwoche
                                             
Apostelgeschichte 6,8-15                                                                                                                
Johannes 6,22-29
 
Wie das Gesicht eines Engels

Stephanus sitzt in der Falle. Er hat die Mehrheit der Mächtigen gegen sich. Alles scheint sich in unlauterer Weise gegen ihn verschworen zu haben. Es ist aussichtslos, zu Ende. Weitere eigene Worte der Verteidigung helfen ihm nicht mehr. Aber Herz und Gewissen des Diakons sind rein. Stephanus spürt in sich den Frieden Christi. Er weiß, wie gut und aufrichtig er es meinte, als er Christus in den Armen und Kranken diente. Stephanus ist innerlich zutiefst frei, im Gegensatz zu seinen Anklägern, die Sklaven ihrer Angst und ihres sinnlosen Zornes sind. Ihm bleibt die Anbetung Gottes aus tiefstem Herzen in der Freude des Heiligen Geistes: „Und als alle, die im Hohen Rat saßen, auf ihn blickten, erschien ihnen sein Gesicht, wie das Gesicht eines Engels.“ (Apostelgeschichte 6,15)
 
Stephanus hat sich abgemüht „für die Speise, die für das ewige Leben bleibt.“ (Johannes 6,27b)
 
Brot ist wichtig,
die Freiheit ist wichtiger,
am wichtigsten ist die ungebrochene Treue
und die unverratene Anbetung.
(Alfred Delp)

Auch wir Menschen heute sind in gewisser Weise Gefangene wie Stephanus, z.B. in der eigenen Wohnung durch die Corona-Krise, durch Zwänge und scheinbare Notwendigkeiten im Arbeitsleben oder in der Familie. Doch auch wir haben die Möglichkeit, unser Herz zu hüten, und innerlich frei zu bleiben im Vertrauen auf Gott, im Bewahren einer lauteren Gesinnung, in der Sehnsucht nach dem Guten und Wahren!
Denken wir auch an unseren wohlwollenden Begleiter, unseren Schutzengel, der allezeit das Antlitz Gottes schaut und uns liebt und behütet, wenn wir auf ihn hören.
 
Herr, du mein Gott,
ich danke Dir für meinen Schutzengel
und Deine stete Gegenwart in meinem Leben.
Immer und überall kann ich mich an Dich wenden,
wenn ich mich sammle auf Dich hin!
Mach lauter mein Herz,
dass ich mit Frieden erfüllt bin.

Sr. Bernadette Tonne OSB

 
26. April 2020, 3. Sonntag der Osterzeit
 
Begegnungen am See

Heute möchte ich mit Ihnen einen Abschnitt aus dem Buch von Jeremy Driscoll OSB, Awesome glory. Resurrection in scripture, liturgy and theology, Collegeville 2019 zum heutigen Evangelium teilen.

Von allen Auferstehungserscheinungen des Herrn in den vier Evangelien zeigt diese eine unter anderem, dass der auferstandene Herr beabsichtigt, uns in unserem täglichen Leben zu begleiten. Ja, er ist jetzt ein glorreicher Herr. Er ist über den Tod hinaus. Er lebt bereits unser aller Zukunft in der Gegenwart des Vaters. Sein menschlicher Körper ist völlig von göttlicher Herrlichkeit durchdrungen. Und doch ist er hier bei uns in unserer normalen Zeit, in unserem täglichen Leben. "Ich gehe fischen", sagt Petrus, und sechs weitere Jünger gehen mit. Irgendwie sind sie zu ihrem normalen Leben in Galiläa zurückgekehrt. Und Jesus ist dort, aber er erscheint nicht in Donner und Blitz eines göttlichen Wesens, sondern wie ein gewöhnlicher Mann, der am Ufer entlanggeht, zunächst unerkannt. Er ist ein gewöhnlicher Mann, der den Fischern eine normale Frage stellt: "Habt ihr etwas zu essen gefangen?“ Wenn sie mit "Nein" antworten, tut Jesus auch etwas ganz Normales, die Art von Gespräch der Menschen an einem See. Ein kleiner Ratschlag vielleicht von einem anderen Fischer: "Werft das Netz über die rechte Seite des Bootes aus, und ihr werdet etwas finden". Auch dies ist ein ganz normaler Vorschlag, aber wenn sie seinen einfachen Rat befolgen, ergibt sich plötzlich ein riesiges und unerwartetes Zeichen: ein so großer Fang, dass sie das Netz nicht einholen konnten. Es ist die Liebe, die zuerst die Bedeutung des Zeichens erkennen kann, und der Evangelist sagt dies ausdrücklich: "Der Jünger, den Jesus liebte, sagte zu Petrus: 'Es ist der Herr.'"
Was folgt, erscheint uns seltsam. Petrus zieht sich an und springt dann ins Wasser. Damit drückt Petrus freudig sein dringendes Bedürfnis aus, Jesus wieder zu begegnen. Er möchte sich vorzeigbar machen, denn er war leicht bekleidet.

Der Ausruf des Johannes, die Erregung des Petrus - sie sollen uns Vorbilder für unsere eigenen Reaktionen auf die Begegnung mit dem auferstandenen Herrn sein. Aber wir sollten nicht vergessen, dass es sich bei all diesen Erscheinungen nicht nur um eine wichtige Begegnung für denjenigen handelt, der den Herrn sieht. Es sind auch echte Begegnungen für Jesus, der in seiner ganzen Menschlichkeit auferstanden ist. Wie erfreut muss er über das Erkennen des Johannes gewesen sein, wie zärtlich bewegt über den impulsiven Sprung des Petrus ins Wasser.

Bis zu diesem Punkt ist die Szene ziemlich normal. Auch wenn der Fang groß ist und ein Mann, der plötzlich aus dem Boot springt, seltsam ist, sind wir immer noch im Bereich des Möglichen. Die Szene setzt sich in ihrer Alltäglichkeit fort, aber langsam sickert ein Element des Mysteriösen in die Darstellung ein. "Als sie ans Ufer kletterten, sahen sie ein Holzkohlenfeuer mit Fisch und Brot darauf.“ Dann gibt es eine seltsame Einladung des Fremden: "Kommt zum Frühstücken." Und: "Keiner der Jünger wagte, ihn zu fragen: 'Wer bist du?', denn sie erkannten, dass es der Herr war.
Dann verwendet er wieder jene Gesten, die er am Abend vor seinem Tod beim Essen mit ihnen vollzogen hatte: "Jesus kam herüber, nahm das Brot und gab es ihnen, und in gleicher Weise den Fisch".
Wenn wir uns daran erinnern, dass die Verkündigung des Evangeliums in der Liturgie das Geheimnis dessen enthüllt, was in der versammelten Gemeinde geschieht, werden unsere Herzen von der Lesung dieses Abschnitts ganz gefesselt sein. In der Szene sind sieben Jünger zu sehen, die jeden möglichen Typus repräsentieren, die in einer Gemeinde zusammen kommen: der impulsive Petrus, der zweifelnde Thomas, der kluge Nathanael, die gefühlsintensiven Söhne des Zebedäus und "zwei weitere Jünger" für diejenigen, die sich selbst nicht unter den bereits Genannten erkennen. Und nun zu uns. Auch wenn es Ostern ist und sich wunderbare Geheimnisse der Gnade entfalten, müssen wir mit unserem gewöhnlichen Leben weitermachen. "Ich gehe fischen." "Wir kommen mit dir." Und so sind wir hier. Aber warten Sie! Plötzlich erklingt die Botschaft des geliebten Jüngers tief in unseren Herzen: "Es ist der Herr!" Und wir erkennen, dass er hier in unserer Mitte ist!

Sr. Ursula Wahle OSB


25. April 2020, Samstag der 2. Osterwoche                                    

Finsternis liegt über der Urflut

Obschon heute das Fest des Apostels Markus ist, möchte ich mich auf das Evangelium beziehen, das heute eigentlich gelesen würde. Es ist ja ein ganz wichtiger Abschnitt aus dem 6. Kapitel des Johannesevangeliums, das wir jetzt fortlaufend hören.
Es geht um den Sturm auf dem See. Es ist Abend geworden und Jesus ist noch alleine auf dem Berg. Die Jünger steigen in ein Boot und fahren auf den See hinaus in Richtung Kafarnaum. In der Übersetzung von Benedikt Schwank OSB heißt es dann: Und Finsternis war schon hereingebrochen, und Jesus war noch nicht zu ihnen gekommen, und das Meer wurde aufgewühlt, da heftiger Wind wehte. In dieser Übersetzung erinnert mich die Stelle sofort an den Beginn der ersten Schöpfungserzählung: Die Erde war wüst und wirr und Finsternis lag über der Urflut (ein tiefes, abgründiges, bedrohliches Wasser) und Gottes Geist schwebte über dem Wasser.
Was am Anfang der Zeiten war, ist zugleich immer. Es ist der Zustand der Schöpfung in ihrem noch ungeordneten, unerlösten Zustand. Erleben wir nicht genau das jetzt gerade? Die Erde scheint völlig durcheinander zu sein, nichts funktioniert mehr (auch das Klima nicht mehr!), wie wir es gewohnt sind und für viele Menschen ist es wie ein bedrohliches Chaos, in dem sie unterzugehen drohen. Wer kann da wieder Ordnung und Ruhe bringen?
Das Evangelium sagt uns: Jesus. In der Sprache des Johannesevangeliums klingt das so: Jesus kommt über das Wasser – dieser schreckliche Sturm, die hohen Wellen, das ganze Chaos scheinen ihm gar nichts auszumachen. Und er sagt zu uns: Ich bin es! Fürchtet euch nicht! Das klingt doch fast so, als wenn wir jemanden im Dunkeln kommen hören und uns fürchten und eine vertraute Stimme sagt: Ich bin es!
Es geht um die „kopernikanische Wende“. Nicht mehr wir selbst in unserem Chaos und unserer Angst stehen in der Mitte, sondern Jesus, der HERR. Denn das Ich bin es soll uns ja an den Gottesnamen erinnern, der Mose am brennenden Dornbusch offenbart worden ist: Ich bin, der ich bin da.
Schauen wir auf Jesus, blicken wir auf den, der über dem aufgewühlten Meer zu uns kommt und zu uns sagt: Fürchtet euch nicht! Ich bin es.

Kontemplatives Beten meint dieses Schauen auf IHN und zugleich ein Absehen von uns selbst in unserer Verwirrung und Angst.
 
Sr. Ursula Wahle OSB



24. April 2020, Freitag der 2. Osterwoche                                    

Apostelgeschichte 5,34-42
 
Vor wem stehe ich?
                                                                                                      
„In jenen Tagen erhob sich im Hohen Rat ein Pharisäer namens Gamaliel, ein beim ganzen Volke angesehener Gesetzeslehrer.“ (Apg 5,34)
„Leg deine Schuhe ab, denn der Ort, wo du stehst, ist heiliger Boden.“ (Exodus 3,5b)
  
Mose steht mit nackten Füßen vor dem, der ist! Gamaliel steht vor dem Hohen Rat und alle schauen gespannt auf ihn, was er wohl zu sagen hat. Auch er hat innerlich sozusagen die Schuhe ausgezogen, denn mit seinem Bewusstsein steht er einerseits zunächst vor sich selbst, vor seinem Gewissen und andererseits zugleich auch vor Gott in diesem Moment. Er weiß, worauf es wirklich ankommt: „Es zählt nur das, was ich vor meinem Gewissen und vor Gott bin“, weiß er, nichts anderes! Gamaliel ist ein aufrechter, ehrlicher Mann, mutig und geradlinig.
 
Und ich selbst? Vor wem und wie stehe ich (da), z.B. im Alltag bei der Arbeit, in der Familie, im Gespräch mit anderen? Als ich das überlegte, kam in mir die Sehnsucht auf, mich am Tage des Öfteren bewusst zu besinnen auf Gottes Gegenwart und dabei innerlich die Schuhe auszuziehen, um wahr zu sein vor IHM, so wie ich bin, also demütig vor Gott zu stehen, dort, wo ich mich gerade befinde.
 
Überall, wo ich bewusst vor Gott stehe, ist heiliger Boden! Im Stehen, der österlichen Haltung, lässt es sich auch gut beten: ausgespannt zwischen dem Himmel (Gott) und der Erde (dem Boden, dem Humus, in humiliter = in Demut = meiner Realität = meiner Wahrheit).

Gott, der Du bist, der Seiende,
Du schaust mich liebevoll an, wo ich auch bin.
Du bist bei mir, auch wenn ich manchmal nicht so bewusst an Dich denke.
Du wendest Dir mir zu mit Deinem Segen,
Du schenkst mir Mut und Kraft durch deinen zärtlichen Blick auf mich.
Danke, dass Du bei mir bist!
 
Sr. Bernadette Tonne OSB



23. April 2020, Donnerstag der 2. Osterwoche   
 
Auch eine Auferstehung

Als ich gestern die Lesung aus der Apostelgeschichte hörte, fiel mir etwas auf, was ich noch nie wahrgenommen habe und das möchte ich heute mit Ihnen teilen, auch wenn es damit eine Rückschau ist.

Da hieß es, dass ein Engel des Herrn nachts die Gefängnistore öffnete und die Apostel, vermutlich Petrus und Johannes, herausführte. Auf einmal wurde mir klar, dass das eine Anspielung an die Auferstehung Jesu ist. Die Gefängnisse der damaligen Zeit lagen ja irgendwo im unteren Bereich, vielleicht sogar unter der Erde und es waren „dunkle Löcher“. Und da, mitten in der Nacht, als die Apostel gefangen - wie Jesus im Grab – dalagen, da kam ein Engel und öffnete die Tore – rollte den Stein weg – und führte sie hinaus. Und er sagt ihnen: Geht, tretet im Tempel auf, und verkündet dem Volk alle Worte des Lebens! Die Worte des Lebens, das ist die Botschaft von der Auferstehung Christi, wie sie im heutigen Abschnitt der Apostelgeschichte zusammengefasst wird: Der Gott unserer Väter hat Jesus auferweckt, den ihr ans Kreuz gehängt und ermordet habt. Ihn hat Gott als Herrscher und Retter an seine rechte Seite erhoben

Und dann sind die Apostel bei Tagesanbruch, zur Zeit als der Auferstandene den Frauen am Grab begegnet ist, in den Tempel gegangen. Und sie haben die Botschaft von der Auferstehung Jesu verkündet, wie die Frauen am Ostermorgen.
Ist das nicht faszinierend? Lukas, der große Erzähler, der uns auch die Apostelgeschichte aufgeschrieben hat, versteht es mit dieser Geschichte deutlich zu machen: Auch ihr habt hier und heute schon Anteil an der Auferstehung, wenn ihr an Jesus festhaltet und der Welt die Worte des Lebens verkündet.
 
Und es ist für mich auch eine Hoffnungsgeschichte für J,. einen Mann, mit dem ich im engen Kontakt stehe und der wieder im Gefängnis ist, dass ihm auch eines Morgens die Tore seines Gefängnisses, besonders des inneren in seiner Seele, geöffnet werden. Dazu braucht es sicher auch die Hilfe seines Engels, von dem Sr. Bernadette gestern gesprochen hat.

Sr. Ursula Wahle OSB



22. April 2020, Mittwoch der 2. Osterwoche   
 
Präfationen II

In jeder Präfation DANKEN wir Gott. In jeder Präfation klingt am Ende an, dass wir uns mit den Chören der ENGEL vereinen, die die göttliche Herrlichkeit preisen! Manche Menschen stellen sich die Frage, ob es Engel wohl wirklich gibt. Ich glaube, dass es Engel gibt, wobei ich mich lieber nicht festlege, woraus sie bestehen und wie sie aussehen mögen.
 
Um dahin zu gelangen, beschritt ich einen langen inneren Weg. Seit mir das endlich klar ist, komme ich aus dem Staunen nicht mehr heraus: Jeder einzelne Mensch ist Gott so wichtig, dass er ihm einen eigenen Engel geschenkt hat, der ihn begleitet. So wertvoll und kostbar bin ich Gott! Was für eine große Würde muss jeder Mensch also haben?!! Im heutigen Tagesgebet heißt es: „Allmächtiger Gott, in den österlichen Geheimnissen, die wir jedes Jahr feiern, hast du dem Menschen seine ursprüngliche WÜRDE wiedergeschenkt.“
 
Was für eine Botschaft an mich, die ich glaubte, dass ich diese Würde zusammen mit meiner Selbstachtung durch mein verkehrtes Reden und Verhalten schon längst vor vielen Jahren verloren hatte! Und in diesem Gebet erfahre ich, dass jedes Osterfest, jede Vergebung, sie mir längst wieder aus Gottes Gnade neu geschenkt hat.
 
WÜRDE!  Ich bin ein Mensch, ein Christ mit Würde, bin so wertvoll, dass ich einen Schutzengel habe! Das kann ich gar nicht oft genug betrachten. Das verändert, ermutigt mich und schenkt mir neue Perspektiven und Lebensmöglichkeiten. Ja, gern stimme ich ein in den Lobgesang der ENGEL, die ohne Ende rufen:
 
„Heilig, heilig, heilig
Gott, Herr aller Mächte und Gewalten.
Erfüllt sind Himmel und Erde von deiner Herrlichkeit.
 Hosanna in der Höhe.
Hochgelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn.
Hosanna in der Höhe.

Sr. Bernadette Tonne OSB



21. April 2020, Dienstag der 2. Osterwoche   
 
Glauben heißt sich an Gott festhalten

Aus dem heutigen Evangelium möchte ich nur einen Halbsatz herausgreifen: damit jeder, der glaubt, in ihm das ewige Leben hat. Was heißt den eigentlich „glauben“? Im Hebräischen gibt es gar kein Wort, das dem griechischen „pisteuein“ oder dem deutschen „glauben“ entspricht. Jesus ist aber im semitischen Denken zuhause und so müssen wir auch dort suchen, um zu verstehen, was hier gemeint ist. In der hebräischen Bibel wird ein Wortstamm verwendet, der soviel bedeutet wie „festhalten an, standhaft sein, treu sein, Vertrauen haben“. Eine meiner Lieblingsstellen im Buch Deuteronomium lautet: Liebe den Herrn deinen Gott, höre auf seine Stimme und halte dich an ihm fest; denn er ist dein Leben. (Dtn 30,20) Darin wird zum Ausdruck gebracht, was mit glauben gemeint ist.

Wenn ich mich so nah bei Gott halte – weil er sich ja schon längst so nah bei mir hält! – dass ich seine Stimme hören kann und nach seiner Hand greifen kann und so mit ihm durch mein Leben gehe, durch Dick und Dünn, dann ist er wirklich mein Leben. Wenn ich so mit ihm durch all die schwierigen und auch die schönen Abschnitte meines Lebens gehe – und das können manchmal sehr bedrohliche Wegstrecken sein, bei denen er rechts und links ganz steil in die Schlucht runter geht – und immer wieder die Erfahrung mache: Er ist da und ich kann mich absolut auf ihn verlassen, dann wächst daraus ein Vertrauen, ein Glaube, wie ich ihn etwa bei Papst Franziskus ausmachen kann. Wenn ich so mit Gott durch mein Leben gegangen bin, dann komme ich doch niemals darauf, dass er mich am Ende fallen lässt!!!!Dann hat die Liebe, der Glaube die Furcht vertrieben. Dann habe ich in ihm schon jetzt das ewige Leben.

Sr. Ursula Wahle OSB



20. April 2020, Montag der 2. Osterwoche   
                                                
Apostelgeschichte 4,31
 
 
Beten bewegt –
 Barmherzigkeit heilt

„Als sie gebetet hatten, bebte der Ort, an dem sie versammelt waren, und alle wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt, und sie verkündeten freimütig das Wort Gottes.“
Wer betet, erwirbt Vertrauen und verändert seine Situation, weil es den Beter innerlich bewegt und er neue Perspektiven entdecken kann. Beten geschieht u.a., in dem der Mensch sich erinnert an die Größe Gottes und seine Schöpfung. Es hilft, die Wirklichkeit zu begreifen.
Wer sich so dem Höchsten zuwendet, kann erfahren, dass Gott Barmherzigkeit ist. Niemand ist größer oder kleiner als Gott, der Absolute. Aus dieser Position heraus, vermag Gott Barmherzigkeit zu schenken und allen Wesen zu vergeben. Der Beter versteht eines Tages, dass Gott ihm alles vergeben hat, was ihn belastet, dass er nun frei ist, um die empfangene Barmherzigkeit weitergeben zu können an andere durch Vergebung und Mitgefühl.
Die Apostelgeschichte beschreibt diesen Prozess bei den Jüngern. Sie bekommen Mut und Kraft, Jesu Botschaft weiterzuerzählen. Das kann bei anderen Menschen das Gemüt und möglicherweise auch den Körper heilen.
In der heutigen Lesung aus der Apostelgeschichte (Apg 4,22-31) kommt zwei Mal das Wort freimütig vor. In der Vulgata steht dafür jeweils das Wort FIDUZIA = Treue, Vertrauen, Glauben. Das weist uns darauf hin, dass die Kraft, offen das Wort Jesu zu verkünden, und Menschen zu heilen, erst zur Verfügung steht, wenn der Christ von einer starken Überzeugung, wirklich festem VERTRAUEN getragen wird. Um zu beten, braucht es wirklich echte Sammlung,
Kon - zentration, sozusagen ein gegenwärtig sein (mit Mitte) aus der eigenen Mitte heraus. Wo das gelingt, wo man innerlich leer ist, (gedanken-) frei für Gott, entsteht Kontakt mit dem Höheren, der stets und geduldig auf unser Bereitsein wartet. Solches „sich-sammeln“ ist nicht leicht, ist kein Trick, um Kräfte zu mobilisieren. Aber haben Sie Mut, solches Bemühen ist nicht vergeblich. Versuchen Sie es einfach mal.
  
Gott, Du mein Schöpfer,
bitte, hilf mir beten.
Versammle mich in Dir,
lass mich Dich finden,
zieh mich an Dich.
Ich möchte jetzt ganz auf Dich schauen,
denn Du bist der Barmherzige,
der mich in seinen guten Händen hält.

Sr. Bernadette Tonne OSB


 
19. April 2020, 2. Sonntag der Osterzeit - Weißer Sonntag
 
Pascha – Auszug in die Freiheit

Heute feiern wir den Oktavtag von Ostern. Eine Woche lang haben wir bisher die Auferstehung Jesu gefeiert. Und heute hören wir aus dem Johannesevangelium von der Begegnung des auferstandenen Herrn mit seinen Jüngern am Ostertag selbst und dann eben noch einmal acht Tage darauf. Bei Johannes ist der Tag der Auferstehung zugleich der Tag der Geistsendung: Nachdem er das gesagt hatte, hauchte er sie an und sprach zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist! Wir feiern die Osterzeit noch bis zum 50. Tag, bis Pentecoste – Pfingsten. Neun Tage zuvor feiern wir Christi Himmelfahrt. All das gehört zum Pascha – zum Auszug in die Freiheit, in das verheißene Land.
Es geht um uns, um unseren Auszug aus der Knechtschaft und unseren Einzug in das Land der Freiheit, in der es keinen Tod und keine Tränen mehr geben wird. Wirklich ans Ziel kommt dieser Auszug am 15. August. Dann feiern wir die Aufnahme Mariens in den Himmel – in das verheißene Land. Maria ist als Frau der erste Mensch und, von dem wir gläubig bekennen, dass sie dieses Ziel des Pascha wirklich erreicht hat. Aber sie ist nur die Erste, nach ihr kommt eine nicht mehr zu zählende Schar. Wir selbst sind mit in diesem Auszug unterwegs und das Ziel liegt uns vor Augen und verändert unser ganzes Leben schon hier und heute!
  
Ich liebe die Tagesoration des Weißensonntags und möchte sie hier gemeinsam mit Ihnen und Euch beten. Diese Worte drücken zutiefst unsere Dankbarkeit und Freude aus über das, was uns geschenkt ist und unser Leben von Grund auf verwandelt hat.
 
Barmherziger Gott,
durch die jährliche Osterfeier
erneuerst du den Glauben deines Volkes.
Lass uns immer tiefer erkennen,
wie heilig das Bad der Taufe ist,
das uns gereinigt hat;
wie mächtig dein Geist,
aus dem wir wieder geboren sind;
und wie kostbar das Blut, durch das wir erkauft sind
.

Sr. Ursula Wahle OSB

 
18. April 2020, Samstag der Osteroktav                                                
 
Auferstanden ist Christus, meine Hoffnung!

Wir singen in dieser Osterwoche jeden Tag nach dem Alleluia die Ostersequenz, einen Gesang aus dem 11. Jahrhundert. Als ich 1994 meine erste Profess abgelegt habe, hat die Priorin etwas zu dem Vers gesagt: Sag uns Maria, was hast du gesehen auf dem Wege? Ihre Vermutung war, dass ich wohl etwas von dem gesehen haben müsste, wovon in diesem wunderbaren Lied die Rede ist, etwas vom lebendigen Christus. Tatsächlich wurde mir eine solche Begegnung in meinen Exerzitien vor dieser Profess, die ich am Weißensonntag abgelegt habe, geschenkt. Ja, ich bin damals wirklich – zumindest anfanghaft – Zeugin für den Auferstandenen geworden.

Das liegt nun viele Jahre zurück und inzwischen ist diese Erfahrung viel tiefer geworden. In all den Jahren habe ich diesen wundersamen Zweikampf zwischen Leben und Tod erfahren. Und manches Mal fühlte es sich so an, als hätte der Tod gewonnen und das letzte Wort. Heute weiß ich, dass ich nur dadurch Zeugin der Auferstehung werde, wenn ich selbst durch die Erfahrung des Todes hindurchgegangen bin – und immer wieder gehe. Nur so erfahre ich im eigenen Leben ganz konkret, was Auferstehung bedeutet. Wir müssen wohl gewissermaßen mit Jesus im Grab gelegen haben, ohn-mächtig und am Boden, um so auch Zeuginnen der Auferstehung zu werden. So kann ich heute aus vollem Herzen und dem Wissen, das nur der Glaube schenkt, sagen: Auferstanden ist Christus, meine Hoffnung!

Victimae paschali laudes immolent Christiani.
 
Agnus redemit oves;
Christus innocens Patri
Reconciliavit peccatores

Mors et vita duello conflixere mirando;
 
Dux vitae mortuus
Regnat vivus.
 
Dic nobis, Maria: Quid vidisti in via?
Sepulchrum Christi viventis
Et gloriam vidi resurgentis,

Angelicos testes, sudarium et vestes.
Surrexit Christus spes mea;
Praecedet suos in Galilaeam.
  
Scimus Christum surrexisse a mortuis vere.
Tu nobis, victor rex, miserere!


Dem Paschaopfer sollen Lobgesänge weihen die Christen.

Das Lamm hat die Schafe erlöst.
Christus, der Schuldlose,
hat die Sünder mit dem Vater versöhnt.
 
Tod und Leben rangen in wundersamem Zweikampf.
Der Fürst des Lebens, der gestorben war,
herrscht [jetzt] lebend.

Sag uns, Maria, was hast du gesehen auf dem Wege?
Das Grab des lebenden Christus habe ich gesehen
und die Herrlichkeit dessen, der aufersteht, habe ich gesehen
 
und Engelszeugen, das Schweißtuch und die Leinentücher.
Auferstanden ist Christus, meine Hoffnung.
Vorangehen soll er den Seinen nach Galiläa.

Wir wissen, Christus ist wahrhaft auferstanden von den Toten.
Du unser siegreicher König, erbarme dich!
 
Hier finden Sie eine sehr schöne Vertonung: https://www.youtube.com/watch?v=AneBNAmTyr8

Sr. Ursula Wahle OSB



Präfationen

Acht Tage lang = eine Oktav lang begehen wir Christen unser höchstes Fest. An jedem dieser Tage kann man singen oder sagen: „HEUTE, ist unser Herr Jesus Christus auferstanden!“ Dieser Brauch hat tiefen Sinn in mehrfacher Weise. Und dazu sind es sogar insgesamt 50 Tage der Osterzeit, an dem wir dieses Geschenk Gottes feierlich begehen.
 
Auch wenn zurzeit die Gläubigen nicht in gewohnter Weise zu den Feiern zusammen kommen können, so wird doch von vielen Priestern auf der Erde täglich die Heilige Messe allein oder im kleinsten Kreis gefeiert. Bestandteil jeder Eucharistiefeier ist die sogenannte Präfation, die stets mit den Worten beginnt: „In Wahrheit ist es würdig und recht, dir, Vater, in diesen Tagen zu danken…“
 
Allein schon dieser Satz eignet sich hervorragend für das Gebet der Ruminatio. Ursprünglich bedeutet „Ruminatio“ Wiederkäuen und meint ein meditatives Wiederholungsgebet. Wenn wir es wirklich wollen, finden wir immer etwas, wofür wir DANKEN können. Und dieses Satz öfter und immer wieder mal am Tag zu wiederholen, verändert mich mit der Zeit. Probieren Sie es aus. Es tut gut, verändert die Perspektive und hebt die Stimmung.
 
Dir DANK sagen, Gott, Du Schöpfer aller Dinge,
 ja, das ist wahres Tun, ist Leben in der Wahrheit!
Dafür finde ich immer Gründe.
Manchmal fallen sie zwar nicht sofort ins Auge,
dann kann ich auf die Suche nach ihnen gehen
und wer suchet, der findet!
DANKE Gott, dass es Dich gibt!

Sr. Bernadette Tonne OSB        

 
17. April 2020, Freitag der Osteroktav                                                
 
Ein Augen-blick

Es gibt ein Bild von Janet Brooks Gerloff, das eine Szene aus dem heutigen Evangeliums zeigt. Jesus steht im Wasser und schaut von dort aus auf den ganz in weiß gekleideten Jesus, der am Ufer steht. Man sieht Jesus von hinten und Petrus von vorne, wie er Jesus anschaut. Und wir ahnen, wie Jesus umgekehrt Petrus ansieht. In dieser Begegnung schwingt alles mit: Die tiefe Innigkeit zwischen den beiden so Verschiedenen, die Vertrautheit und die Verleugnung. Ich spüre geradezu den Schmerz und das Glück, das Petrus in diesem Augen-blick empfindet. Die Gestalt Jesu drückt mit seine ganzen Gestalt Vergebung aus und Sehnsucht danach, Petrus wiederzusehen.
  
Seit ich dieses Bild kenne, berührt es mich noch viel tiefer als die Bilder von der Begegnung zwischen Maria von Magdala und Jesus am Grab. Vielleicht erkenne ich mich selbst mehr in diesem Petrus. Und ich weiß um die Frage, die Jesus ihm bald stellen wird: Liebst du mich?
 
 
[Hallo Verena A.H.! Melden Sie sich doch mal bei mir – Danke!]

Sr. Ursula Wahle OSB




The third time

„Dies war schon das dritte Mal, das Jesus sich den Jüngern offenbarte, seit er von den Toten auferstanden war“. (Johannes 21,14)
Jesus ist am dritten Tag auferstanden, nachdem er drei Mal am Ölberg zu Gott gefleht hatte, drei Mal von Petrus verleugnet worden war und zur dritten Stunde gekreuzigt worden war. Dann erschien er am dritten Tag den Frauen und den Emmausjüngern und stellt Petrus drei Mal die Frage: „Liebst Du mich?“
 
Am dritten Tag schuf Gott Sonne, Mond und Sterne, um Tage, Jahre und Festzeiten anzuzeigen. Kurz gesagt: Er hatte die Zeit erschaffen, die vierte Dimension und damit auch Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. The third time scheint auf eine Art der Vollendung hinzuweisen, die zugleich im Überstieg den Raum öffnet für weitere Dimensionen, die wir noch nicht kennen. Was kommt nach der Zukunft? Eigentlich eine etwas unsinnige, sehr spekulative Frage. Vielleicht die Ewigkeit?  –  Nun, wir werden es irgendwann erleben!
 
Jesus sagte: „Die Zeiten sind erfüllt.“ (Markus 1,15) Das verweist uns auf die Gegenwart, auf das HEUTE. JETZT ist es an uns, die Realität anzunehmen und die Forderungen, die sie an uns stellt, wahrzunehmen und auf sie zu reagieren. Auch dieser heutige Tag, wurde von Gott erschaffen, heute ist Gott uns gegenwärtig, schenkt ER uns Kräfte, wenn wir bereit sind, sie zu empfangen und anzunehmen. Wir haben die Wahl! Es gibt viele Chancen und Möglichkeiten, wenn wir sie nutzen, wenn wir Ausschau halten, um sie zu entdecken und zu finden. Wir haben es in der Hand, und können das Beste aus diesem Tag machen!
  
Gott, Du mein Gott, ich danke Dir,
dass Du mir heute Lebensmöglichkeiten schenkst.
Lass sie mich erkennen und nutzen.
Heute will ich tun, was ich kann,
und nicht das, was ich nicht kann.
Öffne mir die Augen für die kleinen und großen Gelegenheiten,
die Du mir schenkst,
so wird dieser Tag mein Tag sein
und Dein Tag, also unser Tag sein!

Sr. Bernadette Tonne OSB        

 
16. April 2020, Donnerstag der Osteroktav                                                              

Apostelgeschichte 3,11-26
Lukas 24,25-48
Wortloses Staunen
oder Das Unsagbare

Das Volk lief zusammen „außer sich vor Staunen“ (Apostelgeschichte 3,11c)
„Sie staunten, konnten es aber vor Freude immer noch nicht glauben.“ (Lukas 24,41)
Ostern hat mir die Sprache verschlagen, im wahrsten Sinne des Wortes. Mir fiel plötzlich nichts mehr ein für unser geistliches Tagebuch. Ich dachte: Meine Worte sind zu Ende, angesichts der Größe Gottes, angesichts des Ostergeschehens. Was mir bleibt, ist Staunen mit offenem Mund und großen Augen.
 
Es ging mir ähnlich wie dem heiligen Thomas von Aquin, der im Alter nach einer Erfahrung des  Göttlichen sinngemäß meinte, all seine Worte und Schriften seien nur wie leeres Stroh vor der Wirklichkeit des wahren Gottes in seiner Größe, Unfassbarkeit und Unaussagbarkeit. Das entspricht auch meiner Überzeugung. Gottes Wahrheit ist unsagbar, lässt sich in Worten auch nicht annähernd beschreiben. Sie können IHN vielleicht ein winziges Stück weit erfahren in ihrem Leben, aber wenn Ihnen das geschenkt wird oder wurde, werden Sie keine Ausdrucksmöglichkeiten dafür finden können, um wirklich anderen gegenüber verständlich aussagen zu können, was Ihnen innerlich begegnet ist. So ist das mit Gott, dem immer Größeren, dem Numinosen.
 
Alles, was möglich ist, sind vage Annäherungen, die vielleicht in etwa auf Gott hinweisen können, das Eigentliche bleibt unsagbar. Aber es existiert! Es ist wahr! Ostern existiert und ist keine Einbildung!
 
 
Ich DANKE Dir Gott, dass Du Gott bist.
Ich danke Dir für Ostern!
 Mein Staunen darüber ist schon ein solcher Dank.
Denn mein Staunen ist eine Kraftquelle
für mich und vielleicht auch für andere.
Wer ist wie Du, o Gott?!
Wer ist wie Du?!

Sr. Bernadette Tonne OSB        

 
15. April 2020, Mittwoch der Osteroktav                                                              

Johannes 20,11-18
 
 
Weinen und suchen
oder Die Sache mit der Spinne

Im heutigen Tagesevangelium werden an Maria von Magdala drei Fragen gestellt, zwei Mal davon die gleiche Frage, einmal von den beiden Engeln am Grab und einmal von Jesus selbst: „Frau, warum weinst Du?“ und „Wen suchst Du?“
 
Ja, weshalb weint mein Herz eigentlich? Und wen suche ich? Manchmal weiß ich es selbst nicht mehr genau. Aber sie ist da: eine unstillbare weinende Sehnsucht nach Heil und Glück für die arme geplagte Menschheit, Sehnsucht nach Heilung so vieler Menschen in der Welt, die sich in tragischen Umständen befinden, Sehnsucht nach vollem Leben für alle. Es kam schon vor, dass ich die Suche nach Gott ermüdet aufgeben wollte mitsamt der Hoffnung und dem Gebet. Doch dann dachte ich an eine Geschichte, die ich einmal irgendwo gelesen hatte: In einem Krankenhaus hatte eine Spinne sorgfältig und kunstvoll ein schönes Netz in einer Ecke an der Decke gesponnen. Doch am nächsten Tag, kam die Reinigungskraft und zerstörte es. Die Spinne aber entkam und in der folgenden Nacht baute sie ein neues Netz an der gleichen Stelle, das am nächsten Tag wieder fortgewischt wurde. So ging es Tag um Tag und ich weiß nicht mehr, wie die Geschichte ausging. Jedenfalls war ich tief beeindruckt von der Unverdrossenheit, Geduld und Beharrlichkeit des Tieres, das jedes Mal neu den mühevollen Bau des Netzes begann. Zweifellos war es wohl mehr der Überlebensinstinkt der Spinne als bewusste Geduld, aber ich war ins Nachdenken geraten:
 
Besser als zu resignieren ist es zu arbeiten, zu suchen, sich zu regen und sich aktiv einzusetzen. Das ist die Voraussetzung für Ostern, für Gottes Beistand, der dem Tüchtigen zu Hilfe kommt. Arbeit statt Resignation: Lassen Sie ihre Fantasie spielen. Was kann ich heute tun? Es muss nicht gleich etwas Großes sein. Wofür möchte ich mich engagieren? Meistens kommt etwas Gutes dabei heraus und es geschieht auch innerlich ein Wachsen und Reifen.
 
 
Suchen und finden,
arbeiten und schaffen:
Du mein Gott schenkst mir die Kraft dazu,
lässt mich schöpferisch tätig sein,
und segnest mein Tun.
Dafür DANKE ich Dir,
denn es wächst und reift etwas,
dass mir und anderen Sinn und Hoffnung schenken kann.

Sr. Bernadette Tonne OSB        

 
14. April 2020, Dienstag in der Osteroktav

Göttlich-menschliche Vermählung

Mir geht noch die große Osternacht mit ihren tiefen Geheimnissen Gottes nach. Ich lese in diesen Tagen ein Buch von Abt Jeremy Driscoll OSB über das „Pascha Triduum“. ( Jeremy Driscoll, Awesome glory. Resurrection in scripture, liturgy and theology – auf Deutsch gibt es das soweit ich weiß noch nicht) 2008 habe ich ihn in Rom erlebt, als er uns dort in der Heiligen Woche Exerzitien gehalten hat. Noch nie habe ich die Liturgie dieser Tage so tief erklärt bekommen.

Hier nur ein Gedanke: Im Exsultet, in diesem so tiefen theologischen und mystischen Gedicht und Lied, singen wir den Satz: O wahrhaft selige Nacht, die Himmel und Erde versöhnt, die Gott und Menschen verbindet. Wörtlich übersetzt würde es heißen: O wahrhaft selige Nacht, in der das Irdische mit dem Himmlischen und das Menschliche mit dem Göttlichen vermählt wird. Abt Jeremy sagt dazu: Das ist die Hochzeitsnacht von Gott und Mensch. Wir werden mit Gott vermählt.
 
Und davon bin ich überzeugt: Diese Vermählung löst Gott nicht am nächsten Morgen wieder! Alles, was wir jetzt tun und lassen, tun und lassen wir als Vermählte Gottes in Christus. Christus ist der menschlich-göttliche Bräutigam, der sich durch seinen Tod mit uns vermählt hat. Das ist Mystik, aber solche, die im konkreten Leben ihren Ort hat. Alles, was wir heute getan oder gelassen haben, haben wir als Vermählte getan oder gelassen.
O unfassbare Liebe des Vaters!


Sr. Ursula Wahle OSB        

 
13. April 2020, Ostermontag

Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten?

 
In diesem Jahr bin ich noch nicht so schnell. Ich kann noch nicht auf den Weg nach Emmaus. Da ist mir die Maria am Grab noch viel näher oder auch Petrus, der hinläuft und den sucht, den er geliebt und verleugnet hat. Der Blick in das leere Grab und das nicht verstehen können, was ich sehe.
 
Und dann sind da diese Engel, die sagen: Er ist nicht hier. Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten? Ja, was suchen wir eigentlich die Lebenden bei den Toten? Das ist doch eigentlich total unsinnig, diesen Kult um ein Grab zu machen, wenn doch der lebt, den wir da suchen. Als ich neulich in Frankreich in einem Kloster war, da lag hinten im Garten der Friedhof. Die Kreuze auf den Gräbern alle gleich, windschief, die weiße Farbe blätterte schon ab, keine Namen angebracht. Wozu auch? Was sucht ihr die Lebenden bei den Toten?
Das meint doch die Geschichte von dem leeren Grab. Der Lebende ist doch nicht auf dem Friedhof zu finden! Wenn ich den Auferstandenen in meinem Leben suche, dann doch nicht da, wo ich Erfahrungen von Tod konservieren will. Wenn ich Jesus zutraue, dass er mein Leben durch die Erfahrung des Karfreitags mit neuem Leben erfüllt, dann muss ich weg vom Friedhof. Aufstehen, mich umdrehen, Tränen abputzen und nach Galiläa gehen.
Entschuldigt bitte diese scheinbar so unpassende Bemerkung: Ich habe vor ein paar Jahren eine Karte geschenkt bekommen mit den Worten „Hinfallen, aufstehen, Krönchen richten, weitergehen …“ Die habe ich Sabine geschenkt und die hängt noch immer bei ihr am Kühlschrank. Sabine ist eine starke Frau. Die steht immer wieder auf.

Sr. Ursula Wahle OSB        

 
12. April 2020, Ostersonntag

Osterläufer

Von drei Menschen am Morgen der Auferstehung haben wir heute Morgen im Evangelium gehört, von drei Osterläufern. Eine Frau, Maria von Magdala und zwei Männer: Petrus und ein weiterer Jünger, „der Jünger, den Jesus liebte“, der nur im Johannesevangelium vorkommt; „Der Wettlauf zum Grab“ wird diese Ostergeschichte gerne überschrieben. Konkurrenz am Ostermorgen? Wer ist der erste? Wer ist der schnellste? Konkurrenz auch um den rechten Glauben oder um den wahren Glauben?
Der "geliebte Jünger" betritt das Grab erst, nachdem Petrus hineinagegangen war, obwohl er - als der wohl jüngere von beiden - schneller und damit zuerst am Grab war und er „sieht“ auf seine Weise, so dass von ihm gesagt werden kann: Er sah und glaubte. - Ohne Engelsbotschaft. Ohne Erscheinung des Auferstandenen. Ohne weitere Beweise. Denn das leere Grab ist wohl kaum ein Beweis. Der geliebte Jünger kommt zum Osterglauben, und geht aus dem Wettlauf als eindeutiger Sieger hervor, während Petrus lediglich detailgenau die Indizien feststellt (V. 6- 7), jedoch nicht wirklich begreift und das Verständnis des geliebten Jüngers nicht erreicht. Osterläufer jedoch sind sie beide.

Maria von Magdala, läuft außer Konkurrenz. Früh am Morgen, noch vor den beiden Jüngern, als es noch dunkel war, macht sie sich als erste auf zum Grab Jesu. „Als es noch finster war“ heißt es in der Luter-Übersetzung, finster in der Welt und finster in ihr, machte Maria sich auf zum Grab und dort wird sie dem Auferstandenen begegnen – was wir allerdings in dem Text des Evangeliums heute nicht hören werden. Sie ist die erste Osterzeugin nach Johannes. „Apostelin der Apostel“ ist ihr Ehrenname in der katholischen Tradition darum geworden. Maria von Magdala ist Zeugin des Lebens.

So sind auch wir heute Morgen eingeladen, zum leeren Grab zu eilen und den Lebendigen zu suchen. Ich fühle mich erinnert an ein Weihnachts-Zitat von Angelus Selesius, was ich hier auf die Ostergeschichte umschreiben möchte:
 
Seht doch Maria von Magdala und die Jünger, wie sie eilen! Niemand sucht Christus lässigen Schrittes.

Seien wir ganz aufmerksam, wo uns heute der Auferstandene begegnen wird!


Sr. Eva-Maria Kreimeyer OSB



Lumen Christi

Christus, du mein Licht
 geboren in der Nacht
 tief in der Nacht
im Dunkel des Schmerzes
 des trostlosen Schweigens
Nur der Nacht ist es vergönnt
 Zeugin zu sein
nur in meiner tiefsten Nacht
 werde ich Zeugin
deiner Auferstehung
 
Sie muss durch die Passion
 die Liebe
 durch die Passion der Auferstehung
 Das Herz durchbohrt
offen
 schutzlos
wird es zum bergenden Mutterschoß
für die Welt
 für die Schreie der anderen
 für dich – mein Licht
Die Nacht wird hell wie der Tag
mit ihrem strahlenden Licht
wischt sie alle Tränen ab

spürst du es?


Sr. Ursula Wahle OSB        


 
11. April 2020, Karsamstag

In der Tiefe deines Schweigens

Du liegst im Grab
 kein Laut mehr – dein Schweigen erfüllt alles
du liegst da
 regungslos
zugerichtet
 entstellt
du hast dich ergeben
 Tränen rinnen über meine Wangen
 du schweigst
in der Tiefe deines Schweigens
 noch dein Schrei
VATER
 er hört
er sieht dich
 schon von weitem
 er streckt seine Hand aus
berührt dich
 küsst dich
wach
mit seinem Geist
erfüllt dich
mit seinem Leben
niemand ist Zeuge
nur ER
in tiefstem Schweigen
stehst du auf

Sr. Ursula Wahle OSB        



Zärtliche Berührung

Jesus ist tot. Das ist end-gültig. Er liegt im Grab. Alles ist vorbei. Stille, Schweigen! Verstummen vor der Ungeheuerlichkeit des vergangenen Geschehens! Es ist aus, zu spät. Fragen drängen sich auf und schreien zum Himmel: Wie sind wir bloß in diese aussichtslose Situation geraten? Wo jetzt noch Hoffnung hernehmen? Er ist tot, aber ich lebe noch – irgendwie. Wie soll es weitergehen?
 
In dieser Stimmung sitze ich im Staub an Jesu Grab neben dem großen schweren Rollstein, der den Eingang verschließt. Ein Grab, das ist alles, was übriggeblieben ist. Es wird still in mir, die Gedanken vergehen, die Sehnsucht nach Jesus bleibt, die Sehnsucht nach dem Lebendigen. Und plötzlich merke ich, dass meine Liebe zu Ihm ungeschmälert da ist und ich in mir auch Hoffnung fühle trotz aller Hoffnungslosigkeit. Das kann nicht alles gewesen sein. Es wird weitergehen. Diese Liebe ist zu stark, sie ist schöpferisch. Das kann nicht ohne Folgen bleiben. Er war doch unschuldig! Ich spüre, wie ich auf das Wunder warte und meine Hoffnung darauf stärker wird. Du Gott, wirst dieses Wunder geschehen lassen. Ich fühle es! Ich brauche nur geduldig zu warten. So sitze ich da und meine Finger berühren zärtlich den Stein.
 
Karsamstagshaltung – Karsamstagshoffnung! Es wird geschehen. Er wird wiederkommen!
 
 
Gott, du mein und aller Wesen Schöpfer,
 von Dir wird vermutlich meine Hoffnung herkommen.
In den Augen der Welt ist sie unsinnig.
Aber ich glaube ihr.
Denn ich erlebte schon oft,
dass es weiterging, wo alles zu Ende schien.

Sr. Bernadette Tonne OSB         

 
10. April 2020, Karfreitag    

Opfer

Der Begriff „Opfer“ ist nicht gerade ein Modewort. Aber wie sollen wir vom Kreuz Christi sprechen und es sinnvoll und tief deuten ohne diesen religionsgeschichtlich so unverzichtbaren Begriff? In unserer Spiritualität der Benediktinerinnen vom Heiligsten Sakrament spielt der Gedanke des Opfers sogar eine ganz zentrale Rolle. Es ist nicht nur ein „Gedanke“, sondern gelebte Erfahrung.
Ich möchte es mit meinen eigenen Worten sagen. Jesus geht seinen Weg bis ans Kreuz und er steigt auch nicht vom Kreuz herab als die Spötter ihm das zurufen, damit er beweisen kann, dass er Gottes Sohn ist. Jesus stirbt. Aber – und das ist das alles Entscheidende – Jesus bleibt nicht im Tod, sondern wird im Tod verherrlicht, wie es Johannes sagt. Es geschieht eine unvorstellbare Wandlung: Aus dem Tod, aus der Lebenshingabe Jesu wird grenzenloses Leben, Leben in seiner ganzen Fülle und Herrlichkeit – nicht nur für Jesus selbst, sondern für uns alle.
Das ist das charakteristische am christlichen Opferbegriff: Opfer bedeutet Leben! Die „Materie“ des Opfers wird im verzehrenden Feuer der Liebe Gottes „verbrannt“ und so verwandelt in etwas, das keinen Tod mehr kennt, das keine Begrenzung, keine Minderung der Qualität des Seins mehr kennt. Dieser Umwandlungsprozess ist schmerzlich, mitunter sehr schmerzlich. Haben Sie eine solche Erfahrung im Leben schon gemacht?
Wir können sogar eine äußerst schmerzliche Todeserfahrung – also eine Erfahrung, in der ich selbst eine Art Tod erleide – Gott als Opfer anbieten. Was geschieht dann? Etwas unglaublich Tiefes und Erfüllendes: Mein Opfer bekommt einen tiefen Sinn und schenkt Leben – nicht nur mir ….

Sr. Ursula Wahle OSB  



Point Zero

Das Kreuz! Das Koordinatenkreuz: Von seiner Mitte gehen alle Linien aus, in ihr treffen sie zusammen. Dieser Mittelpunkt ist der Nullpunkt, das Nichts, ist Nobody, ist der Wandlungspunkt, an dem sich die Vorzeichen ändern.
 
Das Kreuz Jesu ist ein solcher Wandlungspunkt und der Mittelpunkt der Welt. Jesu Tod ist das Ende und der Beginn, ist heiß und kalt, gebündelte Energie, dichter als im Urknallmoment und zugleich ein Vakuum, ist der unsichtbare Anfang von Ostern, weil es die Voraussetzung für das Werden neuen Lebens ist. Alle Dinge gehen aus ihrem Gegensatz hervor, sagte Sokrates laut Plato. Ohne Kreuz und Tod, kein Ostern und Leben. Ohne Abschied, keine Begrüßung, ohne Nacht, kein Tag! Und wie viele Abschiede und Nächte gibt es in jedem Menschenleben! Manche Punkte des Daseins fühlen sich an wie ein Sterben. Und dann geht es überraschenderweise doch weiter und wir sind daran gereift.
 
All dies lässt sich auch vorausschauend berücksichtigen. Wenn es mir schlecht geht, kann ich mir sagen, dass auch wieder bessere Zeiten kommen werden.
 
Und: Gott geht alle Wege mit, selbst den durch den Tod hindurch auf Ostern hin! Wir sind nie allein.
 
Gott Du mein Gegenwärtiger,
ich danke Dir, dass auch Kreuzerfahrungen nicht vergeblich sind.
Ich danke Dir, dass Du mich weiterführst,
hindurch bis nach Ostern
und dass ich dabei innerlich wachse.

Sr. Bernadette Tonne OSB         

 
Gründonnerstag, 9. April 2020    

Jerusalem, Jerusalem, bekehre dich zum HERRN, zu deinem Gott!

Diese Tage, die wir jetzt feiern, sind so dicht, dass es mir schwerfällt, nur einen Gedanken herauszugreifen. Diese Tage sind für mich auch jedes Jahr emotional sehr intensiv und in diesem Jahr vielleicht noch stärker durch die Erfahrung, die wir jetzt gerade alle gemeinsam mit der Corona-Krise machen. Am Gründonnerstag in der Gebetszeit am Morgen, der Karmette, darf ich die Lesung aus den Klageliedern des Propheten Jeremia (Klg 1,1-8) singen. Darin kommen Aussagen vor, die wie für uns geschrieben sind.
Wie liegt so öde die Stadt, einst so reich an Bewohnern! … Die ganze Nacht verbringt sie mit Weinen, über ihre Wangen rinnen die Tränen. … Es trauern die Wege nach Zion, denn niemand pilgert zum Fest. Verödet sind all ihre Tore, ihre Priester stöhnen … sie selbst trägt Weh und Bitternis.
Ja, in diesem Jahr pilgert niemand zum Fest, unsere Kirchen bleiben verwaist. Und wenn wir unsere Trauer auch nicht so nach außen zeigen, weint doch manches Herz und manch ein Priester leidet in seinem Inneren, weil er die Gottesdienste dieser heiligen Tage nicht feiern kann.
Wenn wir diese Verbindung zu den Worten der Schrift entdecken, dann gibt uns das zugleich auch einen Horizont, in dem wir unsere derzeitigen Erfahrungen deuten können. Die Klagelieder sprechen von der Zerstörung Jerusalems im Jahr 586 v. Chr als Juda ins Exil musste. Auch wir erleben jetzt, dass vieles in „Trümmer“ gelegt wird und wir fassungslos davorstehen.
Mir fiel in der Lesung, die wir heute Abend aus dem Buch Exodus hören ein Satz auf, der mir noch nie aufgefallen ist. Warum habe ich ihn bisher immer überhört? Da heißt es mitten in der Schilderung des Paschamahls und des Vorübergangs des Herrn, der die Erstgeburt Ägyptens erschlagen wird: Über alle Götter Ägyptens halte ich Gericht, ich, der HERR. Ist das nicht eigentlich der wichtigste Satz, das worum es Gott geht? Er will sein Volk herausführen aus den fremden Göttern und zu seinem Volk machen.
So dramatisch die Situation – und damit meine ich jetzt vor allem den wirtschaftlichen Zusammenbruch – für unzählige Menschen ist, hält Gott damit nicht auch Gericht über unsere falschen „Götter“?
Gott ruft uns in dieser Situation durch den Propheten Jeremia zu: Jerusalem, Jerusalem, bekehre dich zum Herrn, zu deinem Gott!    

Sr. Ursula Wahle OSB         

 
8. April 2020, Mittwoch der Karwoche      

Pascha heißt Hindurchgang
 
Das Pascha beginnt mit dem gemeinsamen Mahl. Jesus hat mit seinen Jüngern am Abend vor seinem Leiden und Sterben ein Mahl gehalten – sei es nun ein Paschamahl oder ein anderes Mahl gewesen. Jesus hat überhaupt oft Mahl gehalten mit Menschen, auch mit Sündern – und das wurde ihm zum Vorwurf gemacht. So ein Mahl ist ein tiefer Ausdruck von Gemeinschaft, in bestimmten Situationen eben auch von Gemeinschaft mit Gott. Bundesschlüsse wurden mit einem gemeinsamen Mahl begangen. Und das hat Jesus auch gewusst und auch so gemeint.
  
In diesem Jahr, im Corona-Jahr, wird uns genau das nicht möglich sein. Es wird kein Mahl geben am Gründonnerstag. Bei uns in der Gemeinschaft werden wir an dem Abend einen Wortgottesdienst mit Kommunion feiern und dabei bekommt jede Schwester ein kleines Stück von den wenigen konsekrierten Hostien, die wir noch im Tabernakel aufbewahren. Wein wird es nicht geben – noch nicht einmal an Gründonnerstag. Und die meisten Christen, eigentlich fast alle, werden gar kein Mahl feiern können. Fällt der Gründonnerstag deshalb aus?
 
Nein, er fällt nicht aus! Wenn wir an dem Abend – und sei es auch nur am Bildschirm – das Evangelium von der Fußwaschung hören, dann sind wir dabei! Wir sind genau in diesem Moment dabei, wenn Jesus das Mahl mit den Jüngern feiert, wie es uns die anderen drei Evangelien berichten, und wir sind auch bei der Fußwaschung dabei. Jesus will uns auch in diesem Jahr Anteil geben an seinem Leib und an seinem Blut und er wäscht uns die Füße. Daran kann ihn auch keine Corona-Krise hindern. Was Gott will, das vollbringt er auch.
  
Wieder haben wir es im Kloster gut. Wir können in der Nacht in unserer Kapelle vor dem Tabernakel beten, mit Jesus wachen bis zum Morgengrauen. Und auch Sie können betend bei ihm sein, wenn auch die Umstände für die meisten nicht so einfach sein werden.
 
Und wie viele wachen in dieser Nacht bei den Kranken? In den Krankenhäusern, in den Altenheimen, aber auch zuhause. Wie viele Schwerst – und Sterbenskranke ringen in dieser Nacht nach Luft und nach Leben? Wie viele können in dieser Nacht nicht schlafen, weil sie sich größte Sorgen um ihren Arbeitsplatz machen? Wie viele Kinder haben in dieser Nacht Angst vor ihren Vätern? Und wie viele Väter haben Angst davor, ihre Familien bald nicht mehr durchbringen zu können?
 
Pascha – Hindurchgang. Wir gehen durch diese schreckliche Corona-Krise. Lassen Sie es uns gemeinsam tun! Das ist in diesem Jahr unser gemeinsames „Mahl“ und Jesus ist dabei und schließt seinen Bund mit uns.         

Sr. Ursula Wahle OSB         


  
Jesaja 50,4-9a
 
Vertrauen in Bedrängnis

Man kann es nicht mit den leiblichen Augen sehen und doch existiert es in vielen Menschen: das VERTRAUEN in Gott, den Großen, den Barmherzigen und Gerechten, auch heute in unserer Zeit, in dieser Corona-Krise.
 
Der Prophet Jesaja schildert die Haltung eines Menschen, der unter ungerechter Gewalt leidet, aber nicht verzagt, so wie Jesus z.B., so wie viele Menschen heute, die sich heute einer schwierigen Bedrängnis stellen, ohne aufzugeben. Der Geschmähte bei Jesaja ist ein auf Gott allein Hoffender und Vertrauender. Er spricht es auch laut aus: „Gott der Herr wird mir helfen.“ (…) „ER, der mich freispricht ist nahe.“ Eine solche Überzeugung ist eine wirkende Kraft und kann deshalb nicht enttäuscht werden, selbst dann nicht, wenn alles anders kommt, als der Beter es sich vorgestellt hat. Denn Gott hat den größeren Überblick. Hoffnung eröffnet neue Wege und Dimensionen, wo zuvor nur das Ende da zu sein schien.
Die Alltagshelden der Corona-Krise, sie hoffen, ahnen, ersehnen, dass wieder bessere Zeiten kommen. Sie machen einfach weiter und tun, was sie können, je an ihrem Platz. Um das Beste aus einer Situation zu machen, kann jeder und jede etwas beitragen, und wenn es „nur“ ein fürbittendes Gebet ist, oder ein Herz, dass die Hoffnung und das Vertrauen hütet, trotz aller scheinbaren Hoffnungslosigkeit oder ein aufmunterndes Wort für den leidenden Mitmenschen.
  
Gott, Du Gegenwärtiger in aller Not,
 nimm Dich der Menschen an, die jetzt krank sind,
die finanziell in Not geraten,
weil sie Ihr Geschäft verlieren,
oder keine Arbeit mehr haben,
die zu viel Arbeit haben, wie die Ärzte und Pflegekräfte,
und viele andere.
Lass Hoffnung und Vertrauen
in den Menschen wachsen,
besonders in den Verzweifelten und Ängstlichen.

Sr. Bernadette Tonne OSB

 
7. April 2020, Dienstag der Karwoche

Pascha heißt Aufbruch

Wir nähern uns jetzt der Feier der heiligen drei Tage, der Feier des Paschamysteriums. Pascha hat die beiden Momente: Das Lamm, das geschlachtet und im hastigen Mahl verzehrt wird, mit dessen Blut die Hausstürze bestrichen werden und das Pascha als Aufbruch, als Durchzug durch das Rote Meer. Aufbruch auch zur Wüstenwanderung, 40 Jahre lang durch die Wüste bis zum Einzug in das verheißene Land.
  
Ich möchte heute etwas zum Aufbruch und zum Auszug in die Wüste sagen. Wenn ein Volk aufbricht, wenn wir als Kirche aufbrechen, dann ist das kein gemütlicher Spaziergang, auch keine Urlaubsreise. Wir brechen auf und müssen viel zurücklassen. Wir können dabei nur wenig mitnehmen, von dem, was uns vertraut ist. Und da müssen wir sehr genau überlegen, was wir mitnehmen. Was ist wirklich wichtig? Was müssen wir nach dem Durchzug durch das Rote Meer und am Ende dieser Wüstenwanderung unbedingt noch bei uns haben? Was erhält uns unterwegs und am Ende dieser Wanderung am Leben?
Papst Franziskus hat gesagt: Das Wichtigste, das, was wir auf keinen Fall verlieren dürfen, ist die Liebe, das Mitgefühl, die Barmherzigkeit und das Vertrauen, dass Gott uns führen wird. Alles andere ist vergänglich, aber die Liebe bleibt und Gott bleibt. Er hat sein Volk geführt und er wird es auch jetzt führen.
  
Und wir brauchen Menschen, die mit Gott vertraut sind, die ihn fragen und die auf seine Antwort lauschen. Wir brauchen Menschen, die es verstehen, zu vermitteln, Menschen wie Mose. Aber machen wir nicht den Fehler, nach dem einen großen Mose zu suchen. Werden wir selbst zu Menschen, die mit Gott ringen, die mit ihm reden, wie mit einem Freund und die Fürbitte einlegen – ja, die Fürbitte einlegen für ihr Volk.

Sr. Ursula Wahle OSB



Jesaja 49,1-6
Johannes 13,21 - 33,36-38

 Erbarmungswürdig
oder Macht die Sinnfrage Sinn?

Meine persönliche Lebensbilanz offenbart, dass ich pleite bin, finde ich. Umsonst und vergeblich habe ich mich abgemüht – for nothing! (So ging es wohl schon dem Propheten Jesaja)
 
Verraten und verleugnet habe ich Gott, vermutlich auch andere und vor allem mich selbst. Dabei hatte ich es so gut gemeint und mir vieles anders vorgestellt, als es gekommen ist. Solche Gedanken können sich evtl. einstellen bei älteren, manchmal auch bei jüngeren Menschen. Wer ist davor schon gefeit?
 
Doch ist es richtig und realistisch so zu denken, gar zu urteilen? Denn mit gleichem Recht ließe sich auch behaupten: Vieles macht Sinn, ist gar des Sinnes voll: Jeder neue Lebenstag, weil Gott ihn mit mir lebt. Gott gibt mich nicht auf. Er findet mich erbarmungswürdig, wie Petrus. Und der Beweis dafür ist, dass ich noch lebe. Gott sandte noch keinen Blitz vom Himmel, um mich auszutilgen. Nein, Gott mag mich, glaubt an mich und sendet mir täglich neue Chancen. Also ist die Sinnfrage eher positiv zu beantworten. Auch Jesaja kam dahinter, denn er schrieb weiter: Aber mein Recht liegt beim Herrn und mein Lohn bei meinem Gott (Jesaja 49,4)
 
So wurde ich in den Augen Gottes geehrt, und mein Gott war meine Stärke. (Jesaja 49,5c)
 
 
Gott, du mein Erbarmer,
Du glaubst an mich.
 Hilf mir, dass ich auch an mich selbst glauben kann,
 weil Du in meinem Herzen wohnst.
Du meine Stärke,
ermutige alle, die an sich zweifeln.
Jeder kann zum Licht für andere werden!
 Leben ist sinnvoll!

Sr. Bernadette Tonne OSB


6. April 2020, Montag der Karwoche
  
Es ist, was es ist
 
Da nahm Maria ein Pfund echtes, kostbares Nardenöl, salbte Jesus die Füße und trocknete sie mit ihrem Haar.
Das Haus wurde vom Duft des Öls erfüllt.
 
Es ist Unsinn
sagt die Vernunft
Es ist was es ist
sagt die Liebe
 
Es ist Unglück
sagt die Berechnung
Es ist nichts als Schmerz
sagt die Angst
Es ist aussichtslos
sagt die Einsicht
Es ist was es ist
sagt die Liebe
 
Es ist lächerlich
sagt der Stolz
Es ist leichtsinnig
sagt die Vorsicht
Es ist unmöglich
sagt die Erfahrung
Es ist was es ist
sagt die Liebe
 
Erich Fried

Sr. Ursula Wahle OSB



Behutsamkeit

„Er schreit nicht und lärmt nicht und lässt seine Stimme nicht auf der Straße erschallen.
Das geknickte Rohr zerbricht er nicht, und den glimmenden Docht löscht er nicht aus.“
(Jesaja 42,2-3)
 
Wie sähe die Welt wohl aus, wenn alle Menschen so handeln würden, wie hier beschrieben? Wie ginge es den Menschen in meiner unmittelbaren Umgebung, wenn ich oft so handeln würde? Diese Fragen können zum Nachdenken anregen, können mich neue Perspektiven finden lassen und mein Handeln verändern.
 
Zunächst beginne ich, die Menschen, mit denen ich lebe, genauer in den Blick meines Herzens zu nehmen. Gibt es dort jemanden, dem Ermutigung und behutsame, liebevolle Berührung guttäte oder gar not - wendig wäre. Papst Franziskus sprach öfter schon von Zärtlichkeit im Umgang miteinander. Solche Überlegungen können Kreativität in mir wecken. Was könnte ich sagen oder tun, um einen glimmenden Docht womöglich neu zu entfachen, um ein fast gebrochenes Herz zu stärken? Haben Sie Lust bekommen, das für sich weiterzudenken? Sie werden es nicht bereuen. Denn das kann auch Ihnen selbst Freude und Lebensqualität schenken. Lassen wir uns von Jesu Behutsamkeit anstecken.

Heute ist der Todestag der Gründerin der Benediktinerinnen vom Heiligsten Sakrament. Mutter Mechtilde (Cathérine de Bar, 1614-1698) war eine Frau, die als geistliche Begleiterin andere Menschen behutsam ermutigt hat, ihren Weg zu gehen.

Sr. Bernadette Tonne OSB



5. April 2020, Palmsonntag
 

Jesus geht seinen Weg und wir gehen mit

Zunächst etwas ganz Persönliches: Ich liebe den Palmsonntag. Er ist nicht nur das Tor in die Heilige Woche, sondern für mich auch das Tor ins Leben, weil ich auf einem Palmsonntag geboren bin. Mein Leben ist also von Anfang verwoben mit Leiden, Tod und Auferstehung Jesu.
2008 durfte ich den Palmsonntag auf dem Petersplatz mitfeiern. Im Rahmen eines dreimonatigen Ausbildungskurses waren wir dort mit einer internationalen Gruppe von Mönchen und Nonnen aus der ganzen Welt, mitten unter den unzähligen Gläubigen, die sich dort auf dem Platz zwischen den Kolonaden eingefunden hatten. Welch ein Unterschied zum Palmsonntag 2020! In diesem Jahr bleibt der Petersplatz leer und wir feiern den Palmsonntag in unserem kleinen Kloster an der Hase, ohne Priester – aber mit Jesus! Denn Jesus zieht ein und wir begleiten ihn. Wir gehen mit ihm in die Heilige Woche, in das große Pascha, den Hindurchgang durch Leiden und Tod hin zur Auferstehung. Und in diesem Jahr hat dieser Durchgang einen sehr realen „Sitz im Leben“. Ja, wir gehen mit all den leidenden Menschen, mit denen, die voller Angst sind, mit den einsamen, mit denen, die vor Erschöpfung weinen könnten durch diese Woche. Und das ist unsere Berufung als Benediktinerinnen: Stellvertretend für alle, die es nicht können, diese Heilige Woche zu feiern.
 
Im Kloster können wir noch Liturgie feiern. Wir alle haben Anteil am allgemeinen Priestertum und wir haben das Glück, in Gemeinschaft zu leben. Liturgie ist die Feierform des Glaubens. Und diese Feierform ist so wichtig, weil wir daraus Kraft schöpfen für das tagtägliche Durchbustabieren unseres Glaubens in den Mühseligkeiten des Alltags – gerade jetzt.
Wenn wir heute durch das Tor in die Heilige Woche eintreten, dann dürfen wir uns im Herzen klar machen: Nicht wir müssen Ostern „machen“, sondern Gott selbst hat längst Ostern „geschaffen“. Wir treten nur hinzu, so wie wir heute Jesus auf seinem Weg nach Jerusalem begleiten. Natürlich wäre es viel schöner, wir könnten alle gemeinsam in unseren Kirchen feiern. Aber auch wenn Ihr zuhause vor dem Bildschirm sitzt oder still für Euch die Texte der Liturgie lest, tretet Ihr hinzu zu dem, was Gott uns bereitet hat und auch in diesem Jahr mitten unter uns gegenwärtig setzt. Jesus geht seinen Weg und wir gehen mit.

Sr. Ursula Wahle OSB



4. April 2020, Samstag der 5. Fastenwoche  
 
Ihr werdet mein Volk sein, und ich werde euer Gott sein

Die heutige Lesung aus dem Prophetenbuch Ezechiel (https://www.erzabtei-beuron.de/schott/schott_anz/index.html?datum=2020-04-04) lässt mich ganz spontan an die Situation der ChristInnen in der Welt von heute denken. Ich sage bewusst „der ChristInnen“ und nicht „der Kirche“ weil ich an alle denke, die sich zu Christus bekennen – was ja eigentlich das Wort Kyriake meint, auf das unser Wort Kirche zurückgeht. Das sind die, die zum Herrn gehören.
 
Ich mache sie zu einem einzigen Volk. Sie sollen alle einen einzigen König haben. Sie werden nicht länger zwei (viele) Völker sein und sich nie mehr in zwei (viele) Reiche teilen. Was für eine Vision! Was würde das für unsere Welt heute bedeuten, die derartig ratlos und verwirrt ist, die sich derartig dem Götzen Geld verschrieben hat. Sogar in dieser allgemeinen Notsituation gibt es noch Menschen, die sich an der Not anderer bereichern. Kaum zu glauben, aber wahr. Stattdessen würden wir uns unter dem einen König, Christus sammeln …
 
Und dann geht es so erstaunlich weiter in der Lesung: Ich befreie sie von aller Sünde, die sie in ihrer Untreue begangen haben, und ich mache sie rein. Dann werden sie mein Volk sein, und ich werde ihr Gott sein. Das ist ja das „Unglaubliche“, dass Gott selbst uns befreit aus all unserer Verstricktheit, dass er selbst uns rein macht von all unserer Unreinheit. Und den zweiten Satz, der so oft im Alten Testament steht, den könnte man aus dem Hebräischen auch so übersetzen: Dann wollen sie mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein. Und genau das feiern wir in der kommenden Woche, und genau das geschieht in der kommenden Woche: Gott befreit uns und macht uns rein. Und das ist dann unsere große Freude, dass er immer noch unser Gott sein will! Und ich kann für mich sagen: Ja, ich will wirklich zu deinem Volk gehören, zu deiner großen, umfassenden Kyriake!

Sr. Ursula Wahle OSB




Vergebung – Aussöhnung – Freiheit

„Sie werden sich nicht mehr unrein machen durch ihre Götzen und Gräuel und durch all ihre Untaten. Ich befreie sie von aller Sünde, die sie in ihrer Untreue begangen haben, und ich mache sie rein. Dann werden sie mein Volk sein, und ich werde ihr Gott sein.“
 (Ezechiel 37,23)
  
Ja, unsere Untaten, unsere Verstrickungen in Verkehrtheiten, weil wir Angst haben, unsere falschen Idole usw., usw.! Was nun? Die Lesung sagt es uns: Gott befreit und vergibt uns. Was für ein Geschenk?! Natürlich, darauf kommt es an! Das ist das Wichtigste. Aber es braucht noch Manches mehr, damit wir uns wirklich erlöst und frei fühlen können. Richtig! Wir sollten uns auch selbst vergeben, sowie unseren Mitmenschen, den Lebensumständen und – ja, auch Gott sollten wir vergeben, falls wir einen Groll auf ihn spüren, weil er all das zugelassen hat! Sich und anderen vergeben ist nicht so leicht. Deshalb möchte ich Ihnen, wenn es Sie interessiert und Sie sich davon angesprochen fühlen, dazu zwei Bücher empfehlen: „Die heilende Kraft der Vergebung“ von Konrad Stauss (Die sieben Phasen spirituell-therapeutischer Vergebungs- und Versöhnungsarbeit), Kösel Verlag, 2010, München, 5. Auflage, ISBN 978-3-466-36892-1, sowie „Selbstvergebung durch Schuldkompetenz“ ebenfalls von Konrad Stauss, Verlag tredition GmbH, 2015, Hamburg, ISBN 978-3-7323-4890-9 (Paperback).
Wir selbst können viel dafür tun, damit Selbstvergebung und Vergebung anderen gegenüber gelingen. Wem das schon geglückt ist, weiß, wie leicht, frei und erlöst man sich fühlt, frei für das Leben.
 
Gott, du mein Gott,
ich danke Dir für Deine Vergebung.
Bitte hilf mir, dass auch ich mir selbst
und anderen vergeben lerne,
um des Lebens und der Freude willen.

Sr. Bernadette Tonne OSB



3. April 2020, Freitag der 5. Fastenwoche  
 
Das WORT Gottes ereignet sich

Was bedeutet das denn eigentlich, wenn wir vom WORT Gottes sprechen? Was bedeutet es, wenn wir das WORT Gottes hören? Um das besser zu verstehen, können wir auf das semitische Denken zurückgreifen, dass sich ja in der Sprache der Bibel niedergeschlagen hat. Wenn es am Anfang der Genesis in der ersten Schöpfungserzählung heißt, dass Gott sprach und es wurde, dann sind wir schon ganz nah dran. Das WORT Gottes ist nicht einfach eine sinnvolle Aneinanderreihung von Buchstaben, es ist nicht nur der Klang einer Stimme, sondern im biblischen Verständnis ist ein WORT ein Ereignis, ein WORT geschieht. Wenn Gott spricht, dann wird oder ist schon Wirklichkeit, was er sagt. Gott macht keine leeren Worte!
 
Und das ist auch so, wenn im Gottesdienst das WORT Gottes verkündet wird. Die Lektorin liest das WORT Gottes nicht einfach vor, sondern sie leiht ihm ihre Stimme und es vollbringt in dem Moment, was es besagt. Wenn wir heute das Evangelium hören, dann sind wir Zeugen des Gesprächs, das sich zwischen Jesus und seinen Gegner ereignet. Die Worte Jesu richten sich auch an uns, nicht weil wir seine Gegner sind, sondern weil wir Zeugen dieser Worte sind. Wie tief betroffen kann es mich machen, wenn ich höre: Viele gute Werke habe ich im Auftrag meines Vaters vor euren Augen getan. Für welches dieser Werke wollt ihr mich steinigen? Ich sehe Jesus vor mir, wie er den Kranken die Hände auflegt, wie er sich auch nicht scheut sogenannten Besessenen nahezukommen. Was fühle ich dann, wie stehe ich zu Jesus? Und dann der Vers: Wenn er jene Götter genannt hat, an die das Wort Gottes ergangen ist … Das Wort Gottes ergeht ja gerade in diesem Moment an mich. Das WORT Gottes ereignet sich auch an mir.


Sr. Ursula Wahle OSB



Lebe jetzt

„Amen, amen, ich sage euch: Wer glaubt, hat das ewige Leben.“ (Johannes 6,47)
 
Ich sehe hierin Worte Jesu an uns heute in diesen konkreten Corona-Krisenzeiten. Was meint Jesus damit? Welches ist der genaue Gegenstand solchen Glaubens? Meiner persönlichen Erfahrung nach ist mit Glauben ein tiefes Überzeugtsein gemeint, ein Leben im Bewusstsein des „Wissens“, dass uns im Grunde genommen nichts Schlimmes widerfahren kann, weil wir einen großen Gott haben (Vgl. auch die heutige Lesung: „Doch der Herr steht mir bei wie ein gewaltiger Held.“ Jeremia 20,11a), der uns liebt, der uns ins Dasein rief, auf dass wir wachsen und im Vertrauen auf IHN reifen, um immer mehr zu erkennen, dass wir in Gott geborgen sind.
 
Im Übrigen beginnt ja das ewige Leben nicht erst nach dem Tod, sondern ereignet sich schon heute als zeitloses Wahr-nehmen des Augenblicks („Wer glaubt, h a t das ewige Leben!“). Es liegt an mir selber was ich (er-) lebe, ob ich Lebendigkeit fühlen kann. Wenn ich J E T Z T wach, bewusst und aufmerksam lebe (= anwesend bin) kann ich jeden Moment (aus-) kosten und genießen, denn immer kann ich etwas finden, worüber ich mich freuen kann, auch in der Krankheit oder anderer Not, sofern mir nichts Schönes zu klein und gering ist.
 
 
Ich danke Dir Gott,
 dass Du immer jetzt gegenwärtig bist
für mich und für alle!

Sr. Bernadette Tonne OSB



2. April 2020, Donnerstag der 5. Fastenwoche
 

Der Tisch des Wortes

Im heutigen Evangelium sagt Jesus: Wenn einer an meinem Wort festhält, wird er den Tod nicht schauen. Was für eine Aussage! Jesus sagt uns, dass das Festhalten an seinem Wort Leben schenkt und den Tod vertreibt. Mit diesem Tod meint er natürlich nicht den leiblichen Tod.
 
Das Wort Jesu, das Wort Gottes, das Hören des Wortes und das Handeln nach dem Wort schenkt uns Leben. Und genau das spüre ich im Augenblick Tag für Tag. Wir feiern in unserer Gemeinschaft jeden Morgen einen Wortgottesdienst mit einer kleinen eucharistischen Feier, natürlich ohne Hochgebet und auch ohne Kommunion. Der Tisch des eucharistischen Brotes bleibt leer, aber der Tisch des Wortes ist so reich gedeckt – jeden Tag neu. Und daraus kann ich wirklich leben, es erfüllt mich und es ist für mich eine wirkliche Begegnung. Dabei spüre ich die Gegenwart Gottes so intensiv, dass dem kaum etwas hinzuzufügen ist. Ja, mir ist auch die eucharistische Anbetung, dieses Verweilen in der Gegenwart des Herrn unter der Gestalt des Sakramentes kostbar und lieb und ich möchte nicht darauf verzichten. Aber auf das tägliche Wort könnte ich noch viel weniger verzichten.
 
Und es freut mich sehr, dass Bischof Bode in seinen täglichen Predigten immer vom Wort Gottes ausgeht und es in unsere Situation überträgt. Ja, auch damit deckt er uns den Tisch des Wortes – Danke!


Sr. Ursula Wahle OSB


1. April 2020, Mittwoch der 5. Fastenwoche
 

Lesung: Daniel 3,14-21.49.91-92.95
Evangelium: Johannes 8,31-42
 
Befreites Dasein in Christus
 
„Wenn ihr in meinem Wort bleibt, seid Ihr wirklich meine Jünger. Dann werdet ihr die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch befreien.“ (Johannes 8,31b-32)
 
Die drei jungen Männer aus der Lesung waren Befreite! Denn sie hatten Gottes Wort = die Wahrheit in sich aufgenommen. Geradezu köstlich treffend finde ich die Antwort der Drei an den König: „Wir haben es nicht nötig, dir darauf zu antworten: Wenn überhaupt jemand, so kann nur unser Gott, den wir verehren, uns erretten; auch aus dem glühenden Feuerofen und aus deiner Hand, König, kann er uns retten.“ (Daniel 3,16b-17) Der Mut der vom König Bedrohten, kommt aus einer tiefen Ergriffenheit im Glauben an den Herrn und aus Begeisterung für diesen wunder-baren Gott, dem sie alles zutrauen, weil sie ihm vertrauen. Und genau das rettet sie!
 
Gott ist ja selbst wie ein glühender Ofen in seiner Liebe und Barmherzigkeit, in seiner Leidenschaft für uns Menschen. Diesem Feuer dürfen wir uns nähern. Haben Sie Mut. Versuchen Sie es!
 
Die französische Gründerin der Benediktinerinnen vom Heiligsten Sakrament, Mechtilde de Bar (1614-1698) schrieb einmal: „Man muss sich dem feurigen Glutofen der Barmherzigkeit Jesu Christi nähern.“
  
Entzünde mich Du leidenschaftlich Liebender,
lass mich lodern und die Flamme weiterreichen an andere,
die noch in Ängsten sind.
Mit Dir vermag ich alles zu bestehen.
Ich danke Dir, dass ich solch unbegrenztes Vertrauen in Dich setzen darf!

Sr. Bernadette Tonne OSB


31. März 2020, Dienstag der 5. Fastenwoche
 
Aufblick zum Himmel

In der heutigen Lesung ist davon die Rede, dass das Volk Israel auf dem Wüstenweg begann, der Strapazen überdrüssig zu werden. Man könnte auch sagen: Es verlor die Geduld. Die Leute lehnten sich gegen Gott und Mose auf.
Uns in Europa geht es heute ja ähnlich. Wir wünschen uns ein normales Leben ohne Einschränkungen zurück.  
Das Verhalten des Volkes Israels in der Wüste ist verständlich, aber ist es auch richtig und hilfreich? Wohl eher nicht: Die Menschen schauten auf ihre Situation, auf den Wüstenboden, auf dem sie das Manna fanden, kurz, sie schauten nach unten und nicht nach oben zum Himmel, zu Gott und auf IHN. Gott selbst muss sie lehren, dass es besser ist, zum Himmel aufzublicken und auf Gott zu vertrauen, denn alle, die zur Kupferschlange an der Fahnenstange aufblickten, die uns an das Kreuz Christi erinnert, schauten zugleich in den Himmel und wurden gesund. Auch wir haben die Wahl, ob wir ängstlich auf uns selbst und unsere unsichere Lage schauen, oder ob wir voll Zutrauen und Hoffnung auf Gott im Himmel schauen!
 
Papst Benedikt XVI. sagte einmal: „Gott scheitert nicht, ER findet neue größere Wege seiner Liebe!“

Gott, Du Quelle aller Möglichkeiten,
 Bitte, zeige uns die Wege, die für uns heute gangbar sind,
stärke Mut, Hoffnung und Gottvertrauen
in den Herzen der Menschen.

Sr. Bernadette Tonne OSB



Gesegnet ist der Mann, der auf den HERRN vertraut und
 dessen Vertrauen der HERR ist!
Er wird sein wie ein Baum, der am Wasser gepflanzt ist und
am Bach seine Wurzeln ausstreckt und
sich nicht fürchtet, wenn die Hitze kommt.
Sein Laub ist grün, im Jahr der Dürre ist er unbekümmert,
und er hört nicht auf, Frucht zu tragen.
(Jer. 17,7.8. Elberfelder Bibel)

 
Dieses Bild des Baumes von dem Propheten Jeremia, dass mich unbewusst durch mein Leben begleitet hat, wurde mir in diesen Tagen, die von Ungewissheit und Verunsicherung geprägt sind, neu geschenkt.
 
Das Wort Baum weckte in mir die Erinnerung an eine Imaginationsübung von Prof. Dr. Luise Reddemann, ein Element aus der aus Buddhistische Psychologie.
 
Hier die Übung frei formuliert (nach der Baumübung aus der Buddhistischen Psychologie: Grundlagen und Praxis von Tilmann Borghardt, Wolfgang Erhardt):
 
Baumübung
 
Gehen Sie mit Ihrer Aufmerksamkeit nach innen. Nehmen Sie den Atem wahr. Lassen Sie vor Ihrem inneren Auge einen Baum erscheinen. Schauen Sie einfach, welcher Baum auftaucht, ohne es zu forcieren. Wenn es mehrere Bäume gibt, dann wählen Sie einen aus. Dann gehen Sie in der inneren Szene auf den Baum zu und begrüßen ihn. Sie können ihn umarmen oder die Rinde berühren. Versuchen Sie ihn zu spüren, und vergewissern Sie sich durch Rütteln, dass er stabil ist und Ihrem Gewicht standhalten kann. Drehen Sie sich in der Vorstellung um, so dass der Baum jetzt hinter Ihrem Rücken ist; setzen sich an den Baum. Spüren Sie den Halt, die Stütze im Rücken, die Stabilität, die er Ihnen gibt. Identifizieren Sie sich mit dem Baum; vielleicht gelingt es Ihnen sich vorzustellen, sich so zu fühlen, als ob Sie der Baum wären. Gehen Sie mit Ihrer Aufmerksamkeit zu den Wurzeln, dem Teil des Baumes, der meist nicht sichtbar ist.
 
Nehmen Sie innerlich aus dieser Nahrungsquelle all das, was Sie brauchen.
 
Dann richten Sie Ihre Aufmerksamkeit auf das, was Sie von den Wurzeln und von den Ästen und Zweigen her aufnehmen. Vielleicht spüren Sie, wie sich die beiden Energieströme vermischen, sich im ganzen Körper ausbreiten und Sie innerlich ausgleichen. Bleiben Sie so lange in diesem Kontakt, wie Sie es brauchen.
 
Dann lassen Sie die Übung langsam ausklingen und kommen wieder zu Ihren körperlichen Empfindungen, dem Atmen zurück.
 
Nach langen Jahren machte ich für mich diese Übung und eine unbeschreibliche Erfahrung … Stärke (innere und äußerer); ein Ort, wo ich tiefe Wurzeln schlagen kann; Verankerung finden; Kraft bekommen; Erdung und mein Entschluss stand fest: In diesen Monaten möchte ich wie ein Baum sein, der durch seine tiefe Verankerung Schutz und Halt in jeder Wetterlage für sich selbst hat und dadurch anderen dies auch bieten kann.
  
Ich bin ein Baum, der bereits als Säugling an Wassern gepflanzt wurde und SEIN WORT in sich aufsaugte. In einer wasserreichen Gegend (kath. Rheinland) mit genügend gutem Grundwasser, konnte ich mich entfalten. Zurückblickend auf 63 Lebensjahre haben das Vertrauen auf IHN, die Verankerung in IHM und die Liebe von IHM für mich eine existenzielle Bedeutung. Die Stärkung durch IHN geschah oft unbemerkt, so zu sagen im Verborgenen oder im Unbewussten. Aus diesem Urvertrauen kann ich heute ohne zu zögern meine Wurzeln zum Wasser des Lebens ausstrecken und die nötige Kraft für jeden Tag bekommen.

Sr. Raphael Mertens OSB



Bruder Tod

Die Israeliten murren gegen Gott und Gott schickt ihnen Giftschlangen und viele Israeliten sterben. Aber Gott gibt auch das Heilmittel: Wer zur Kupferschlange aufblickt, bleibt am Leben. (Num 21,4-9) So hören wir es in der heutigen Lesung – und wie sollte sie uns nicht an unsere aktuelle Situation erinnern? Wo ist die Kupferschlange, zu der wir aufblicken können, um am Leben zu bleiben?
 
Ich bin von Beruf Krankenschwester und habe im Laufe der Jahre viele Schwestern auf dem Weg zum Tod begleitet und war dann auch bei ihrem Sterben dabei. Ich könnte Seiten damit füllen, Ihnen und Euch von diesen Stunden zu erzählen, von den Schwestern und ihrem Sterben. Jede einzelne habe ich vor Augen. Für mich hat der Tod nichts Unheimliches mehr, weil ich ihm schon so oft begegnen durfte. Ich möchte Ihnen und Euch nur von Sr. Gertrudis erzählen.
 
Sie lag in ihrem Bett, schon ganz vom Sterben gezeichnet und blickte immer unverwandt und mit einem Ausdruck des tiefen Friedens auf die Kommode, die an ihrem Fußende stand. Da standen ein paar frische Blumen und die Muttergottesfigur, die ihr lieb war. Und ich habe sie gefragt: „Sr. Gertrudis, schaust du die Muttergottes an?“ Sie schüttelte schwach mit dem Kopf. „Die Blumen sind schön, ja?“ Sie schüttelte wieder schwach den Kopf. Zwischen den Blumen und der Muttergottes stand ein Kreuz, das ich kurz zuvor dahingestellt hatte, ein Kreuz mit einem ganz sanften Jesus. „Schaust du auf Jesus?“ Und da nickte sie und strahlte mit ihren großen Augen. Jesus war ihre Kupferschlange. Ja, Sr. Gertrudis ist kurz darauf gestorben oder können wir sagen: Sie ist zu Jesus gegangen?
 
Franziskus sagt es in seinem Sonnengesangs so: Herr, sei gelobt durch unsern Bruder Tod, dem kein Mensch je entrinnen kann. Der zweite Tod (vgl. Offb 20,14) tut uns kein Leide an.
 
Paulus sagt es so: Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel? (1 Kor 15,55)

Sr. Ursula Wahle OSB



30. März 2020, Montag der 5. Fastenwoche

Eine neue Chance

In den heutigen Messtexten ist zwei Mal von Ehebruch die Rede: Susanna ist unschuldig, soll aber verurteilt werden. Die Frau im Evangelium ist offenbar schuldig. Doch beide Frauen werden gerettet: die eine durch Daniel, die andere durch Jesus. Nein, sündigen sollen wir nicht, das sagt Jesus eindeutig. Aber wir sollen die Misere nicht schlimmer machen, als sie schon ist. Gott rettet die Unschuldige und rettet die Schuldige. So geht Barmherzigkeit.
 
Wir können daraus lernen, nie den ersten Stein zu werfen. Denn auch wir sind nicht frei von Schuld und angewiesen auf Gnade. Wenn wir Barmherzigkeit vor Recht ergehen lassen, machen wir nichts falsch, aber vieles richtig, denn möglicherweise erhalten andere dadurch eine neue (Lebens-) Chance.
 
Gott, du Mitleidender,
bitte hilf mir Barmherzigkeit zu üben,
im Großen, aber auch im Kleinen,
um des Lebens willen,
auf dass Menschen die Chance und die Motivation
zur Umkehr finden können.

Sr. Bernadette Tonne OSB



Geh und sündige von jetzt an nicht mehr

Das ist eine ganz neue Situation: In der Corona-Krise, die die ganze Welt erfasst, die Kleinen und die ganz Großen, die Armen und die Reichen, egal welche Hautfarbe, da gibt es auf einmal keine Sündenböcke mehr. Wen wollte man anklagen, wem die Schuld geben? Vielleicht müssen wir es so sagen: Unsere Sünden klagen uns an. Vielleicht auch so, wie es Papst Franziskus am Freitagabend gesagt hat: Wir hatten gedacht, dass wir auf unserer kranken Erde gesund bleiben würden.
  
Jetzt hocken wir da, in der Mitte, und unsere Sünden stehen um uns herum und zeigen mit dem Finger auf uns. Unser maßloser Konsum, unsere Gier nach immer mehr Wohlstand, unsere Gewissenlosigkeit, mit der wir unsere Mutter, unsere Erde ausbeuten und sie so krank machen, wie sie jetzt ist.
 
Und wir warten auf das harte Urteil von dem, der uns die Erde anvertraut hat. Aber er schweigt, er sieht uns an. Nur noch zwei sind in der Mitte übriggeblieben wie es der hl. Augustinus sagt: Die Erbärmliche und der Erbarmende. Und was sagt er: Auch ich verurteile dich nicht. Unbegreiflich. Der Erbarmende hat Mitleid mit uns. Und er gibt uns noch einmal eine Chance: Geh und sündige von jetzt an nicht mehr.
 
Wie soll ich das schaffen? Woher die Kraft nehmen, mein Leben so radikal zu ändern?
 
 
Herr, füll mich neu, füll mich neu mit deinem Geiste,
der mich belebt und zu dir, mein Gott hinziehet.
Hier bin ich vor dir.
Leer sind meine Hände.
Herr, füll mich ganz mit dir.

Sr. Ursula Wahle OSB


29. März 2020, 5. Fastensonntag

Mit dem sogenannten Passionssonntag kommen wir der Karwoche und damit auch dem Thema Tod näher. Und das Thema Tod ist uns jetzt sowieso ganz nah, sozusagen zum Greifen nah. In meinem Umfeld hat sich bisher noch niemand angesteckt, auch nicht in meiner Familie. Aber das kann sich auch ändern, trotz aller Vorsicht.
Und wir hören an diesem Sonntag das Evangelium von der Auferweckung des Lazarus. Johannes erzählt uns diese Geschichte, um uns die Wirkmächtigkeit (die Herrlichkeit) Gottes vor Augen zu stellen. Und in diese Geschichte sind ganz wesentliche theologische Aussagen eingeflochten und das wieder in einem Gespräch mit einer Frau, mit Martha von Betanien. Jesus sagt zu ihr: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt und jeder, der lebt und an mich glaubt, wird auf ewig nicht sterben. (Joh 11,25f.) Wie haben wir denn diese Worte Jesu zu verstehen? Jesus spricht hier von einem Leben, das nicht mit unserem irdischen oder gar unserem biologischen Leben identisch ist. Es gibt ein Leben, das weit darüber hinausgeht. Wir nennen es ewiges Leben. Damit ist aber nicht einfach ein unendlich langes Leben gemeint, sondern ein Leben, das in jeder Hinsicht keine Grenzen mehr hat. Es geht um ein Leben, in dem unsere Liebe erreicht, was sie ersehnt, in dem auch unsere Liebe wirkmächtig sein wird. Und dieses Leben kann schon heute beginnen.
Es gibt ein Buch, das mich vor einigen Jahren tief bewegt hat. Es sind die Abschiedsbriefe von Freya und Helmut James von Moltke, die die beiden miteinander ausgetauscht haben, als Helmut 1944 in Berlin Tegel auf seine Hinrichtung wartete (Helmut James und Freya von Moltke, Abschiedsbriefe Gefängnis Tegel. September 1944 – Januar 1945, München 32011). Diese Briefe sind ein tief christliches Zeugnis von Glaube, Hoffnung und Liebe. Freya schreibt ihrem geliebten Mann einmal: „Außer dem Leben können sie Dir ja nichts nehmen.“ Und das zentrale Schriftwort für die beiden ist: Leben wir, so leben wir dem Herrn, sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Ob wir leben oder ob wir sterben, wir gehören dem Herrn (Röm 14,8). Die beiden haben an das Leben geglaubt, das Jesus ist und das er ihnen geschenkt hat und das ihnen niemand nehmen kann. Wie Martha von Betanien beruhte bei ihnen dieser Glaube auf der Erfahrung, die sie mit Jesus gemacht haben und auf dem unerschütterlichen Vertrauen, das sie zu ihm hatten.

Sr. Ursula Wahle OSB



Die Hoffnung beginnt, wo alle Hoffnung endet

Lazarus lag schon vier Tage lang im Grab, als Jesus ankam (vgl. Johannes 11,17). Es gab keine Überlebenshoffnung mehr. Kein Zweifel: Lazarus war wirklich tot. Doch Jesus, sein Freund, ruft ihn kraft des Geistes und seiner Liebe zu ihm wortwörtlich ins Leben zurück.
 
Kennen Sie etwas Ähnliches aus ihrem Leben auch? Dass etwas tot Geglaubtes wiederbelebt wird, dass nach völliger Hoffnungslosigkeit, eine Art Wunder geschieht?
 
Mir begegnete das schon öfter: Ich hatte etwas für hoffnungslos verloren geglaubt, und dennoch wurde es mir in neuer Weise zurückgeschenkt, z.B. die Gesundheit nach jahrelanger Krankheit, mit der ich mich schon abgefunden hatte.
 
Aus solchen Begebenheiten können wir für die Zukunft lernen, z.B. auch jetzt in der Corona-Krise. Danach wird sicherlich Vieles ganz anders sein. Manches wird uns genommen sein. Aber wir dürfen darauf vertrauen und haben berechtigten Grund zur Hoffnung, dass Gott uns weiterhin führen wird und uns nahe bleibt!
  
Jesus, Meister, schenke den Menschen unserer Zeit
Hoffnung und Zuversicht,
dass Neues lebendig werden wird
und Gott der Vater uns weiterführt.
Amen.
 
 Sr. Bernadette Tonne OSB



Habitare secum

In den letzten Tagen hatte ich viel Kontakt mit Familie und Freunden und in allen Gesprächen gab es zwei Themen: Bist du/Seid ihr noch gesund (ja, sind wir!) und nach der Feststellung, dass es für mich „normal“ ist immer zuhause zu sein und Ausgangsbeschränkungen nichts Besonderes darstellen, kommt die Frage auf, wie ich das aushalten kann. Für einen Moment bin ich verlegen, ja, wie halte ich das aus?
Zunächst: Ein Kloster ist keine Wohnung. Meine Mitschwestern und ich sind uns sehr bewusst, dass wir im Vergleich sehr viel Wohnraum haben und nicht allein sein zu müssen. Wir können nur erahnen wie es vielen Menschen im Moment geht.
 
Im Formationsprozess zur Ordensfrau habe ich etwas kennengelernt, was die Frage vielleicht teilweise beantwortet. In der Vita des Hl. Benedikt schreibt Gregor der Große dem Ordensvater die Eigenschaft „habitare secum“ zu. „Habitare secum“ bedeutet: Bei sich bzw in sich selber wohnen unter den Augen Gottes. Es beschreibt eine geistliche Übung, die mir persönlich sehr wertvoll ist, weil sie mich zu einer größeren Vertrautheit mit mir selbst, inneren Weite und Gott führt.
 
Ich vergegenwärtige mir immer wieder das Hier und Jetzt, mache mir bewusst was ich in diesem Moment denke, fühle oder tue. Dabei gibt es kein Tabu, kein „Ich sollte jetzt eigentlich dieses oder jenes empfinden“. Ich schaue ehrlich auf mich, nehme wahr was ist, ohne mich zu bewerten, und frage in schwierigen Situationen nüchtern, ob gerade wirklich das Offensichtliche das Problem ist oder etwas anderes dahinter steckt.
 
All diese Gedanken schreibe ich in ein Tagebuch. Diese Aufzeichnungen helfen mir, nach und nach meine Verhaltens- und Denkmuster zu erkennen und herauszufinden was mir in welchen Situationen gut tut oder auch nicht. Tut es mir z.B. gut mehrfach am Tag Nachrichten zu schauen und jede Stunde die neusten Corona Fallzahlen der John Hopkins Universität zu recherchieren? Nein? Dann lass es sein und tu dir etwas Gutes!
 
All das nehme ich mit ins Gebet, trete vor Gott, teile Freude und Kummer und erfahre in meiner persönlichen (und räumlichen) Begrenztheit seine Nähe und Weite. Äußerlich bin ich in einem Raum – innerlich unterwegs zu mir und zu Gott.

Sr. Josefine Schwitalla OSB


28. März 2020, Samstag der 4. Fastenwoche

Sakrament des Augenblicks

Das eucharistische Fasten und die augenblicklichen weltweiten, bedrückenden Sorgen scheinen mir wie Gegensätze. Die „unerträgliche Last der Anliegen“, die ich vor Gott tragen möchte, macht mich vor ihm sprachlos und ich denke voller Schmerz: "Gerade jetzt brauchen wir doch Deine Gegenwart so sehr!!" Ich fühle mich zuinnerst herausgefordert und schweigend schreie ich die augenblickliche Not ALLER vor ihm aus, denn ich fühle mich verbunden mit allen. Und dann wird mir ganz klar:

JHWH
der
ICH BIN DA
 
IST IMMER GANZ DA.
 
In der totalen Präsenz
im Hier und Jetzt
bin auch ich
 
GANZ DA
vor IHM – in IHM  
EINS mit IHM
 
SAKRAMENT DES AUGENBLICKS

im
 
Aug in Aug
und
Herz in Herz
 
ist ALLES gesagt
 schweigend
 
und ich weiß
 Er hat es gehört!

Sr. Eva-Maria Kreimeyer OSB



Ich will euch eine Zukunft und eine Hoffnung geben

Gestern im Morgengebet haben wir eine Lesung aus dem Buch des Propheten Jeremia gehört. Darin heißt es: Ich kenne meine Pläne, die ich für euch habe, spricht der Herr, Pläne des Heils und nicht des Unheils, denn ich will euch eine Zukunft und eine Hoffnung geben. (Jer 29,11) Diese Worte haben mich tief berührt, sie sind für uns gesagt, sie sprechen uns direkt an. Auch in dieser Zeit, in der alles aus den Fugen gerät, wo es nur noch unheil aussieht, wo wir kaum noch aus und ein wissen, spricht Gott uns diese Worte zu. Ja, sie gelten uns gerade in dieser Zeit. Das Corona-Virus ist keine Strafe Gottes, er hat dieses Virus nicht über uns verhängt. Viren gab es immer schon, aber dass dieses Virus sich so rasend über die ganze Welt verbreitet, liegt an unserer Lebensweise und die entspricht in vieler Hinsicht nicht dem Willen, dem Heilswillen Gottes. Aber die Lesung geht auch noch weiter: Ja, ich lasse mich von euch finden, wenn ihr mich von ganzem Herzen sucht. Gott von ganzem Herzen zu suchen, bedeutet nach seinen Weisungen zu leben und die fremden Götter wegzuschaffen. So wird es uns im Buch der Chronik mehrfach gesagt (z.B. 2 Chr 14,3f.) Wir sind jetzt wirklich aufgerufen, die Zeichen der Zeit zu sehen und zu verstehen. Und umzukehren auf einem Weg, der kein Heilsweg ist.

Sr. Ursula Wahle OSB


27. März 2020, Freitag der 4. Fastenwoche

Dann nimmt sich Gott seiner an und entreißt ihn der Hand seiner Gegner.

Das soll der Test sein: Wenn er wirklich Gottes Sohn ist, dann wird Gott ihn auch der Hand seiner Gegner entreißen. Diesen Test soll Jesus am Kreuz dann noch mal bestehen: Er soll vom Kreuz herabsteigen, damit wir sehen und glauben (Mk 15,32). Aber Jesus steigt nicht herab und Gott holt ihn auch nicht vom Kreuz runter. Nein, Jesus stirbt am Kreuz!

Und das ist doch das, womit wir sooft ringen: Wieso hat Gott da nicht eingegriffen? Wieso lässt er jetzt Menschen elendig ersticken? Wieso lässt er zu, dass Menschen ihre Existenzgrundlage verlieren?

Mich hat das ganz massiv durchgeschüttelt als ich die Kindheitsgeschichte eines wohnungslosen Mannes erfahren habe, der jetzt – wie schon so oft in seinem Leben – wieder im Gefängnis sitzt. „Roh und grausam wollen wir mit ihm verfahren …“ Ja, roh und grausam ist mit ihm verfahren worden, so grausam, dass meine Fantasie dafür nicht ausgereicht hätte. Ich habe keine Erklärung dafür, ich weiß auch nicht, wie ich Gott ent-schuldigen soll. Nur eines weiß ich: In Jesus ist Gott uns bis in die allerletzten Abgründe nahegekommen und ist uns genau dort bis heute unendlich nah. Jesus ist selbst in jedem und in jeder, die jetzt so sehr leidet, da, wirklich da.

Und ist weiß noch etwas: Das Leiden hat nicht das letzte Wort – Ostern ist wahr!

Sr. Ursula Wahle OSB



„Und jetzt geh! Ich bin wo du bist!“
Ex 3, 10.14

Diese Aufforderung Gottes, verbunden mit der festen Zusage immer da zu sein, wurde mir bei meiner Profess mit auf den Weg gegeben. Meine Antwort, „Ja, ich gehe und ich will dort sein, wo du bist“, kann ich in diesen Tagen und Wochen in ganz besonderer Weise einlösen.
Ganz bewusst, Schritt für Schritt gehe ich durch den Tag. Diese vorösterliche Zeit ist für mich eine Herausforderung, die Fragen stellt.  Was bleibt, da der tägliche Empfang der Eucharistie nicht mehr möglich ist? Wie wird Gott seine Zusage einlösen? Wie werde ich meine Antwort einlösen? Bin ich bereit?
Ich bin breit an mir Wandlung zuzulassen. Aus einem tiefen Schmerz wird große Freude. Gottes versprechen „ich bin, wo du bist“ breitet sich in besonderer Weise in mir aus. Es ist ein „Eins-sein“, das vorher so nicht spürbar werden konnte.
Mit allen Sinnen darf ich „IHN“ wahrnehmen. „Schaue, ohne etwa zu betrachten … höre, ohne auf irgendetwas zu hören… rieche, ohne etwas mit dem Geruchssinn zu verfolgen… schmecke, ohne bei etwas hängen zu bleiben … fühle, wie es ist gewahr zusein…“  (aus: Buddhistische Psychologie: Grundlagen und Praxis von Tilmann Borghardt, Wolfgang Erhardt). So darf ich mit allen Sinnen, DEN erleben, der mich wandelt, verwandelt. Was für eine Einswerdung!

Namasté

Sr. Raphael Mertens OSB



Die Kraft der Geduld

Aus der heutigen Lesung: „Roh und grausam wollen wir mit ihm verfahren, um seine SANFTMUT kennenzulernen, seine GEDULD zu erproben. (…) So denken sie, aber sie irren sich. (…) Sie verstehen von Gottes Geheimnissen nichts, sie hoffen nicht auf Lohn für die FRÖMMIGKEIT.“ (vgl. Weisheit 2,20-22)

Von Sanftmut, Geduld und Frömmigkeit ist in diesem Abschnitt die Rede. Keine Frage, mit solchen Eigenschaften ließe sich unsere schwierige Zeit leichter bestehen. Allerdings tun sich viele Menschen, die ich kenne, mit Geduld und Sanftmut schwer. Wer kann schon von sich selbst sagen er/sie sei geduldig und sanftmütig? Wenn wir jedoch an Menschen wie Mahatma Gandhi oder z.B. Nelson Mandela denken, verstehen wir in etwa, was für eine Grundhaltung damit gemeint ist. Es braucht im wahrsten Sinne echte Frömmigkeit - das Wort meinte früher übrigens, ca. im Mittelalter eigentlich soviel wie tapferes, beherztes Anpacken oder Ertragen - also eine Art Starkmut, um wahrhaft sanftmütig reagieren zu können. Doch eine solche Haltung einzunehmen, kann uns auch heute gelingen. Davon bin ich überzeugt, weil es mir manchmal in meinem eigenen Leben mit Gottes Hilfe schon geglückt ist. Standhaftigkeit im Leiden könnte man es auch nennen. Das wird uns stets dann gnadenvoll geschenkt, wenn wir unser Herz in festem VERTRAUEN und unzerstörbarer HOFFNUNG in Gott verankert haben. Wagen Sie es ruhig! Probieren Sie es aus!

Gott, Du bist die Langmut selbst,
 Bitte schenke mir Deine Gnade, auf dass auch ich sanftmütig und geduldig bleibe,
wenn mich Ungerechtigkeit, Leid oder Gewalt treffen.
Bitte beruhige die Herzen der vielen unter Verfolgung leidenden Menschen
weltweit durch Deine Gegenwart.
Du bist da und bleibst bei mir,
selbst, wenn ich Deine Nähe gerade nicht fühlen kann.
Dieser Glaube trägt mich, Mögen viele Gläubige diesen Trost erfahren.
Amen.
 
 Sr. Bernadette Tonne OSB


26. März 2020, Donnerstag der 4. Fastenwoche

Liebe den HERRN, deinen Gott, denn er ist dein Leben

 
Der heutige Abschnitt aus dem Johannesevangelium verwendet eine Sprache, die mir zunächst etwas unverständlich ist. Jesus spricht vom „Zeugnis geben“ und eigentlich weiß ich gar nicht so genau, was er damit meint. Kann ich natürlich in entsprechenden Kommentaren nachschauen und das mache ich nachher auch noch.
 
Aber mir springt etwas anderes ins Auge. Jesus redet sich hier richtig in Wut. Er ist wütend über die Verstocktheit seiner Gegner. Das fängt in V 37 an: Ihr habt weder seine (des Vaters) Stimme gehört, noch seine Gestalt gesehen … und doch wollt ihr nicht zu mir kommen, um das Leben zu haben … Wenn ihr den Schriften des Mose nicht glaubt, wie könnt ihr dann meinen Worten glauben?  Mir kommt eines meiner Lieblingsworte aus dem Buch Deuteronomium in den Sinn: Liebe den HERRN, deinen Gott, höre auf seine Stimme und halte dich an ihm fest; denn er ist dein Leben. (Dtn 30,20) Die Wutrede Jesu zielt darauf ab. Jesus, will seine Gegner aufrütteln und sie daran erinnern, was Gott für sie ist: Er ist dein Leben!

Sr. Ursula Wahle OSB



Gegenwart Gottes finden

Was für eine Situation, in der wir alle aufgrund der Corona-Krise leben müssen!!
 
Es war am vergangenen Sonntag, als ich im Internet gemeinsam mit meinen Mitschwestern im Kapitelsaal mit Hilfe eines Beamers, die Heilige Messe im Osnabrücker Dom mit Bischof Dr. Franz-Josef Bode ansah: Den Raum des Domes vor Augen, die Orgel im Ohr sowie die Worte der Lesung von Dr. Rohner gesprochen, die Momente der Eucharistiefeier mit der Wandlung! All das bewegte mein und unser aller Herzen zutiefst. Nicht nur bei mir flossen Tränen des Berührtseins, der Freude, der Ergriffenheit und des Staunens, weil die Atmosphäre so dicht war. In diesen Augenblicken hatte ich Gottes Gegenwart gefunden, gespürt, geradezu verkostet. Was für ein Geschenk!
 
Täglich suchen wir Benediktinerinnen, und sicher auch viele anderen Menschen, Gottes Gegenwart. Und manchmal wird uns eine Erfahrung geschenkt, in der wir Gott ganz nahe fühlen, manchmal so spürbar wie am letzten Sonntag. Mit ganzem Herzen wünsche ich allen Menschen jene einzigartigen Erfahrungen der fühlbaren Nähe Gottes, des gefühlten Gott-findens. Dieses Finden bewegt mich persönlich dann wieder neu, nach IHM zu suchen. Denn die Sehnsucht nach immer neuer und anderer Begegnung mit dem Numinosen, mit dem geheimnisvollen Gott bleibt unstillbar und unendlich!
 
 
Gott, Du mein Gott, Dich suche ich.
 Meine Seele dürstet nach Dir!
Sei besonders den kranken Menschen nah,
den Sterbenden, ihren Angehörigen und allen Notleidenden.
Danke, Jesus, dass Du bei uns bleibst,
wo und wie immer wir uns befinden!
Amen.
 
 Sr. Bernadette Tonne OSB


25. März 2020, Verkündigung des Herrn - Hochfest
Mittwoch der 4. Fastenwoche

 
Wann ist die Zeit der Rettung?

Im heutigen Beitrag beziehe ich mich bewusst nicht auf die Texte des Hochfestes, sondern ausnahmsweise auf die des Mittwochs der 4. Fastenwoche.
Wann fühlen wir uns erlöst und frei? Wenn die Corona-Krise zu Ende ist?
Vielleicht, wenn wir gesund sind und bleiben? Wenn wir Vergebung erfahren durften? Wenn wir in einer guten Beziehung mit unserem Partner leben?
Diese möglichen „Wenns“ ließen sich noch lange fortsetzen. Welche Antwort auf die Frage „Wann?“ Finden wir in den Bibeltexten? Bei Jesaja steht: „So spricht der Herr: Zur Zeit der Gnade will ich Dich erhören, am Tag der Rettung dir helfen.“ (Jesaja 49,8) Im Johannes-Evangelium heißt es jedoch: „Amen, amen, ich sage euch: Die Stunde kommt,

und sie ist schon da, (!)

in der die Toten die Stimme Gottes hören werden; und alle, die sie hören, werden leben.“ (Johannes 5,25) In der lateinischen Fassung steht an der entscheidenden Stelle das Wort „nunc“ (= und sie ist gerade JETZT da!). Im Englischen heißt es entsprechend: „now“ (= jetzt)!
Jesus und der Vater bieten uns also die Möglichkeit, Rettung und Erlösung JETZT erleben zu dürfen.
Wie lässt sich das verstehen? Eigentlich ist es ganz einfach. Nötig ist aber, dass ich zuvor meine Ressentiments, inneren Widerstände, Vorurteile, Vermutungen, Erwartungen und Vorstellungen loslasse, mich ganz frei, nackt und offen vor Gottes Angesicht hinstelle und mich von IHM beschenken lasse, in dem ich Gott zuhöre und seine Worte in mich aufnehme. Er wird mir dann sagen können, wie sehr ER mich liebt, und mir Barmherzigkeit und Vergebung schenken möchte, wenn ich es will und das auch annehme. Ich brauche lediglich, mir selbst zu vergeben, mich mit Gott, den anderen Menschen und meinen Lebensumständen versöhnen zu lassen. Dann werde ich im selben Moment Heil, Rettung und Erlösung erleben können!                  
 
Gott, Du großer Barmherziger,
BITTE gib mir Mut, mich von Dir befreien und beschenken zu lassen!
Ich weiß, das klingt seltsam,
aber es fällt mir wirklich gar nicht so leicht,
mir selbst zu vergeben und Erlösung als Geschenk anzunehmen.
Bitte bereite Du meinem Herzen einen Weg dahin,
dann kann ich auch andere damit anstecken.
 
 Sr. Bernadette Tonne OSB


24. März 2020, Dienstag der 4. Fastenwoche

  
Eine sehr persönliche Erfahrung

 
Gestern wurde mir klar, dass ich das Hochgebet viel mehr vermisse als die Kommunion. Ich liebe diese Gebete, die so unglaublich dicht zu Gott sprechen, ihn, den Schöpfer und Herrn der Heilsgeschichte preisen. Ich vermisse die Einsetzungsworte, die das Mahl Jesu mit seinen Jüngern vergegenwärtigen, die Fürbitten für die Kirche, die ganze Welt und die Verstorbenen.
 
Aber all das ist noch nicht der Kern, die Ursache des Schmerzes, den ich tief empfinde. Gestern Abend wurde es mir erst klar: Ich vermisse so sehr, Jesus in seiner Lebenshingabe nahe sein zu dürfen. Ich empfinde diese Trennung sehr schmerzlich und daran kann auch die Messfeier mit dem Bischof oder die morgens zeitgleich zu unserem Wortgottesdienst gefeierte Messe eines uns nahestehenden Priestern nichts ändern. Ich kann nicht Zeugin sein, nicht wirklich dabei sein. In meinem Gefühl darf ich Jesus in seiner Hingabe für uns alle, gerade jetzt, wo wir sie so dringend brauchen, nicht nahe sein.
 
Ich habe das vorher selbst nicht gewusst, dass es so ist, und dass die Eucharistiefeier so real ist!
 

Sr. Ursula Wahle OSB




Wasser des Lebens

„Wohin der Fluss kommt, dort bleibt alles am Leben.“ „…denn das Wasser des Flusses kommt aus dem Heiligtum.“ (Ezechiel 47,9d.12d) In der heutigen Lesung aus dem Buch Ezechiel ist von einem ganz besonderen Wasser die Rede. Darin sehe ich das Wasser der Taufe. Es ist heiliges Wasser, weil es aus dem Heiligtum kommt. Aber was ist damit gemeint? Wie kommt es zu Heilung und Leben?

Das Heiligtum ist der Ort der Gegenwart Gottes, des Liebenden, des Barmherzigen, des großen Vergebenden. ER ist die Quelle aller Heilung und allen Lebens. Vergebung und Verzeihung heilen! So ist Gott zu uns, zu mir persönlich. Wenn ich diese Gaben Gottes in mich aufgenommen habe, und davon ganz erfüllt und durchdrungen bin, kann ich selbst diese barmherzige, vergebende Haltung einnehmen. Dann bin ich so frei, dass es mir möglich ist, selbst auch anderen Barmherzigkeit und Vergebung zukommen zu lassen.
Gott, Du mein Gott,
ich DANKE Dir für Deine Barmherzigkeit,
die mir täglich neu das Leben in Freiheit schenkt.
Hilf mir, dass ich anderen ebenso, Barmherzigkeit,
Liebe und Vergebung weiterschenken kann, damit sie sich ausbreiten können.
Heile die Menschen, die verbittert sind,
die nicht vergeben können,
und bitte, befreie sie.
Amen.

Sr. Bernadette Tonne OSB


23. März 2020, Montag der 4. Fastenwoche
  
Die Lesung vom Ende des Buches Jesaja, die wir heute gehört haben, trifft so sehr in unsere aktuelle Situation: https://erzabtei-beuron.de/schott/schott_anz/index.html Es ist die Verheißung einer neuen Welt, die Gott schaffen wird, einer Welt der Freude und des Jubels, in der man des Früheren nicht mehr gedenkt. Das Leid, das unzählige Menschen heute erleben – und damit meine ich diejenigen, die jetzt um ihr Leben ringen oder die geliebte Menschen verloren haben oder noch verlieren – dieses Leid wird einmal weggewischt, wie die Tränen aus einem Gesicht. Ja, dieser Tag wird kommen – für jede und jeden von uns und für uns alle gemeinsam! Die Offenbarung des Johannes drückt das in einem sehr starken Bild aus: Am Ende wird auch der Tod selbst in den Feuersee geworfen. Ja, der Tod selbst wird im Feuer der Liebe Gottes umgeschmolzen in ein Leben, das keinen Schmerz, keine Trauer mehr kennt, in ein Leben des Jubels und der Freude.
 
Wie wollen wir heute leben, um an diesem Tag einmal versöhnt auf unsere heutige Zeit zurückschauen zu können?

Sr. Ursula Wahle OSB



Geh‘ Deinen Weg
 
Im heutigen Tagesevangelium steht unter anderem: „Jesus erwiderte ihm: ‚Geh, dein Sohn lebt!‘ Der Mann glaubte dem Wort, das Jesus zu ihm gesagt hatte und machte sich auf den Weg.“ (Johannes 4,50) In der englischen Fassung steht: „Jesus said to him, ‚Go your way; your son lives.‘ So the man believed the word that Jesus spoke to him, and he went his way.“
Es fällt beim Vergleich der Sätze auf, das im Englischen steht: „go your way.“ Und „he went his way“. (= Geh Deinen Weg. Und: er ging seinen Weg.) Es ist also nicht von irgendeinem Weg die Rede, sondern vom persönlichen Weg dieses Mannes, den nur er in seiner Einzig-artigkeit gehen kann. „Geh Deinen Weg!“, kann in Zeiten der Corona-Krise natürlich auch bedeuten: „stay at home!“ (= bleib zuhause!). Aber gemeint ist ja der innere Lebensweg des Menschen, der dem Wort Jesu glaubt.
Doch weshalb glaubt der Mann Jesus sofort? Meine persönliche Vermutung ist, dass die Begegnung mit der Persönlichkeit Jesu, dieses von Angesicht zu Angesicht einander anschauen, den Beamten so beeindruckt hat, dass er keinerlei Zweifel mehr spürte. Er begriff: Das, was dieser Mann, Jesus, sagt, ist absolut verlässlich!“ In dem Mann war also in diesem Moment VERTRAUEN entstanden. Das ist das Entscheidende. Vertrauen auf Jesus, auf Gott trägt uns, weckt in uns neue Kräfte, Sichtweisen, Lebendigkeit, Fantasie und Kreativität, die wir auf unserem ureigenen Weg so nötig brauchen! Vertrauen beflügelt.
Jesus ermutigt uns zu unserem individuellen Weg. Darauf weist der Heilige Benediktus in seiner Regel im Prolog hin: „Seht, in seiner Güte zeigt uns der Herr den Weg des Lebens.“ (RB Prolog 20)
 
Jesus, mein Meister, halte mich fest in Deinen Armen,
denn ich fühle Angst,
Ich glaube an Dich, aber bitte, hilf meinem Unglauben.
Stärke mein Vertrauen in Dich.
Auf Dich will ich mich verlassen in der Armut meiner Situation.
Du bist ja mit meiner Not vertraut.
Dein Wort möge immer mehr die Überzeugung in mir wachsen lassen, dass ich in Dir geborgen bin, was auch geschieht.
Erbarme Dich aller Menschen, die nicht glauben können,
aller Verängstigten, Verzweifelten und Leidenden.

Amen.

Sr. Bernadette Tonne OSB


Sonntag, 22. März 2020: 4. Fastensonntag (Laetare)


Schmerzliche Sehnsucht

Das eucharistische Fasten auszuhalten, ist wirklich sehr schwer! Ich spüre eine so große schmerzliche Sehnsucht nach dem Sakrament der Eucharistie ... und dieser Schmerz lässt mich suchen, fragen und spüren, wo sich Gottes Gegenwart zeigt ... Ich fühle mich, wie die Braut im Hohelied, die den Bräutigam sah und doch wieder verlor.

Und dann wird mir wieder und wieder bewusst: Ein Herz, dass sich nach Gott sehnt, dass ihm diesen Sehnsuchtsschmerz hinhält, zieht Ihn förmlich in sich hinein. Einem Herzen, dass sich nach Gott sehnt „kann Er sich nicht entziehen“. Denn Gottes Leidenschaft ist der lebendige Mensch! Ich spüre die Worte Jesu an mich: Du Kleingläubige! Habe ich denn nicht noch viel mehr Wege und Mittel, bei Dir zu sein? Bin ich denn nicht noch viel, viel größer? Öffne die Augen Deines Herzens! Wo bin ich denn nicht?

Ja, Herr! In Dir lebe ich, bewege ich mich und bin ich. Du bist in mir und ich bin in Dir! Aug in Aug und Herz in Herz!

Sr. Eva-Maria Kreimeyer OSB




Wenn ich das heutige - sehr lange - Evangelium lese, dann staune ich über die vielen Begegnungen, die darin beschrieben werden. Erst begegnen sich Jesus und der Blindgeborene und diese Begegnung hat ziemliche Folgen, denn der Mann kann anschließend sehen. Ich stelle mir jetzt einfach mal ganz konkret vor, wie Jesus auf die Erde spuckt und den Teig macht und ihn anschließend dem Mann auf die Augen „patscht“. Möchte ich eine so dichte Begegnung mit Jesus? Und jedes Mal, wenn der Mann gefragt wird, wie er denn geheilt worden ist – und das wird er ziemlich oft gefragt – beschreibt er genau diesen Vorgang. So einfach und so dicht ist die Begegnung mit Jesus.

Und dann erinnert mich dieses Tun Jesu auch an die Erschaffung des Menschen in der zweiten Schöpfungserzählung, in der Gott den Menschen aus dem feuchten Ackerboden erschafft. Das Tun Jesu zeigt mir sinnbildlich, dass wir in ihm wirklich eine neue Schöpfung sind. Und das anschließende Waschen „im Schiloach“ – im Gesandten – verweist uns auf die Taufe. Wir sind getauft und in Christus sind wir eine neue Schöpfung(2 Kor 5,17) !

Und ich musste ehrlich lachen, als der Mann schließlich die Nase voll hat von der Fragerei und provozierend fragt: Wollt auch ihr seine Jünger werden? Aber genau das wollen die Frager natürlich nicht. Sie wollen auch keine wirkliche Begegnung.

Und dann rührt mich diese letzte Begegnung zwischen Jesus und dem Mann so an: Wieder ganz einfach und menschlich. Wer ist denn dieser Menschensohn? Und ich stelle mir Jesus vor, wie er vor dem Mann steht, ihn anschaut, ihm in die Augen schaut und ihm mit diesen schlichten Worten sagt: Du hast ihn bereits gesehen; er der mit dir redet, ist es. Und ich möchte noch hinzufügen: Er, der dir jetzt in die Augen schaut!

Sr. Ursula Wahle OSB


 
 
Tiefe geistliche Freude

Heute mitten in der Bußzeit begehen wir den Sonntag „Laetare“, was übersetzt heißt: „Freue Dich!“ Aber wie lässt sich das Verstehen? Freude in der Fastenzeit und dann noch mitten in der Corona-Krise?
 
Sätze aus dem Epheser-Brief (2. Lesung) lassen uns im wahrsten Sinne des Wortes ein Licht aufgehen: „Alles, was aufgedeckt ist, wird vom Licht erleuchtet. Denn alles Erleuchtete ist Licht. Deshalb heißt es: Wach auf, Du Schläfer, und steh auf von den Toten und Christus wird Dein Licht sein.“ (Eph 5,13-14)
Dieses Zitat weist hin auf einen Prozess im Inneren des Glaubenden, dem nach der Reue Freude zu Teil wird, weil er spürt, dass er Vergebung von Gott empfangen hat.
Was genau geschieht dabei? Ich öffne mich im Gebet für Gott, decke mein Innerstes auf, so dass Licht (= Christus) in mich einfallen kann. Der Lichtstrahl beleuchtet auch meine Kellerräume, die ich sonst so gerne verschlossen halte, alles, was in meinen Dunkelheiten schlummert. Ich fühle mich zunächst geblendet vom Licht, es ist unbequem und schmerzt mich, meine Schattenseiten hell erleuchtet zu sehen, aber es ist zugleich heilsam, denn diese Helligkeit ist kein gewöhnliches Licht, sondern ein Leuchten, das ausgeht vom Antlitz Christi. Jesus Christus blickt mich jetzt an mit dem Ausdruck von Verstehen und Barmherzigkeit. Mein Herz bereut seine Verkehrtheiten, doch im selben Moment fühlt es Erleichterung wegen des zärtlichen, vergebenden Blickes Christi. Das löst tiefe geistliche FREUDE und DANKBARKEIT in mir aus, und ich bin angekommen im Sonntag „Laetare“.

Gott, Du mein Schöpfer, bitte gib mir Mut und Kraft,
Dein Licht an meine Schattenseiten heranzulassen.
Hilf mir, mich wirklich zu öffnen, mich meinen persönlichen Realitäten
in Wahrhaftigkeit und Demut zu stellen.
Denn dann kannst Du mich heilen, befreien und erleuchten.
Doch ich spüre auch Angst vor all dem!
Bitte stärke mein Vertrauen auf Dich, denn nur mit und in Dir kann es gelingen.
Dank sei Dir, Du Großer, Barmherziger!
 Amen.

Sr. Bernadette Tonne OSB


Samstag, 21. März 2020 - Hochfest des Heimgangs unseres hl. Vaters Benediktus

Trost und Vertrauen schöpfen aus der Schrift

Muss ich auch wandern in finsterer Schlucht, / ich fürchte kein Unheil;
denn du bist bei mir, dein Stock und dein Stab geben mir Zuversicht.
Psalm 23,4

Fürchte dich nicht, denn ich bin bei dir!
Jes 43,5

Herr, Danke für Deine tägliche Sorge für jeden Einzelnen von uns!

Sr. Elisabeth Tiemann OSB



Dankbar sein
Die Meldungen und Maßnahmen rund um die Corona Pandemie reißen nicht ab. Dinge, die vor einigen Tagen noch undenkbar schienen, sind nun Realität, manche sind nur schwer auszuhalten.
Doch bei all den Unsicherheiten und Sorgen, trage ich ein tiefes Gefühl der Dankbarkeit in mir. Ich danke Gott, dass ich mir keine Sorgen um Dinge wie z.B. Essen machen muss, dass ich auf unterschiedlichen Wegen trotzdem mit Familie und Freunden kommunizieren kann, dass ich gesund bin und durch so etwas „einfachem“ wir soziale Distanz anderen helfen kann. Und ich bin dankbar, dass ich einen Glauben, einen dreieinigen Gott habe, an dem ich mich zu jeder Tages- und Nachtzeit festhalten kann. Wofür sind Sie dankbar?

Sr. Josefine Schwitalla OSB


 
Freut euch im Herrn und eure Güte werde allen Menschen bekannt!
 
Heute feiern wir im Benediktinerorden das Hochfest des Heimgangs unseres heiligen Vaters Benediktus und da hören wir eigens ausgewählte Lesungen. Die zweite Lesung ist aus dem Philipperbrief (4,4-6) und da heißt es: Freut euch im Herrn zu jeder Zeit! Noch einmal sage ich euch: Freut euch! Eure Güte werde allen Menschen bekannt.
Dieser Aufruf zur Freude in unserer momentanen Situation wirkt fast etwas fehl am Platze. Aber ist er das wirklich? Wir haben ja die feste Zusage Jesu, dass er bei uns ist bis ans Ende der Zeit. Er ist auch jetzt mitten unter uns – wenn wir Angst haben, wenn wir uns große Sorgen machen. Er ist mitten unter den Kranken in den Krankenhäusern und bei den Schwestern und Ärzten, die dort tapfer ihren Dienst tun. Er ist mitten unter uns, wenn wir kreativ nach Lösungen suchen, unseren Lieben nahe zu sein. Er ist mitten unter denen, die sich jetzt weiter kümmern um die vielen, die Hilfe brauchen. Ja, Jesus ist da, er kneift auch jetzt nicht!
Und das ist doch genau, das was wir jetzt brauchen und schenken können: Unsere Güte, die allen Menschen bekannt wird und ihnen Hoffnung schenkt …
 Sr. Ursula Wahle OSB


Freitag, 20. März 2020
 
 
Gott und den Nächsten wie sich selbst zu lieben, ist weit mehr als alle Opfer.
(Vgl. Markus 12,33)

In ähnlichen Worten steht das heute im Tagesevangelium. Das lässt mich aufhorchen und hellhörig werden. Denn leider kann ich in dieser akuten Notzeit kein eucharistisches Opfer mitfeiern, aber Gott, den Nächsten und mich selbst lieben, kann ich jederzeit, heute den ganzen Tag lang! Bei diesen Gedanken spüre ich, wie sich eine tiefe Ruhe und Zuversicht in mir ausbreitet. Mir kommt die Idee, aufmerksam auf Momente des Tages zu achten, in denen das besonders spürbar ist, z.B. bei Begegnungen, in denen wir uns gegenseitig bestärken und ermutigen, oder wenn ich einer Mitschwestern einen Gefallen erweisen darf. Es ist wahr: Wir sind geliebt von Gott und dürfen diese Liebe selbst dankbar in uns aufnehmen. Am heutigen Abend werde ich mich dann erinnern an diese Momente, in denen ich liebevolle Nähe trotz und in der Ferne des Sicherheitsabstandes von 1,50 m erleben oder auch schenken durfte.

Heiliger, gütiger Gott,
ich danke Dir für Deine Liebe zu mir und allen.
Ich danke Dir, dass ich Dich, mich selbst und andere lieben kann.
Liebe schenken macht glücklich und frei.
Bitte lass das für viele Menschen und für mich
heute spürbar werden, damit sie daraus neue Kräfte schöpfen können.
Amen.

Sr. Bernadette Tonne OSB

Benediktinerinnen vom Heiligsten Sakrament Osnabrück
Gottesdienste

Werktags
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Eucharistiefeier: 7 Uhr
Mittagshore: 11:30 Uhr
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Vigilien: 19:30 Uhr
Klosterpforte Öffnungszeiten

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Sonn- und Feiertage
von 09:00 Uhr bis 13 Uhr
Hasetorwall 22, 49076 Osnabrück, Telefon: +49 541 63819, kloster[at]osb-os.de
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Gottesdienste

Samstags
Komplet und
Vigilien: 19 Uhr

Sonntags
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Eucharistiefeier: 07:30 Uhr
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