Geistliches Tagebuch - Benediktinerinnen Osnabrück

Logo Benediktinerinnen Osnabrück
Logo Benediktinerinnen Osnabrück
Logo Benediktinerinnen Osnabrück
Logo Benediktinerinnen Osnabrück
Benediktinerinnen Osnabrück Logo
Benediktinerinnen Osnabrück
Direkt zum Seiteninhalt

Geistliches Tagebuch

Angebote > Impulse
transparentes Bild

Unser geistliches Tagebuch während der Corona-Krise

Als Benediktinerinnen vom Heiligsten Sakrament gehört die tägliche Feier der Heiligen Messe und die Teilnahme an der Kommunion unverzichtbar zu unserem Leben. Nun ist aber durch die Situation der Corona-Pandemie auch uns, wie allen Christen, genau diese Möglichkeit genommen. Und wir solidarisieren uns ganz bewusst mit allen anderen Christen und Christinnen und teilen diesen schweren Verzicht mit allen. Die Anbetung des gegenwärtigen Herrn in der Eucharistie bleibt uns als kostbare Möglichkeit erhalten, wie auch Ihnen allen in den geöffneten Kirchen. In diesem geistlichen Tagebuch möchten wir das mit Ihnen teilen, woraus wir täglich die Kraft und Freude schöpfen für unser Leben in dieser ganz besonderen Zeit.

 
10. April 2020, Karfreitag    

Opfer

Der Begriff „Opfer“ ist nicht gerade ein Modewort. Aber wie sollen wir vom Kreuz Christi sprechen und es sinnvoll und tief deuten ohne diesen religionsgeschichtlich so unverzichtbaren Begriff? In unserer Spiritualität der Benediktinerinnen vom Heiligsten Sakrament spielt der Gedanke des Opfers sogar eine ganz zentrale Rolle. Es ist nicht nur ein „Gedanke“, sondern gelebte Erfahrung.
Ich möchte es mit meinen eigenen Worten sagen. Jesus geht seinen Weg bis ans Kreuz und er steigt auch nicht vom Kreuz herab als die Spötter ihm das zurufen, damit er beweisen kann, dass er Gottes Sohn ist. Jesus stirbt. Aber – und das ist das alles Entscheidende – Jesus bleibt nicht im Tod, sondern wird im Tod verherrlicht, wie es Johannes sagt. Es geschieht eine unvorstellbare Wandlung: Aus dem Tod, aus der Lebenshingabe Jesu wird grenzenloses Leben, Leben in seiner ganzen Fülle und Herrlichkeit – nicht nur für Jesus selbst, sondern für uns alle.
Das ist das charakteristische am christlichen Opferbegriff: Opfer bedeutet Leben! Die „Materie“ des Opfers wird im verzehrenden Feuer der Liebe Gottes „verbrannt“ und so verwandelt in etwas, das keinen Tod mehr kennt, das keine Begrenzung, keine Minderung der Qualität des Seins mehr kennt. Dieser Umwandlungsprozess ist schmerzlich, mitunter sehr schmerzlich. Haben Sie eine solche Erfahrung im Leben schon gemacht?
Wir können sogar eine äußerst schmerzliche Todeserfahrung – also eine Erfahrung, in der ich selbst eine Art Tod erleide – Gott als Opfer anbieten. Was geschieht dann? Etwas unglaublich Tiefes und Erfüllendes: Mein Opfer bekommt einen tiefen Sinn und schenkt Leben – nicht nur mir ….

Sr. Ursula Wahle OSB  



Point Zero

Das Kreuz! Das Koordinatenkreuz: Von seiner Mitte gehen alle Linien aus, in ihr treffen sie zusammen. Dieser Mittelpunkt ist der Nullpunkt, das Nichts, ist Nobody, ist der Wandlungspunkt, an dem sich die Vorzeichen ändern.
 
Das Kreuz Jesu ist ein solcher Wandlungspunkt und der Mittelpunkt der Welt. Jesu Tod ist das Ende und der Beginn, ist heiß und kalt, gebündelte Energie, dichter als im Urknallmoment und zugleich ein Vakuum, ist der unsichtbare Anfang von Ostern, weil es die Voraussetzung für das Werden neuen Lebens ist. Alle Dinge gehen aus ihrem Gegensatz hervor, sagte Sokrates laut Plato. Ohne Kreuz und Tod, kein Ostern und Leben. Ohne Abschied, keine Begrüßung, ohne Nacht, kein Tag! Und wie viele Abschiede und Nächte gibt es in jedem Menschenleben! Manche Punkte des Daseins fühlen sich an wie ein Sterben. Und dann geht es überraschenderweise doch weiter und wir sind daran gereift.
 
All dies lässt sich auch vorausschauend berücksichtigen. Wenn es mir schlecht geht, kann ich mir sagen, dass auch wieder bessere Zeiten kommen werden.
 
Und: Gott geht alle Wege mit, selbst den durch den Tod hindurch auf Ostern hin! Wir sind nie allein.
 
Gott Du mein Gegenwärtiger,
ich danke Dir, dass auch Kreuzerfahrungen nicht vergeblich sind.
Ich danke Dir, dass Du mich weiterführst,
hindurch bis nach Ostern
und dass ich dabei innerlich wachse.

Sr. Bernadette Tonne OSB         

 
Gründonnerstag, 9. April 2020    

Jerusalem, Jerusalem, bekehre dich zum HERRN, zu deinem Gott!

Diese Tage, die wir jetzt feiern, sind so dicht, dass es mir schwerfällt, nur einen Gedanken herauszugreifen. Diese Tage sind für mich auch jedes Jahr emotional sehr intensiv und in diesem Jahr vielleicht noch stärker durch die Erfahrung, die wir jetzt gerade alle gemeinsam mit der Corona-Krise machen. Am Gründonnerstag in der Gebetszeit am Morgen, der Karmette, darf ich die Lesung aus den Klageliedern des Propheten Jeremia (Klg 1,1-8) singen. Darin kommen Aussagen vor, die wie für uns geschrieben sind.
Wie liegt so öde die Stadt, einst so reich an Bewohnern! … Die ganze Nacht verbringt sie mit Weinen, über ihre Wangen rinnen die Tränen. … Es trauern die Wege nach Zion, denn niemand pilgert zum Fest. Verödet sind all ihre Tore, ihre Priester stöhnen … sie selbst trägt Weh und Bitternis.
Ja, in diesem Jahr pilgert niemand zum Fest, unsere Kirchen bleiben verwaist. Und wenn wir unsere Trauer auch nicht so nach außen zeigen, weint doch manches Herz und manch ein Priester leidet in seinem Inneren, weil er die Gottesdienste dieser heiligen Tage nicht feiern kann.
Wenn wir diese Verbindung zu den Worten der Schrift entdecken, dann gibt uns das zugleich auch einen Horizont, in dem wir unsere derzeitigen Erfahrungen deuten können. Die Klagelieder sprechen von der Zerstörung Jerusalems im Jahr 586 v. Chr als Juda ins Exil musste. Auch wir erleben jetzt, dass vieles in „Trümmer“ gelegt wird und wir fassungslos davorstehen.
Mir fiel in der Lesung, die wir heute Abend aus dem Buch Exodus hören ein Satz auf, der mir noch nie aufgefallen ist. Warum habe ich ihn bisher immer überhört? Da heißt es mitten in der Schilderung des Paschamahls und des Vorübergangs des Herrn, der die Erstgeburt Ägyptens erschlagen wird: Über alle Götter Ägyptens halte ich Gericht, ich, der HERR. Ist das nicht eigentlich der wichtigste Satz, das worum es Gott geht? Er will sein Volk herausführen aus den fremden Göttern und zu seinem Volk machen.
So dramatisch die Situation – und damit meine ich jetzt vor allem den wirtschaftlichen Zusammenbruch – für unzählige Menschen ist, hält Gott damit nicht auch Gericht über unsere falschen „Götter“?
Gott ruft uns in dieser Situation durch den Propheten Jeremia zu: Jerusalem, Jerusalem, bekehre dich zum Herrn, zu deinem Gott!    

Sr. Ursula Wahle OSB         

 
8. April 2020, Mittwoch der Karwoche      

Pascha heißt Hindurchgang
 
Das Pascha beginnt mit dem gemeinsamen Mahl. Jesus hat mit seinen Jüngern am Abend vor seinem Leiden und Sterben ein Mahl gehalten – sei es nun ein Paschamahl oder ein anderes Mahl gewesen. Jesus hat überhaupt oft Mahl gehalten mit Menschen, auch mit Sündern – und das wurde ihm zum Vorwurf gemacht. So ein Mahl ist ein tiefer Ausdruck von Gemeinschaft, in bestimmten Situationen eben auch von Gemeinschaft mit Gott. Bundesschlüsse wurden mit einem gemeinsamen Mahl begangen. Und das hat Jesus auch gewusst und auch so gemeint.
  
In diesem Jahr, im Corona-Jahr, wird uns genau das nicht möglich sein. Es wird kein Mahl geben am Gründonnerstag. Bei uns in der Gemeinschaft werden wir an dem Abend einen Wortgottesdienst mit Kommunion feiern und dabei bekommt jede Schwester ein kleines Stück von den wenigen konsekrierten Hostien, die wir noch im Tabernakel aufbewahren. Wein wird es nicht geben – noch nicht einmal an Gründonnerstag. Und die meisten Christen, eigentlich fast alle, werden gar kein Mahl feiern können. Fällt der Gründonnerstag deshalb aus?
 
Nein, er fällt nicht aus! Wenn wir an dem Abend – und sei es auch nur am Bildschirm – das Evangelium von der Fußwaschung hören, dann sind wir dabei! Wir sind genau in diesem Moment dabei, wenn Jesus das Mahl mit den Jüngern feiert, wie es uns die anderen drei Evangelien berichten, und wir sind auch bei der Fußwaschung dabei. Jesus will uns auch in diesem Jahr Anteil geben an seinem Leib und an seinem Blut und er wäscht uns die Füße. Daran kann ihn auch keine Corona-Krise hindern. Was Gott will, das vollbringt er auch.
  
Wieder haben wir es im Kloster gut. Wir können in der Nacht in unserer Kapelle vor dem Tabernakel beten, mit Jesus wachen bis zum Morgengrauen. Und auch Sie können betend bei ihm sein, wenn auch die Umstände für die meisten nicht so einfach sein werden.
 
Und wie viele wachen in dieser Nacht bei den Kranken? In den Krankenhäusern, in den Altenheimen, aber auch zuhause. Wie viele Schwerst – und Sterbenskranke ringen in dieser Nacht nach Luft und nach Leben? Wie viele können in dieser Nacht nicht schlafen, weil sie sich größte Sorgen um ihren Arbeitsplatz machen? Wie viele Kinder haben in dieser Nacht Angst vor ihren Vätern? Und wie viele Väter haben Angst davor, ihre Familien bald nicht mehr durchbringen zu können?
 
Pascha – Hindurchgang. Wir gehen durch diese schreckliche Corona-Krise. Lassen Sie es uns gemeinsam tun! Das ist in diesem Jahr unser gemeinsames „Mahl“ und Jesus ist dabei und schließt seinen Bund mit uns.         

Sr. Ursula Wahle OSB         


  
Jesaja 50,4-9a
 
Vertrauen in Bedrängnis

Man kann es nicht mit den leiblichen Augen sehen und doch existiert es in vielen Menschen: das VERTRAUEN in Gott, den Großen, den Barmherzigen und Gerechten, auch heute in unserer Zeit, in dieser Corona-Krise.
 
Der Prophet Jesaja schildert die Haltung eines Menschen, der unter ungerechter Gewalt leidet, aber nicht verzagt, so wie Jesus z.B., so wie viele Menschen heute, die sich heute einer schwierigen Bedrängnis stellen, ohne aufzugeben. Der Geschmähte bei Jesaja ist ein auf Gott allein Hoffender und Vertrauender. Er spricht es auch laut aus: „Gott der Herr wird mir helfen.“ (…) „ER, der mich freispricht ist nahe.“ Eine solche Überzeugung ist eine wirkende Kraft und kann deshalb nicht enttäuscht werden, selbst dann nicht, wenn alles anders kommt, als der Beter es sich vorgestellt hat. Denn Gott hat den größeren Überblick. Hoffnung eröffnet neue Wege und Dimensionen, wo zuvor nur das Ende da zu sein schien.
Die Alltagshelden der Corona-Krise, sie hoffen, ahnen, ersehnen, dass wieder bessere Zeiten kommen. Sie machen einfach weiter und tun, was sie können, je an ihrem Platz. Um das Beste aus einer Situation zu machen, kann jeder und jede etwas beitragen, und wenn es „nur“ ein fürbittendes Gebet ist, oder ein Herz, dass die Hoffnung und das Vertrauen hütet, trotz aller scheinbaren Hoffnungslosigkeit oder ein aufmunterndes Wort für den leidenden Mitmenschen.
  
Gott, Du Gegenwärtiger in aller Not,
 nimm Dich der Menschen an, die jetzt krank sind,
die finanziell in Not geraten,
weil sie Ihr Geschäft verlieren,
oder keine Arbeit mehr haben,
die zu viel Arbeit haben, wie die Ärzte und Pflegekräfte,
und viele andere.
Lass Hoffnung und Vertrauen
in den Menschen wachsen,
besonders in den Verzweifelten und Ängstlichen.

Sr. Bernadette Tonne OSB

 
7. April 2020, Dienstag der Karwoche

Pascha heißt Aufbruch

Wir nähern uns jetzt der Feier der heiligen drei Tage, der Feier des Paschamysteriums. Pascha hat die beiden Momente: Das Lamm, das geschlachtet und im hastigen Mahl verzehrt wird, mit dessen Blut die Hausstürze bestrichen werden und das Pascha als Aufbruch, als Durchzug durch das Rote Meer. Aufbruch auch zur Wüstenwanderung, 40 Jahre lang durch die Wüste bis zum Einzug in das verheißene Land.
  
Ich möchte heute etwas zum Aufbruch und zum Auszug in die Wüste sagen. Wenn ein Volk aufbricht, wenn wir als Kirche aufbrechen, dann ist das kein gemütlicher Spaziergang, auch keine Urlaubsreise. Wir brechen auf und müssen viel zurücklassen. Wir können dabei nur wenig mitnehmen, von dem, was uns vertraut ist. Und da müssen wir sehr genau überlegen, was wir mitnehmen. Was ist wirklich wichtig? Was müssen wir nach dem Durchzug durch das Rote Meer und am Ende dieser Wüstenwanderung unbedingt noch bei uns haben? Was erhält uns unterwegs und am Ende dieser Wanderung am Leben?
Papst Franziskus hat gesagt: Das Wichtigste, das, was wir auf keinen Fall verlieren dürfen, ist die Liebe, das Mitgefühl, die Barmherzigkeit und das Vertrauen, dass Gott uns führen wird. Alles andere ist vergänglich, aber die Liebe bleibt und Gott bleibt. Er hat sein Volk geführt und er wird es auch jetzt führen.
  
Und wir brauchen Menschen, die mit Gott vertraut sind, die ihn fragen und die auf seine Antwort lauschen. Wir brauchen Menschen, die es verstehen, zu vermitteln, Menschen wie Mose. Aber machen wir nicht den Fehler, nach dem einen großen Mose zu suchen. Werden wir selbst zu Menschen, die mit Gott ringen, die mit ihm reden, wie mit einem Freund und die Fürbitte einlegen – ja, die Fürbitte einlegen für ihr Volk.

Sr. Ursula Wahle OSB



Jesaja 49,1-6
Johannes 13,21 - 33,36-38

 Erbarmungswürdig
oder Macht die Sinnfrage Sinn?

Meine persönliche Lebensbilanz offenbart, dass ich pleite bin, finde ich. Umsonst und vergeblich habe ich mich abgemüht – for nothing! (So ging es wohl schon dem Propheten Jesaja)
 
Verraten und verleugnet habe ich Gott, vermutlich auch andere und vor allem mich selbst. Dabei hatte ich es so gut gemeint und mir vieles anders vorgestellt, als es gekommen ist. Solche Gedanken können sich evtl. einstellen bei älteren, manchmal auch bei jüngeren Menschen. Wer ist davor schon gefeit?
 
Doch ist es richtig und realistisch so zu denken, gar zu urteilen? Denn mit gleichem Recht ließe sich auch behaupten: Vieles macht Sinn, ist gar des Sinnes voll: Jeder neue Lebenstag, weil Gott ihn mit mir lebt. Gott gibt mich nicht auf. Er findet mich erbarmungswürdig, wie Petrus. Und der Beweis dafür ist, dass ich noch lebe. Gott sandte noch keinen Blitz vom Himmel, um mich auszutilgen. Nein, Gott mag mich, glaubt an mich und sendet mir täglich neue Chancen. Also ist die Sinnfrage eher positiv zu beantworten. Auch Jesaja kam dahinter, denn er schrieb weiter: Aber mein Recht liegt beim Herrn und mein Lohn bei meinem Gott (Jesaja 49,4)
 
So wurde ich in den Augen Gottes geehrt, und mein Gott war meine Stärke. (Jesaja 49,5c)
 
 
Gott, du mein Erbarmer,
Du glaubst an mich.
 Hilf mir, dass ich auch an mich selbst glauben kann,
 weil Du in meinem Herzen wohnst.
Du meine Stärke,
ermutige alle, die an sich zweifeln.
Jeder kann zum Licht für andere werden!
 Leben ist sinnvoll!

Sr. Bernadette Tonne OSB


6. April 2020, Montag der Karwoche
  
Es ist, was es ist
 
Da nahm Maria ein Pfund echtes, kostbares Nardenöl, salbte Jesus die Füße und trocknete sie mit ihrem Haar.
Das Haus wurde vom Duft des Öls erfüllt.
 
Es ist Unsinn
sagt die Vernunft
Es ist was es ist
sagt die Liebe
 
Es ist Unglück
sagt die Berechnung
Es ist nichts als Schmerz
sagt die Angst
Es ist aussichtslos
sagt die Einsicht
Es ist was es ist
sagt die Liebe
 
Es ist lächerlich
sagt der Stolz
Es ist leichtsinnig
sagt die Vorsicht
Es ist unmöglich
sagt die Erfahrung
Es ist was es ist
sagt die Liebe
 
Erich Fried

Sr. Ursula Wahle OSB



Behutsamkeit

„Er schreit nicht und lärmt nicht und lässt seine Stimme nicht auf der Straße erschallen.
Das geknickte Rohr zerbricht er nicht, und den glimmenden Docht löscht er nicht aus.“
(Jesaja 42,2-3)
 
Wie sähe die Welt wohl aus, wenn alle Menschen so handeln würden, wie hier beschrieben? Wie ginge es den Menschen in meiner unmittelbaren Umgebung, wenn ich oft so handeln würde? Diese Fragen können zum Nachdenken anregen, können mich neue Perspektiven finden lassen und mein Handeln verändern.
 
Zunächst beginne ich, die Menschen, mit denen ich lebe, genauer in den Blick meines Herzens zu nehmen. Gibt es dort jemanden, dem Ermutigung und behutsame, liebevolle Berührung guttäte oder gar not - wendig wäre. Papst Franziskus sprach öfter schon von Zärtlichkeit im Umgang miteinander. Solche Überlegungen können Kreativität in mir wecken. Was könnte ich sagen oder tun, um einen glimmenden Docht womöglich neu zu entfachen, um ein fast gebrochenes Herz zu stärken? Haben Sie Lust bekommen, das für sich weiterzudenken? Sie werden es nicht bereuen. Denn das kann auch Ihnen selbst Freude und Lebensqualität schenken. Lassen wir uns von Jesu Behutsamkeit anstecken.

Heute ist der Todestag der Gründerin der Benediktinerinnen vom Heiligsten Sakrament. Mutter Mechtilde (Cathérine de Bar, 1614-1698) war eine Frau, die als geistliche Begleiterin andere Menschen behutsam ermutigt hat, ihren Weg zu gehen.

Sr. Bernadette Tonne OSB



5. April 2020, Palmsonntag
 

Jesus geht seinen Weg und wir gehen mit

Zunächst etwas ganz Persönliches: Ich liebe den Palmsonntag. Er ist nicht nur das Tor in die Heilige Woche, sondern für mich auch das Tor ins Leben, weil ich auf einem Palmsonntag geboren bin. Mein Leben ist also von Anfang verwoben mit Leiden, Tod und Auferstehung Jesu.
2008 durfte ich den Palmsonntag auf dem Petersplatz mitfeiern. Im Rahmen eines dreimonatigen Ausbildungskurses waren wir dort mit einer internationalen Gruppe von Mönchen und Nonnen aus der ganzen Welt, mitten unter den unzähligen Gläubigen, die sich dort auf dem Platz zwischen den Kolonaden eingefunden hatten. Welch ein Unterschied zum Palmsonntag 2020! In diesem Jahr bleibt der Petersplatz leer und wir feiern den Palmsonntag in unserem kleinen Kloster an der Hase, ohne Priester – aber mit Jesus! Denn Jesus zieht ein und wir begleiten ihn. Wir gehen mit ihm in die Heilige Woche, in das große Pascha, den Hindurchgang durch Leiden und Tod hin zur Auferstehung. Und in diesem Jahr hat dieser Durchgang einen sehr realen „Sitz im Leben“. Ja, wir gehen mit all den leidenden Menschen, mit denen, die voller Angst sind, mit den einsamen, mit denen, die vor Erschöpfung weinen könnten durch diese Woche. Und das ist unsere Berufung als Benediktinerinnen: Stellvertretend für alle, die es nicht können, diese Heilige Woche zu feiern.
 
Im Kloster können wir noch Liturgie feiern. Wir alle haben Anteil am allgemeinen Priestertum und wir haben das Glück, in Gemeinschaft zu leben. Liturgie ist die Feierform des Glaubens. Und diese Feierform ist so wichtig, weil wir daraus Kraft schöpfen für das tagtägliche Durchbustabieren unseres Glaubens in den Mühseligkeiten des Alltags – gerade jetzt.
Wenn wir heute durch das Tor in die Heilige Woche eintreten, dann dürfen wir uns im Herzen klar machen: Nicht wir müssen Ostern „machen“, sondern Gott selbst hat längst Ostern „geschaffen“. Wir treten nur hinzu, so wie wir heute Jesus auf seinem Weg nach Jerusalem begleiten. Natürlich wäre es viel schöner, wir könnten alle gemeinsam in unseren Kirchen feiern. Aber auch wenn Ihr zuhause vor dem Bildschirm sitzt oder still für Euch die Texte der Liturgie lest, tretet Ihr hinzu zu dem, was Gott uns bereitet hat und auch in diesem Jahr mitten unter uns gegenwärtig setzt. Jesus geht seinen Weg und wir gehen mit.

Sr. Ursula Wahle OSB



4. April 2020, Samstag der 5. Fastenwoche  
 
Ihr werdet mein Volk sein, und ich werde euer Gott sein

Die heutige Lesung aus dem Prophetenbuch Ezechiel (https://www.erzabtei-beuron.de/schott/schott_anz/index.html?datum=2020-04-04) lässt mich ganz spontan an die Situation der ChristInnen in der Welt von heute denken. Ich sage bewusst „der ChristInnen“ und nicht „der Kirche“ weil ich an alle denke, die sich zu Christus bekennen – was ja eigentlich das Wort Kyriake meint, auf das unser Wort Kirche zurückgeht. Das sind die, die zum Herrn gehören.
 
Ich mache sie zu einem einzigen Volk. Sie sollen alle einen einzigen König haben. Sie werden nicht länger zwei (viele) Völker sein und sich nie mehr in zwei (viele) Reiche teilen. Was für eine Vision! Was würde das für unsere Welt heute bedeuten, die derartig ratlos und verwirrt ist, die sich derartig dem Götzen Geld verschrieben hat. Sogar in dieser allgemeinen Notsituation gibt es noch Menschen, die sich an der Not anderer bereichern. Kaum zu glauben, aber wahr. Stattdessen würden wir uns unter dem einen König, Christus sammeln …
 
Und dann geht es so erstaunlich weiter in der Lesung: Ich befreie sie von aller Sünde, die sie in ihrer Untreue begangen haben, und ich mache sie rein. Dann werden sie mein Volk sein, und ich werde ihr Gott sein. Das ist ja das „Unglaubliche“, dass Gott selbst uns befreit aus all unserer Verstricktheit, dass er selbst uns rein macht von all unserer Unreinheit. Und den zweiten Satz, der so oft im Alten Testament steht, den könnte man aus dem Hebräischen auch so übersetzen: Dann wollen sie mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein. Und genau das feiern wir in der kommenden Woche, und genau das geschieht in der kommenden Woche: Gott befreit uns und macht uns rein. Und das ist dann unsere große Freude, dass er immer noch unser Gott sein will! Und ich kann für mich sagen: Ja, ich will wirklich zu deinem Volk gehören, zu deiner großen, umfassenden Kyriake!

Sr. Ursula Wahle OSB




Vergebung – Aussöhnung – Freiheit

„Sie werden sich nicht mehr unrein machen durch ihre Götzen und Gräuel und durch all ihre Untaten. Ich befreie sie von aller Sünde, die sie in ihrer Untreue begangen haben, und ich mache sie rein. Dann werden sie mein Volk sein, und ich werde ihr Gott sein.“
 (Ezechiel 37,23)
  
Ja, unsere Untaten, unsere Verstrickungen in Verkehrtheiten, weil wir Angst haben, unsere falschen Idole usw., usw.! Was nun? Die Lesung sagt es uns: Gott befreit und vergibt uns. Was für ein Geschenk?! Natürlich, darauf kommt es an! Das ist das Wichtigste. Aber es braucht noch Manches mehr, damit wir uns wirklich erlöst und frei fühlen können. Richtig! Wir sollten uns auch selbst vergeben, sowie unseren Mitmenschen, den Lebensumständen und – ja, auch Gott sollten wir vergeben, falls wir einen Groll auf ihn spüren, weil er all das zugelassen hat! Sich und anderen vergeben ist nicht so leicht. Deshalb möchte ich Ihnen, wenn es Sie interessiert und Sie sich davon angesprochen fühlen, dazu zwei Bücher empfehlen: „Die heilende Kraft der Vergebung“ von Konrad Stauss (Die sieben Phasen spirituell-therapeutischer Vergebungs- und Versöhnungsarbeit), Kösel Verlag, 2010, München, 5. Auflage, ISBN 978-3-466-36892-1, sowie „Selbstvergebung durch Schuldkompetenz“ ebenfalls von Konrad Stauss, Verlag tredition GmbH, 2015, Hamburg, ISBN 978-3-7323-4890-9 (Paperback).
Wir selbst können viel dafür tun, damit Selbstvergebung und Vergebung anderen gegenüber gelingen. Wem das schon geglückt ist, weiß, wie leicht, frei und erlöst man sich fühlt, frei für das Leben.
 
Gott, du mein Gott,
ich danke Dir für Deine Vergebung.
Bitte hilf mir, dass auch ich mir selbst
und anderen vergeben lerne,
um des Lebens und der Freude willen.

Sr. Bernadette Tonne OSB



3. April 2020, Freitag der 5. Fastenwoche  
 
Das WORT Gottes ereignet sich

Was bedeutet das denn eigentlich, wenn wir vom WORT Gottes sprechen? Was bedeutet es, wenn wir das WORT Gottes hören? Um das besser zu verstehen, können wir auf das semitische Denken zurückgreifen, dass sich ja in der Sprache der Bibel niedergeschlagen hat. Wenn es am Anfang der Genesis in der ersten Schöpfungserzählung heißt, dass Gott sprach und es wurde, dann sind wir schon ganz nah dran. Das WORT Gottes ist nicht einfach eine sinnvolle Aneinanderreihung von Buchstaben, es ist nicht nur der Klang einer Stimme, sondern im biblischen Verständnis ist ein WORT ein Ereignis, ein WORT geschieht. Wenn Gott spricht, dann wird oder ist schon Wirklichkeit, was er sagt. Gott macht keine leeren Worte!
 
Und das ist auch so, wenn im Gottesdienst das WORT Gottes verkündet wird. Die Lektorin liest das WORT Gottes nicht einfach vor, sondern sie leiht ihm ihre Stimme und es vollbringt in dem Moment, was es besagt. Wenn wir heute das Evangelium hören, dann sind wir Zeugen des Gesprächs, das sich zwischen Jesus und seinen Gegner ereignet. Die Worte Jesu richten sich auch an uns, nicht weil wir seine Gegner sind, sondern weil wir Zeugen dieser Worte sind. Wie tief betroffen kann es mich machen, wenn ich höre: Viele gute Werke habe ich im Auftrag meines Vaters vor euren Augen getan. Für welches dieser Werke wollt ihr mich steinigen? Ich sehe Jesus vor mir, wie er den Kranken die Hände auflegt, wie er sich auch nicht scheut sogenannten Besessenen nahezukommen. Was fühle ich dann, wie stehe ich zu Jesus? Und dann der Vers: Wenn er jene Götter genannt hat, an die das Wort Gottes ergangen ist … Das Wort Gottes ergeht ja gerade in diesem Moment an mich. Das WORT Gottes ereignet sich auch an mir.


Sr. Ursula Wahle OSB



Lebe jetzt

„Amen, amen, ich sage euch: Wer glaubt, hat das ewige Leben.“ (Johannes 6,47)
 
Ich sehe hierin Worte Jesu an uns heute in diesen konkreten Corona-Krisenzeiten. Was meint Jesus damit? Welches ist der genaue Gegenstand solchen Glaubens? Meiner persönlichen Erfahrung nach ist mit Glauben ein tiefes Überzeugtsein gemeint, ein Leben im Bewusstsein des „Wissens“, dass uns im Grunde genommen nichts Schlimmes widerfahren kann, weil wir einen großen Gott haben (Vgl. auch die heutige Lesung: „Doch der Herr steht mir bei wie ein gewaltiger Held.“ Jeremia 20,11a), der uns liebt, der uns ins Dasein rief, auf dass wir wachsen und im Vertrauen auf IHN reifen, um immer mehr zu erkennen, dass wir in Gott geborgen sind.
 
Im Übrigen beginnt ja das ewige Leben nicht erst nach dem Tod, sondern ereignet sich schon heute als zeitloses Wahr-nehmen des Augenblicks („Wer glaubt, h a t das ewige Leben!“). Es liegt an mir selber was ich (er-) lebe, ob ich Lebendigkeit fühlen kann. Wenn ich J E T Z T wach, bewusst und aufmerksam lebe (= anwesend bin) kann ich jeden Moment (aus-) kosten und genießen, denn immer kann ich etwas finden, worüber ich mich freuen kann, auch in der Krankheit oder anderer Not, sofern mir nichts Schönes zu klein und gering ist.
 
 
Ich danke Dir Gott,
 dass Du immer jetzt gegenwärtig bist
für mich und für alle!

Sr. Bernadette Tonne OSB



2. April 2020, Donnerstag der 5. Fastenwoche
 

Der Tisch des Wortes

Im heutigen Evangelium sagt Jesus: Wenn einer an meinem Wort festhält, wird er den Tod nicht schauen. Was für eine Aussage! Jesus sagt uns, dass das Festhalten an seinem Wort Leben schenkt und den Tod vertreibt. Mit diesem Tod meint er natürlich nicht den leiblichen Tod.
 
Das Wort Jesu, das Wort Gottes, das Hören des Wortes und das Handeln nach dem Wort schenkt uns Leben. Und genau das spüre ich im Augenblick Tag für Tag. Wir feiern in unserer Gemeinschaft jeden Morgen einen Wortgottesdienst mit einer kleinen eucharistischen Feier, natürlich ohne Hochgebet und auch ohne Kommunion. Der Tisch des eucharistischen Brotes bleibt leer, aber der Tisch des Wortes ist so reich gedeckt – jeden Tag neu. Und daraus kann ich wirklich leben, es erfüllt mich und es ist für mich eine wirkliche Begegnung. Dabei spüre ich die Gegenwart Gottes so intensiv, dass dem kaum etwas hinzuzufügen ist. Ja, mir ist auch die eucharistische Anbetung, dieses Verweilen in der Gegenwart des Herrn unter der Gestalt des Sakramentes kostbar und lieb und ich möchte nicht darauf verzichten. Aber auf das tägliche Wort könnte ich noch viel weniger verzichten.
 
Und es freut mich sehr, dass Bischof Bode in seinen täglichen Predigten immer vom Wort Gottes ausgeht und es in unsere Situation überträgt. Ja, auch damit deckt er uns den Tisch des Wortes – Danke!


Sr. Ursula Wahle OSB


1. April 2020, Mittwoch der 5. Fastenwoche
 

Lesung: Daniel 3,14-21.49.91-92.95
Evangelium: Johannes 8,31-42
 
Befreites Dasein in Christus
 
„Wenn ihr in meinem Wort bleibt, seid Ihr wirklich meine Jünger. Dann werdet ihr die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch befreien.“ (Johannes 8,31b-32)
 
Die drei jungen Männer aus der Lesung waren Befreite! Denn sie hatten Gottes Wort = die Wahrheit in sich aufgenommen. Geradezu köstlich treffend finde ich die Antwort der Drei an den König: „Wir haben es nicht nötig, dir darauf zu antworten: Wenn überhaupt jemand, so kann nur unser Gott, den wir verehren, uns erretten; auch aus dem glühenden Feuerofen und aus deiner Hand, König, kann er uns retten.“ (Daniel 3,16b-17) Der Mut der vom König Bedrohten, kommt aus einer tiefen Ergriffenheit im Glauben an den Herrn und aus Begeisterung für diesen wunder-baren Gott, dem sie alles zutrauen, weil sie ihm vertrauen. Und genau das rettet sie!
 
Gott ist ja selbst wie ein glühender Ofen in seiner Liebe und Barmherzigkeit, in seiner Leidenschaft für uns Menschen. Diesem Feuer dürfen wir uns nähern. Haben Sie Mut. Versuchen Sie es!
 
Die französische Gründerin der Benediktinerinnen vom Heiligsten Sakrament, Mechtilde de Bar (1614-1698) schrieb einmal: „Man muss sich dem feurigen Glutofen der Barmherzigkeit Jesu Christi nähern.“
  
Entzünde mich Du leidenschaftlich Liebender,
lass mich lodern und die Flamme weiterreichen an andere,
die noch in Ängsten sind.
Mit Dir vermag ich alles zu bestehen.
Ich danke Dir, dass ich solch unbegrenztes Vertrauen in Dich setzen darf!

Sr. Bernadette Tonne OSB


31. März 2020, Dienstag der 5. Fastenwoche
 
Aufblick zum Himmel

In der heutigen Lesung ist davon die Rede, dass das Volk Israel auf dem Wüstenweg begann, der Strapazen überdrüssig zu werden. Man könnte auch sagen: Es verlor die Geduld. Die Leute lehnten sich gegen Gott und Mose auf.
Uns in Europa geht es heute ja ähnlich. Wir wünschen uns ein normales Leben ohne Einschränkungen zurück.  
Das Verhalten des Volkes Israels in der Wüste ist verständlich, aber ist es auch richtig und hilfreich? Wohl eher nicht: Die Menschen schauten auf ihre Situation, auf den Wüstenboden, auf dem sie das Manna fanden, kurz, sie schauten nach unten und nicht nach oben zum Himmel, zu Gott und auf IHN. Gott selbst muss sie lehren, dass es besser ist, zum Himmel aufzublicken und auf Gott zu vertrauen, denn alle, die zur Kupferschlange an der Fahnenstange aufblickten, die uns an das Kreuz Christi erinnert, schauten zugleich in den Himmel und wurden gesund. Auch wir haben die Wahl, ob wir ängstlich auf uns selbst und unsere unsichere Lage schauen, oder ob wir voll Zutrauen und Hoffnung auf Gott im Himmel schauen!
 
Papst Benedikt XVI. sagte einmal: „Gott scheitert nicht, ER findet neue größere Wege seiner Liebe!“

Gott, Du Quelle aller Möglichkeiten,
 Bitte, zeige uns die Wege, die für uns heute gangbar sind,
stärke Mut, Hoffnung und Gottvertrauen
in den Herzen der Menschen.

Sr. Bernadette Tonne OSB



Gesegnet ist der Mann, der auf den HERRN vertraut und
 dessen Vertrauen der HERR ist!
Er wird sein wie ein Baum, der am Wasser gepflanzt ist und
am Bach seine Wurzeln ausstreckt und
sich nicht fürchtet, wenn die Hitze kommt.
Sein Laub ist grün, im Jahr der Dürre ist er unbekümmert,
und er hört nicht auf, Frucht zu tragen.
(Jer. 17,7.8. Elberfelder Bibel)

 
Dieses Bild des Baumes von dem Propheten Jeremia, dass mich unbewusst durch mein Leben begleitet hat, wurde mir in diesen Tagen, die von Ungewissheit und Verunsicherung geprägt sind, neu geschenkt.
 
Das Wort Baum weckte in mir die Erinnerung an eine Imaginationsübung von Prof. Dr. Luise Reddemann, ein Element aus der aus Buddhistische Psychologie.
 
Hier die Übung frei formuliert (nach der Baumübung aus der Buddhistischen Psychologie: Grundlagen und Praxis von Tilmann Borghardt, Wolfgang Erhardt):
 
Baumübung
 
Gehen Sie mit Ihrer Aufmerksamkeit nach innen. Nehmen Sie den Atem wahr. Lassen Sie vor Ihrem inneren Auge einen Baum erscheinen. Schauen Sie einfach, welcher Baum auftaucht, ohne es zu forcieren. Wenn es mehrere Bäume gibt, dann wählen Sie einen aus. Dann gehen Sie in der inneren Szene auf den Baum zu und begrüßen ihn. Sie können ihn umarmen oder die Rinde berühren. Versuchen Sie ihn zu spüren, und vergewissern Sie sich durch Rütteln, dass er stabil ist und Ihrem Gewicht standhalten kann. Drehen Sie sich in der Vorstellung um, so dass der Baum jetzt hinter Ihrem Rücken ist; setzen sich an den Baum. Spüren Sie den Halt, die Stütze im Rücken, die Stabilität, die er Ihnen gibt. Identifizieren Sie sich mit dem Baum; vielleicht gelingt es Ihnen sich vorzustellen, sich so zu fühlen, als ob Sie der Baum wären. Gehen Sie mit Ihrer Aufmerksamkeit zu den Wurzeln, dem Teil des Baumes, der meist nicht sichtbar ist.
 
Nehmen Sie innerlich aus dieser Nahrungsquelle all das, was Sie brauchen.
 
Dann richten Sie Ihre Aufmerksamkeit auf das, was Sie von den Wurzeln und von den Ästen und Zweigen her aufnehmen. Vielleicht spüren Sie, wie sich die beiden Energieströme vermischen, sich im ganzen Körper ausbreiten und Sie innerlich ausgleichen. Bleiben Sie so lange in diesem Kontakt, wie Sie es brauchen.
 
Dann lassen Sie die Übung langsam ausklingen und kommen wieder zu Ihren körperlichen Empfindungen, dem Atmen zurück.
 
Nach langen Jahren machte ich für mich diese Übung und eine unbeschreibliche Erfahrung … Stärke (innere und äußerer); ein Ort, wo ich tiefe Wurzeln schlagen kann; Verankerung finden; Kraft bekommen; Erdung und mein Entschluss stand fest: In diesen Monaten möchte ich wie ein Baum sein, der durch seine tiefe Verankerung Schutz und Halt in jeder Wetterlage für sich selbst hat und dadurch anderen dies auch bieten kann.
  
Ich bin ein Baum, der bereits als Säugling an Wassern gepflanzt wurde und SEIN WORT in sich aufsaugte. In einer wasserreichen Gegend (kath. Rheinland) mit genügend gutem Grundwasser, konnte ich mich entfalten. Zurückblickend auf 63 Lebensjahre haben das Vertrauen auf IHN, die Verankerung in IHM und die Liebe von IHM für mich eine existenzielle Bedeutung. Die Stärkung durch IHN geschah oft unbemerkt, so zu sagen im Verborgenen oder im Unbewussten. Aus diesem Urvertrauen kann ich heute ohne zu zögern meine Wurzeln zum Wasser des Lebens ausstrecken und die nötige Kraft für jeden Tag bekommen.

Sr. Raphael Mertens OSB



Bruder Tod

Die Israeliten murren gegen Gott und Gott schickt ihnen Giftschlangen und viele Israeliten sterben. Aber Gott gibt auch das Heilmittel: Wer zur Kupferschlange aufblickt, bleibt am Leben. (Num 21,4-9) So hören wir es in der heutigen Lesung – und wie sollte sie uns nicht an unsere aktuelle Situation erinnern? Wo ist die Kupferschlange, zu der wir aufblicken können, um am Leben zu bleiben?
 
Ich bin von Beruf Krankenschwester und habe im Laufe der Jahre viele Schwestern auf dem Weg zum Tod begleitet und war dann auch bei ihrem Sterben dabei. Ich könnte Seiten damit füllen, Ihnen und Euch von diesen Stunden zu erzählen, von den Schwestern und ihrem Sterben. Jede einzelne habe ich vor Augen. Für mich hat der Tod nichts Unheimliches mehr, weil ich ihm schon so oft begegnen durfte. Ich möchte Ihnen und Euch nur von Sr. Gertrudis erzählen.
 
Sie lag in ihrem Bett, schon ganz vom Sterben gezeichnet und blickte immer unverwandt und mit einem Ausdruck des tiefen Friedens auf die Kommode, die an ihrem Fußende stand. Da standen ein paar frische Blumen und die Muttergottesfigur, die ihr lieb war. Und ich habe sie gefragt: „Sr. Gertrudis, schaust du die Muttergottes an?“ Sie schüttelte schwach mit dem Kopf. „Die Blumen sind schön, ja?“ Sie schüttelte wieder schwach den Kopf. Zwischen den Blumen und der Muttergottes stand ein Kreuz, das ich kurz zuvor dahingestellt hatte, ein Kreuz mit einem ganz sanften Jesus. „Schaust du auf Jesus?“ Und da nickte sie und strahlte mit ihren großen Augen. Jesus war ihre Kupferschlange. Ja, Sr. Gertrudis ist kurz darauf gestorben oder können wir sagen: Sie ist zu Jesus gegangen?
 
Franziskus sagt es in seinem Sonnengesangs so: Herr, sei gelobt durch unsern Bruder Tod, dem kein Mensch je entrinnen kann. Der zweite Tod (vgl. Offb 20,14) tut uns kein Leide an.
 
Paulus sagt es so: Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel? (1 Kor 15,55)

Sr. Ursula Wahle OSB



30. März 2020, Montag der 5. Fastenwoche

Eine neue Chance

In den heutigen Messtexten ist zwei Mal von Ehebruch die Rede: Susanna ist unschuldig, soll aber verurteilt werden. Die Frau im Evangelium ist offenbar schuldig. Doch beide Frauen werden gerettet: die eine durch Daniel, die andere durch Jesus. Nein, sündigen sollen wir nicht, das sagt Jesus eindeutig. Aber wir sollen die Misere nicht schlimmer machen, als sie schon ist. Gott rettet die Unschuldige und rettet die Schuldige. So geht Barmherzigkeit.
 
Wir können daraus lernen, nie den ersten Stein zu werfen. Denn auch wir sind nicht frei von Schuld und angewiesen auf Gnade. Wenn wir Barmherzigkeit vor Recht ergehen lassen, machen wir nichts falsch, aber vieles richtig, denn möglicherweise erhalten andere dadurch eine neue (Lebens-) Chance.
 
Gott, du Mitleidender,
bitte hilf mir Barmherzigkeit zu üben,
im Großen, aber auch im Kleinen,
um des Lebens willen,
auf dass Menschen die Chance und die Motivation
zur Umkehr finden können.

Sr. Bernadette Tonne OSB



Geh und sündige von jetzt an nicht mehr

Das ist eine ganz neue Situation: In der Corona-Krise, die die ganze Welt erfasst, die Kleinen und die ganz Großen, die Armen und die Reichen, egal welche Hautfarbe, da gibt es auf einmal keine Sündenböcke mehr. Wen wollte man anklagen, wem die Schuld geben? Vielleicht müssen wir es so sagen: Unsere Sünden klagen uns an. Vielleicht auch so, wie es Papst Franziskus am Freitagabend gesagt hat: Wir hatten gedacht, dass wir auf unserer kranken Erde gesund bleiben würden.
  
Jetzt hocken wir da, in der Mitte, und unsere Sünden stehen um uns herum und zeigen mit dem Finger auf uns. Unser maßloser Konsum, unsere Gier nach immer mehr Wohlstand, unsere Gewissenlosigkeit, mit der wir unsere Mutter, unsere Erde ausbeuten und sie so krank machen, wie sie jetzt ist.
 
Und wir warten auf das harte Urteil von dem, der uns die Erde anvertraut hat. Aber er schweigt, er sieht uns an. Nur noch zwei sind in der Mitte übriggeblieben wie es der hl. Augustinus sagt: Die Erbärmliche und der Erbarmende. Und was sagt er: Auch ich verurteile dich nicht. Unbegreiflich. Der Erbarmende hat Mitleid mit uns. Und er gibt uns noch einmal eine Chance: Geh und sündige von jetzt an nicht mehr.
 
Wie soll ich das schaffen? Woher die Kraft nehmen, mein Leben so radikal zu ändern?
 
 
Herr, füll mich neu, füll mich neu mit deinem Geiste,
der mich belebt und zu dir, mein Gott hinziehet.
Hier bin ich vor dir.
Leer sind meine Hände.
Herr, füll mich ganz mit dir.

Sr. Ursula Wahle OSB


29. März 2020, 5. Fastensonntag

Mit dem sogenannten Passionssonntag kommen wir der Karwoche und damit auch dem Thema Tod näher. Und das Thema Tod ist uns jetzt sowieso ganz nah, sozusagen zum Greifen nah. In meinem Umfeld hat sich bisher noch niemand angesteckt, auch nicht in meiner Familie. Aber das kann sich auch ändern, trotz aller Vorsicht.
Und wir hören an diesem Sonntag das Evangelium von der Auferweckung des Lazarus. Johannes erzählt uns diese Geschichte, um uns die Wirkmächtigkeit (die Herrlichkeit) Gottes vor Augen zu stellen. Und in diese Geschichte sind ganz wesentliche theologische Aussagen eingeflochten und das wieder in einem Gespräch mit einer Frau, mit Martha von Betanien. Jesus sagt zu ihr: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt und jeder, der lebt und an mich glaubt, wird auf ewig nicht sterben. (Joh 11,25f.) Wie haben wir denn diese Worte Jesu zu verstehen? Jesus spricht hier von einem Leben, das nicht mit unserem irdischen oder gar unserem biologischen Leben identisch ist. Es gibt ein Leben, das weit darüber hinausgeht. Wir nennen es ewiges Leben. Damit ist aber nicht einfach ein unendlich langes Leben gemeint, sondern ein Leben, das in jeder Hinsicht keine Grenzen mehr hat. Es geht um ein Leben, in dem unsere Liebe erreicht, was sie ersehnt, in dem auch unsere Liebe wirkmächtig sein wird. Und dieses Leben kann schon heute beginnen.
Es gibt ein Buch, das mich vor einigen Jahren tief bewegt hat. Es sind die Abschiedsbriefe von Freya und Helmut James von Moltke, die die beiden miteinander ausgetauscht haben, als Helmut 1944 in Berlin Tegel auf seine Hinrichtung wartete (Helmut James und Freya von Moltke, Abschiedsbriefe Gefängnis Tegel. September 1944 – Januar 1945, München 32011). Diese Briefe sind ein tief christliches Zeugnis von Glaube, Hoffnung und Liebe. Freya schreibt ihrem geliebten Mann einmal: „Außer dem Leben können sie Dir ja nichts nehmen.“ Und das zentrale Schriftwort für die beiden ist: Leben wir, so leben wir dem Herrn, sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Ob wir leben oder ob wir sterben, wir gehören dem Herrn (Röm 14,8). Die beiden haben an das Leben geglaubt, das Jesus ist und das er ihnen geschenkt hat und das ihnen niemand nehmen kann. Wie Martha von Betanien beruhte bei ihnen dieser Glaube auf der Erfahrung, die sie mit Jesus gemacht haben und auf dem unerschütterlichen Vertrauen, das sie zu ihm hatten.

Sr. Ursula Wahle OSB



Die Hoffnung beginnt, wo alle Hoffnung endet

Lazarus lag schon vier Tage lang im Grab, als Jesus ankam (vgl. Johannes 11,17). Es gab keine Überlebenshoffnung mehr. Kein Zweifel: Lazarus war wirklich tot. Doch Jesus, sein Freund, ruft ihn kraft des Geistes und seiner Liebe zu ihm wortwörtlich ins Leben zurück.
 
Kennen Sie etwas Ähnliches aus ihrem Leben auch? Dass etwas tot Geglaubtes wiederbelebt wird, dass nach völliger Hoffnungslosigkeit, eine Art Wunder geschieht?
 
Mir begegnete das schon öfter: Ich hatte etwas für hoffnungslos verloren geglaubt, und dennoch wurde es mir in neuer Weise zurückgeschenkt, z.B. die Gesundheit nach jahrelanger Krankheit, mit der ich mich schon abgefunden hatte.
 
Aus solchen Begebenheiten können wir für die Zukunft lernen, z.B. auch jetzt in der Corona-Krise. Danach wird sicherlich Vieles ganz anders sein. Manches wird uns genommen sein. Aber wir dürfen darauf vertrauen und haben berechtigten Grund zur Hoffnung, dass Gott uns weiterhin führen wird und uns nahe bleibt!
  
Jesus, Meister, schenke den Menschen unserer Zeit
Hoffnung und Zuversicht,
dass Neues lebendig werden wird
und Gott der Vater uns weiterführt.
Amen.
 
 Sr. Bernadette Tonne OSB



Habitare secum

In den letzten Tagen hatte ich viel Kontakt mit Familie und Freunden und in allen Gesprächen gab es zwei Themen: Bist du/Seid ihr noch gesund (ja, sind wir!) und nach der Feststellung, dass es für mich „normal“ ist immer zuhause zu sein und Ausgangsbeschränkungen nichts Besonderes darstellen, kommt die Frage auf, wie ich das aushalten kann. Für einen Moment bin ich verlegen, ja, wie halte ich das aus?
Zunächst: Ein Kloster ist keine Wohnung. Meine Mitschwestern und ich sind uns sehr bewusst, dass wir im Vergleich sehr viel Wohnraum haben und nicht allein sein zu müssen. Wir können nur erahnen wie es vielen Menschen im Moment geht.
 
Im Formationsprozess zur Ordensfrau habe ich etwas kennengelernt, was die Frage vielleicht teilweise beantwortet. In der Vita des Hl. Benedikt schreibt Gregor der Große dem Ordensvater die Eigenschaft „habitare secum“ zu. „Habitare secum“ bedeutet: Bei sich bzw in sich selber wohnen unter den Augen Gottes. Es beschreibt eine geistliche Übung, die mir persönlich sehr wertvoll ist, weil sie mich zu einer größeren Vertrautheit mit mir selbst, inneren Weite und Gott führt.
 
Ich vergegenwärtige mir immer wieder das Hier und Jetzt, mache mir bewusst was ich in diesem Moment denke, fühle oder tue. Dabei gibt es kein Tabu, kein „Ich sollte jetzt eigentlich dieses oder jenes empfinden“. Ich schaue ehrlich auf mich, nehme wahr was ist, ohne mich zu bewerten, und frage in schwierigen Situationen nüchtern, ob gerade wirklich das Offensichtliche das Problem ist oder etwas anderes dahinter steckt.
 
All diese Gedanken schreibe ich in ein Tagebuch. Diese Aufzeichnungen helfen mir, nach und nach meine Verhaltens- und Denkmuster zu erkennen und herauszufinden was mir in welchen Situationen gut tut oder auch nicht. Tut es mir z.B. gut mehrfach am Tag Nachrichten zu schauen und jede Stunde die neusten Corona Fallzahlen der John Hopkins Universität zu recherchieren? Nein? Dann lass es sein und tu dir etwas Gutes!
 
All das nehme ich mit ins Gebet, trete vor Gott, teile Freude und Kummer und erfahre in meiner persönlichen (und räumlichen) Begrenztheit seine Nähe und Weite. Äußerlich bin ich in einem Raum – innerlich unterwegs zu mir und zu Gott.

Sr. Josefine Schwitalla OSB


28. März 2020, Samstag der 4. Fastenwoche

Sakrament des Augenblicks

Das eucharistische Fasten und die augenblicklichen weltweiten, bedrückenden Sorgen scheinen mir wie Gegensätze. Die „unerträgliche Last der Anliegen“, die ich vor Gott tragen möchte, macht mich vor ihm sprachlos und ich denke voller Schmerz: "Gerade jetzt brauchen wir doch Deine Gegenwart so sehr!!" Ich fühle mich zuinnerst herausgefordert und schweigend schreie ich die augenblickliche Not ALLER vor ihm aus, denn ich fühle mich verbunden mit allen. Und dann wird mir ganz klar:

JHWH
der
ICH BIN DA
 
IST IMMER GANZ DA.
 
In der totalen Präsenz
im Hier und Jetzt
bin auch ich
 
GANZ DA
vor IHM – in IHM  
EINS mit IHM
 
SAKRAMENT DES AUGENBLICKS

im
 
Aug in Aug
und
Herz in Herz
 
ist ALLES gesagt
 schweigend
 
und ich weiß
 Er hat es gehört!

Sr. Eva-Maria Kreimeyer OSB



Ich will euch eine Zukunft und eine Hoffnung geben

Gestern im Morgengebet haben wir eine Lesung aus dem Buch des Propheten Jeremia gehört. Darin heißt es: Ich kenne meine Pläne, die ich für euch habe, spricht der Herr, Pläne des Heils und nicht des Unheils, denn ich will euch eine Zukunft und eine Hoffnung geben. (Jer 29,11) Diese Worte haben mich tief berührt, sie sind für uns gesagt, sie sprechen uns direkt an. Auch in dieser Zeit, in der alles aus den Fugen gerät, wo es nur noch unheil aussieht, wo wir kaum noch aus und ein wissen, spricht Gott uns diese Worte zu. Ja, sie gelten uns gerade in dieser Zeit. Das Corona-Virus ist keine Strafe Gottes, er hat dieses Virus nicht über uns verhängt. Viren gab es immer schon, aber dass dieses Virus sich so rasend über die ganze Welt verbreitet, liegt an unserer Lebensweise und die entspricht in vieler Hinsicht nicht dem Willen, dem Heilswillen Gottes. Aber die Lesung geht auch noch weiter: Ja, ich lasse mich von euch finden, wenn ihr mich von ganzem Herzen sucht. Gott von ganzem Herzen zu suchen, bedeutet nach seinen Weisungen zu leben und die fremden Götter wegzuschaffen. So wird es uns im Buch der Chronik mehrfach gesagt (z.B. 2 Chr 14,3f.) Wir sind jetzt wirklich aufgerufen, die Zeichen der Zeit zu sehen und zu verstehen. Und umzukehren auf einem Weg, der kein Heilsweg ist.

Sr. Ursula Wahle OSB


27. März 2020, Freitag der 4. Fastenwoche

Dann nimmt sich Gott seiner an und entreißt ihn der Hand seiner Gegner.

Das soll der Test sein: Wenn er wirklich Gottes Sohn ist, dann wird Gott ihn auch der Hand seiner Gegner entreißen. Diesen Test soll Jesus am Kreuz dann noch mal bestehen: Er soll vom Kreuz herabsteigen, damit wir sehen und glauben (Mk 15,32). Aber Jesus steigt nicht herab und Gott holt ihn auch nicht vom Kreuz runter. Nein, Jesus stirbt am Kreuz!

Und das ist doch das, womit wir sooft ringen: Wieso hat Gott da nicht eingegriffen? Wieso lässt er jetzt Menschen elendig ersticken? Wieso lässt er zu, dass Menschen ihre Existenzgrundlage verlieren?

Mich hat das ganz massiv durchgeschüttelt als ich die Kindheitsgeschichte eines wohnungslosen Mannes erfahren habe, der jetzt – wie schon so oft in seinem Leben – wieder im Gefängnis sitzt. „Roh und grausam wollen wir mit ihm verfahren …“ Ja, roh und grausam ist mit ihm verfahren worden, so grausam, dass meine Fantasie dafür nicht ausgereicht hätte. Ich habe keine Erklärung dafür, ich weiß auch nicht, wie ich Gott ent-schuldigen soll. Nur eines weiß ich: In Jesus ist Gott uns bis in die allerletzten Abgründe nahegekommen und ist uns genau dort bis heute unendlich nah. Jesus ist selbst in jedem und in jeder, die jetzt so sehr leidet, da, wirklich da.

Und ist weiß noch etwas: Das Leiden hat nicht das letzte Wort – Ostern ist wahr!

Sr. Ursula Wahle OSB



„Und jetzt geh! Ich bin wo du bist!“
Ex 3, 10.14

Diese Aufforderung Gottes, verbunden mit der festen Zusage immer da zu sein, wurde mir bei meiner Profess mit auf den Weg gegeben. Meine Antwort, „Ja, ich gehe und ich will dort sein, wo du bist“, kann ich in diesen Tagen und Wochen in ganz besonderer Weise einlösen.
Ganz bewusst, Schritt für Schritt gehe ich durch den Tag. Diese vorösterliche Zeit ist für mich eine Herausforderung, die Fragen stellt.  Was bleibt, da der tägliche Empfang der Eucharistie nicht mehr möglich ist? Wie wird Gott seine Zusage einlösen? Wie werde ich meine Antwort einlösen? Bin ich bereit?
Ich bin breit an mir Wandlung zuzulassen. Aus einem tiefen Schmerz wird große Freude. Gottes versprechen „ich bin, wo du bist“ breitet sich in besonderer Weise in mir aus. Es ist ein „Eins-sein“, das vorher so nicht spürbar werden konnte.
Mit allen Sinnen darf ich „IHN“ wahrnehmen. „Schaue, ohne etwa zu betrachten … höre, ohne auf irgendetwas zu hören… rieche, ohne etwas mit dem Geruchssinn zu verfolgen… schmecke, ohne bei etwas hängen zu bleiben … fühle, wie es ist gewahr zusein…“  (aus: Buddhistische Psychologie: Grundlagen und Praxis von Tilmann Borghardt, Wolfgang Erhardt). So darf ich mit allen Sinnen, DEN erleben, der mich wandelt, verwandelt. Was für eine Einswerdung!

Namasté

Sr. Raphael Mertens OSB



Die Kraft der Geduld

Aus der heutigen Lesung: „Roh und grausam wollen wir mit ihm verfahren, um seine SANFTMUT kennenzulernen, seine GEDULD zu erproben. (…) So denken sie, aber sie irren sich. (…) Sie verstehen von Gottes Geheimnissen nichts, sie hoffen nicht auf Lohn für die FRÖMMIGKEIT.“ (vgl. Weisheit 2,20-22)

Von Sanftmut, Geduld und Frömmigkeit ist in diesem Abschnitt die Rede. Keine Frage, mit solchen Eigenschaften ließe sich unsere schwierige Zeit leichter bestehen. Allerdings tun sich viele Menschen, die ich kenne, mit Geduld und Sanftmut schwer. Wer kann schon von sich selbst sagen er/sie sei geduldig und sanftmütig? Wenn wir jedoch an Menschen wie Mahatma Gandhi oder z.B. Nelson Mandela denken, verstehen wir in etwa, was für eine Grundhaltung damit gemeint ist. Es braucht im wahrsten Sinne echte Frömmigkeit - das Wort meinte früher übrigens, ca. im Mittelalter eigentlich soviel wie tapferes, beherztes Anpacken oder Ertragen - also eine Art Starkmut, um wahrhaft sanftmütig reagieren zu können. Doch eine solche Haltung einzunehmen, kann uns auch heute gelingen. Davon bin ich überzeugt, weil es mir manchmal in meinem eigenen Leben mit Gottes Hilfe schon geglückt ist. Standhaftigkeit im Leiden könnte man es auch nennen. Das wird uns stets dann gnadenvoll geschenkt, wenn wir unser Herz in festem VERTRAUEN und unzerstörbarer HOFFNUNG in Gott verankert haben. Wagen Sie es ruhig! Probieren Sie es aus!

Gott, Du bist die Langmut selbst,
 Bitte schenke mir Deine Gnade, auf dass auch ich sanftmütig und geduldig bleibe,
wenn mich Ungerechtigkeit, Leid oder Gewalt treffen.
Bitte beruhige die Herzen der vielen unter Verfolgung leidenden Menschen
weltweit durch Deine Gegenwart.
Du bist da und bleibst bei mir,
selbst, wenn ich Deine Nähe gerade nicht fühlen kann.
Dieser Glaube trägt mich, Mögen viele Gläubige diesen Trost erfahren.
Amen.
 
 Sr. Bernadette Tonne OSB


26. März 2020, Donnerstag der 4. Fastenwoche

Liebe den HERRN, deinen Gott, denn er ist dein Leben

 
Der heutige Abschnitt aus dem Johannesevangelium verwendet eine Sprache, die mir zunächst etwas unverständlich ist. Jesus spricht vom „Zeugnis geben“ und eigentlich weiß ich gar nicht so genau, was er damit meint. Kann ich natürlich in entsprechenden Kommentaren nachschauen und das mache ich nachher auch noch.
 
Aber mir springt etwas anderes ins Auge. Jesus redet sich hier richtig in Wut. Er ist wütend über die Verstocktheit seiner Gegner. Das fängt in V 37 an: Ihr habt weder seine (des Vaters) Stimme gehört, noch seine Gestalt gesehen … und doch wollt ihr nicht zu mir kommen, um das Leben zu haben … Wenn ihr den Schriften des Mose nicht glaubt, wie könnt ihr dann meinen Worten glauben?  Mir kommt eines meiner Lieblingsworte aus dem Buch Deuteronomium in den Sinn: Liebe den HERRN, deinen Gott, höre auf seine Stimme und halte dich an ihm fest; denn er ist dein Leben. (Dtn 30,20) Die Wutrede Jesu zielt darauf ab. Jesus, will seine Gegner aufrütteln und sie daran erinnern, was Gott für sie ist: Er ist dein Leben!

Sr. Ursula Wahle OSB



Gegenwart Gottes finden

Was für eine Situation, in der wir alle aufgrund der Corona-Krise leben müssen!!
 
Es war am vergangenen Sonntag, als ich im Internet gemeinsam mit meinen Mitschwestern im Kapitelsaal mit Hilfe eines Beamers, die Heilige Messe im Osnabrücker Dom mit Bischof Dr. Franz-Josef Bode ansah: Den Raum des Domes vor Augen, die Orgel im Ohr sowie die Worte der Lesung von Dr. Rohner gesprochen, die Momente der Eucharistiefeier mit der Wandlung! All das bewegte mein und unser aller Herzen zutiefst. Nicht nur bei mir flossen Tränen des Berührtseins, der Freude, der Ergriffenheit und des Staunens, weil die Atmosphäre so dicht war. In diesen Augenblicken hatte ich Gottes Gegenwart gefunden, gespürt, geradezu verkostet. Was für ein Geschenk!
 
Täglich suchen wir Benediktinerinnen, und sicher auch viele anderen Menschen, Gottes Gegenwart. Und manchmal wird uns eine Erfahrung geschenkt, in der wir Gott ganz nahe fühlen, manchmal so spürbar wie am letzten Sonntag. Mit ganzem Herzen wünsche ich allen Menschen jene einzigartigen Erfahrungen der fühlbaren Nähe Gottes, des gefühlten Gott-findens. Dieses Finden bewegt mich persönlich dann wieder neu, nach IHM zu suchen. Denn die Sehnsucht nach immer neuer und anderer Begegnung mit dem Numinosen, mit dem geheimnisvollen Gott bleibt unstillbar und unendlich!
 
 
Gott, Du mein Gott, Dich suche ich.
 Meine Seele dürstet nach Dir!
Sei besonders den kranken Menschen nah,
den Sterbenden, ihren Angehörigen und allen Notleidenden.
Danke, Jesus, dass Du bei uns bleibst,
wo und wie immer wir uns befinden!
Amen.
 
 Sr. Bernadette Tonne OSB


25. März 2020, Verkündigung des Herrn - Hochfest
Mittwoch der 4. Fastenwoche

 
Wann ist die Zeit der Rettung?

Im heutigen Beitrag beziehe ich mich bewusst nicht auf die Texte des Hochfestes, sondern ausnahmsweise auf die des Mittwochs der 4. Fastenwoche.
Wann fühlen wir uns erlöst und frei? Wenn die Corona-Krise zu Ende ist?
Vielleicht, wenn wir gesund sind und bleiben? Wenn wir Vergebung erfahren durften? Wenn wir in einer guten Beziehung mit unserem Partner leben?
Diese möglichen „Wenns“ ließen sich noch lange fortsetzen. Welche Antwort auf die Frage „Wann?“ Finden wir in den Bibeltexten? Bei Jesaja steht: „So spricht der Herr: Zur Zeit der Gnade will ich Dich erhören, am Tag der Rettung dir helfen.“ (Jesaja 49,8) Im Johannes-Evangelium heißt es jedoch: „Amen, amen, ich sage euch: Die Stunde kommt,

und sie ist schon da, (!)

in der die Toten die Stimme Gottes hören werden; und alle, die sie hören, werden leben.“ (Johannes 5,25) In der lateinischen Fassung steht an der entscheidenden Stelle das Wort „nunc“ (= und sie ist gerade JETZT da!). Im Englischen heißt es entsprechend: „now“ (= jetzt)!
Jesus und der Vater bieten uns also die Möglichkeit, Rettung und Erlösung JETZT erleben zu dürfen.
Wie lässt sich das verstehen? Eigentlich ist es ganz einfach. Nötig ist aber, dass ich zuvor meine Ressentiments, inneren Widerstände, Vorurteile, Vermutungen, Erwartungen und Vorstellungen loslasse, mich ganz frei, nackt und offen vor Gottes Angesicht hinstelle und mich von IHM beschenken lasse, in dem ich Gott zuhöre und seine Worte in mich aufnehme. Er wird mir dann sagen können, wie sehr ER mich liebt, und mir Barmherzigkeit und Vergebung schenken möchte, wenn ich es will und das auch annehme. Ich brauche lediglich, mir selbst zu vergeben, mich mit Gott, den anderen Menschen und meinen Lebensumständen versöhnen zu lassen. Dann werde ich im selben Moment Heil, Rettung und Erlösung erleben können!                  
 
Gott, Du großer Barmherziger,
BITTE gib mir Mut, mich von Dir befreien und beschenken zu lassen!
Ich weiß, das klingt seltsam,
aber es fällt mir wirklich gar nicht so leicht,
mir selbst zu vergeben und Erlösung als Geschenk anzunehmen.
Bitte bereite Du meinem Herzen einen Weg dahin,
dann kann ich auch andere damit anstecken.
 
 Sr. Bernadette Tonne OSB


24. März 2020, Dienstag der 4. Fastenwoche

  
Eine sehr persönliche Erfahrung

 
Gestern wurde mir klar, dass ich das Hochgebet viel mehr vermisse als die Kommunion. Ich liebe diese Gebete, die so unglaublich dicht zu Gott sprechen, ihn, den Schöpfer und Herrn der Heilsgeschichte preisen. Ich vermisse die Einsetzungsworte, die das Mahl Jesu mit seinen Jüngern vergegenwärtigen, die Fürbitten für die Kirche, die ganze Welt und die Verstorbenen.
 
Aber all das ist noch nicht der Kern, die Ursache des Schmerzes, den ich tief empfinde. Gestern Abend wurde es mir erst klar: Ich vermisse so sehr, Jesus in seiner Lebenshingabe nahe sein zu dürfen. Ich empfinde diese Trennung sehr schmerzlich und daran kann auch die Messfeier mit dem Bischof oder die morgens zeitgleich zu unserem Wortgottesdienst gefeierte Messe eines uns nahestehenden Priestern nichts ändern. Ich kann nicht Zeugin sein, nicht wirklich dabei sein. In meinem Gefühl darf ich Jesus in seiner Hingabe für uns alle, gerade jetzt, wo wir sie so dringend brauchen, nicht nahe sein.
 
Ich habe das vorher selbst nicht gewusst, dass es so ist, und dass die Eucharistiefeier so real ist!
 

Sr. Ursula Wahle OSB




Wasser des Lebens

„Wohin der Fluss kommt, dort bleibt alles am Leben.“ „…denn das Wasser des Flusses kommt aus dem Heiligtum.“ (Ezechiel 47,9d.12d) In der heutigen Lesung aus dem Buch Ezechiel ist von einem ganz besonderen Wasser die Rede. Darin sehe ich das Wasser der Taufe. Es ist heiliges Wasser, weil es aus dem Heiligtum kommt. Aber was ist damit gemeint? Wie kommt es zu Heilung und Leben?

Das Heiligtum ist der Ort der Gegenwart Gottes, des Liebenden, des Barmherzigen, des großen Vergebenden. ER ist die Quelle aller Heilung und allen Lebens. Vergebung und Verzeihung heilen! So ist Gott zu uns, zu mir persönlich. Wenn ich diese Gaben Gottes in mich aufgenommen habe, und davon ganz erfüllt und durchdrungen bin, kann ich selbst diese barmherzige, vergebende Haltung einnehmen. Dann bin ich so frei, dass es mir möglich ist, selbst auch anderen Barmherzigkeit und Vergebung zukommen zu lassen.
Gott, Du mein Gott,
ich DANKE Dir für Deine Barmherzigkeit,
die mir täglich neu das Leben in Freiheit schenkt.
Hilf mir, dass ich anderen ebenso, Barmherzigkeit,
Liebe und Vergebung weiterschenken kann, damit sie sich ausbreiten können.
Heile die Menschen, die verbittert sind,
die nicht vergeben können,
und bitte, befreie sie.
Amen.

Sr. Bernadette Tonne OSB


23. März 2020, Montag der 4. Fastenwoche
  
Die Lesung vom Ende des Buches Jesaja, die wir heute gehört haben, trifft so sehr in unsere aktuelle Situation: https://erzabtei-beuron.de/schott/schott_anz/index.html Es ist die Verheißung einer neuen Welt, die Gott schaffen wird, einer Welt der Freude und des Jubels, in der man des Früheren nicht mehr gedenkt. Das Leid, das unzählige Menschen heute erleben – und damit meine ich diejenigen, die jetzt um ihr Leben ringen oder die geliebte Menschen verloren haben oder noch verlieren – dieses Leid wird einmal weggewischt, wie die Tränen aus einem Gesicht. Ja, dieser Tag wird kommen – für jede und jeden von uns und für uns alle gemeinsam! Die Offenbarung des Johannes drückt das in einem sehr starken Bild aus: Am Ende wird auch der Tod selbst in den Feuersee geworfen. Ja, der Tod selbst wird im Feuer der Liebe Gottes umgeschmolzen in ein Leben, das keinen Schmerz, keine Trauer mehr kennt, in ein Leben des Jubels und der Freude.
 
Wie wollen wir heute leben, um an diesem Tag einmal versöhnt auf unsere heutige Zeit zurückschauen zu können?

Sr. Ursula Wahle OSB



Geh‘ Deinen Weg
 
Im heutigen Tagesevangelium steht unter anderem: „Jesus erwiderte ihm: ‚Geh, dein Sohn lebt!‘ Der Mann glaubte dem Wort, das Jesus zu ihm gesagt hatte und machte sich auf den Weg.“ (Johannes 4,50) In der englischen Fassung steht: „Jesus said to him, ‚Go your way; your son lives.‘ So the man believed the word that Jesus spoke to him, and he went his way.“
Es fällt beim Vergleich der Sätze auf, das im Englischen steht: „go your way.“ Und „he went his way“. (= Geh Deinen Weg. Und: er ging seinen Weg.) Es ist also nicht von irgendeinem Weg die Rede, sondern vom persönlichen Weg dieses Mannes, den nur er in seiner Einzig-artigkeit gehen kann. „Geh Deinen Weg!“, kann in Zeiten der Corona-Krise natürlich auch bedeuten: „stay at home!“ (= bleib zuhause!). Aber gemeint ist ja der innere Lebensweg des Menschen, der dem Wort Jesu glaubt.
Doch weshalb glaubt der Mann Jesus sofort? Meine persönliche Vermutung ist, dass die Begegnung mit der Persönlichkeit Jesu, dieses von Angesicht zu Angesicht einander anschauen, den Beamten so beeindruckt hat, dass er keinerlei Zweifel mehr spürte. Er begriff: Das, was dieser Mann, Jesus, sagt, ist absolut verlässlich!“ In dem Mann war also in diesem Moment VERTRAUEN entstanden. Das ist das Entscheidende. Vertrauen auf Jesus, auf Gott trägt uns, weckt in uns neue Kräfte, Sichtweisen, Lebendigkeit, Fantasie und Kreativität, die wir auf unserem ureigenen Weg so nötig brauchen! Vertrauen beflügelt.
Jesus ermutigt uns zu unserem individuellen Weg. Darauf weist der Heilige Benediktus in seiner Regel im Prolog hin: „Seht, in seiner Güte zeigt uns der Herr den Weg des Lebens.“ (RB Prolog 20)
 
Jesus, mein Meister, halte mich fest in Deinen Armen,
denn ich fühle Angst,
Ich glaube an Dich, aber bitte, hilf meinem Unglauben.
Stärke mein Vertrauen in Dich.
Auf Dich will ich mich verlassen in der Armut meiner Situation.
Du bist ja mit meiner Not vertraut.
Dein Wort möge immer mehr die Überzeugung in mir wachsen lassen, dass ich in Dir geborgen bin, was auch geschieht.
Erbarme Dich aller Menschen, die nicht glauben können,
aller Verängstigten, Verzweifelten und Leidenden.

Amen.

Sr. Bernadette Tonne OSB


Sonntag, 22. März 2020: 4. Fastensonntag (Laetare)


Schmerzliche Sehnsucht

Das eucharistische Fasten auszuhalten, ist wirklich sehr schwer! Ich spüre eine so große schmerzliche Sehnsucht nach dem Sakrament der Eucharistie ... und dieser Schmerz lässt mich suchen, fragen und spüren, wo sich Gottes Gegenwart zeigt ... Ich fühle mich, wie die Braut im Hohelied, die den Bräutigam sah und doch wieder verlor.

Und dann wird mir wieder und wieder bewusst: Ein Herz, dass sich nach Gott sehnt, dass ihm diesen Sehnsuchtsschmerz hinhält, zieht Ihn förmlich in sich hinein. Einem Herzen, dass sich nach Gott sehnt „kann Er sich nicht entziehen“. Denn Gottes Leidenschaft ist der lebendige Mensch! Ich spüre die Worte Jesu an mich: Du Kleingläubige! Habe ich denn nicht noch viel mehr Wege und Mittel, bei Dir zu sein? Bin ich denn nicht noch viel, viel größer? Öffne die Augen Deines Herzens! Wo bin ich denn nicht?

Ja, Herr! In Dir lebe ich, bewege ich mich und bin ich. Du bist in mir und ich bin in Dir! Aug in Aug und Herz in Herz!

Sr. Eva-Maria Kreimeyer OSB




Wenn ich das heutige - sehr lange - Evangelium lese, dann staune ich über die vielen Begegnungen, die darin beschrieben werden. Erst begegnen sich Jesus und der Blindgeborene und diese Begegnung hat ziemliche Folgen, denn der Mann kann anschließend sehen. Ich stelle mir jetzt einfach mal ganz konkret vor, wie Jesus auf die Erde spuckt und den Teig macht und ihn anschließend dem Mann auf die Augen „patscht“. Möchte ich eine so dichte Begegnung mit Jesus? Und jedes Mal, wenn der Mann gefragt wird, wie er denn geheilt worden ist – und das wird er ziemlich oft gefragt – beschreibt er genau diesen Vorgang. So einfach und so dicht ist die Begegnung mit Jesus.

Und dann erinnert mich dieses Tun Jesu auch an die Erschaffung des Menschen in der zweiten Schöpfungserzählung, in der Gott den Menschen aus dem feuchten Ackerboden erschafft. Das Tun Jesu zeigt mir sinnbildlich, dass wir in ihm wirklich eine neue Schöpfung sind. Und das anschließende Waschen „im Schiloach“ – im Gesandten – verweist uns auf die Taufe. Wir sind getauft und in Christus sind wir eine neue Schöpfung(2 Kor 5,17) !

Und ich musste ehrlich lachen, als der Mann schließlich die Nase voll hat von der Fragerei und provozierend fragt: Wollt auch ihr seine Jünger werden? Aber genau das wollen die Frager natürlich nicht. Sie wollen auch keine wirkliche Begegnung.

Und dann rührt mich diese letzte Begegnung zwischen Jesus und dem Mann so an: Wieder ganz einfach und menschlich. Wer ist denn dieser Menschensohn? Und ich stelle mir Jesus vor, wie er vor dem Mann steht, ihn anschaut, ihm in die Augen schaut und ihm mit diesen schlichten Worten sagt: Du hast ihn bereits gesehen; er der mit dir redet, ist es. Und ich möchte noch hinzufügen: Er, der dir jetzt in die Augen schaut!

Sr. Ursula Wahle OSB


 
 
Tiefe geistliche Freude

Heute mitten in der Bußzeit begehen wir den Sonntag „Laetare“, was übersetzt heißt: „Freue Dich!“ Aber wie lässt sich das Verstehen? Freude in der Fastenzeit und dann noch mitten in der Corona-Krise?
 
Sätze aus dem Epheser-Brief (2. Lesung) lassen uns im wahrsten Sinne des Wortes ein Licht aufgehen: „Alles, was aufgedeckt ist, wird vom Licht erleuchtet. Denn alles Erleuchtete ist Licht. Deshalb heißt es: Wach auf, Du Schläfer, und steh auf von den Toten und Christus wird Dein Licht sein.“ (Eph 5,13-14)
Dieses Zitat weist hin auf einen Prozess im Inneren des Glaubenden, dem nach der Reue Freude zu Teil wird, weil er spürt, dass er Vergebung von Gott empfangen hat.
Was genau geschieht dabei? Ich öffne mich im Gebet für Gott, decke mein Innerstes auf, so dass Licht (= Christus) in mich einfallen kann. Der Lichtstrahl beleuchtet auch meine Kellerräume, die ich sonst so gerne verschlossen halte, alles, was in meinen Dunkelheiten schlummert. Ich fühle mich zunächst geblendet vom Licht, es ist unbequem und schmerzt mich, meine Schattenseiten hell erleuchtet zu sehen, aber es ist zugleich heilsam, denn diese Helligkeit ist kein gewöhnliches Licht, sondern ein Leuchten, das ausgeht vom Antlitz Christi. Jesus Christus blickt mich jetzt an mit dem Ausdruck von Verstehen und Barmherzigkeit. Mein Herz bereut seine Verkehrtheiten, doch im selben Moment fühlt es Erleichterung wegen des zärtlichen, vergebenden Blickes Christi. Das löst tiefe geistliche FREUDE und DANKBARKEIT in mir aus, und ich bin angekommen im Sonntag „Laetare“.

Gott, Du mein Schöpfer, bitte gib mir Mut und Kraft,
Dein Licht an meine Schattenseiten heranzulassen.
Hilf mir, mich wirklich zu öffnen, mich meinen persönlichen Realitäten
in Wahrhaftigkeit und Demut zu stellen.
Denn dann kannst Du mich heilen, befreien und erleuchten.
Doch ich spüre auch Angst vor all dem!
Bitte stärke mein Vertrauen auf Dich, denn nur mit und in Dir kann es gelingen.
Dank sei Dir, Du Großer, Barmherziger!
 Amen.

Sr. Bernadette Tonne OSB


Samstag, 21. März 2020 - Hochfest des Heimgangs unseres hl. Vaters Benediktus

Trost und Vertrauen schöpfen aus der Schrift

Muss ich auch wandern in finsterer Schlucht, / ich fürchte kein Unheil;
denn du bist bei mir, dein Stock und dein Stab geben mir Zuversicht.
Psalm 23,4

Fürchte dich nicht, denn ich bin bei dir!
Jes 43,5

Herr, Danke für Deine tägliche Sorge für jeden Einzelnen von uns!

Sr. Elisabeth Tiemann OSB



Dankbar sein
Die Meldungen und Maßnahmen rund um die Corona Pandemie reißen nicht ab. Dinge, die vor einigen Tagen noch undenkbar schienen, sind nun Realität, manche sind nur schwer auszuhalten.
Doch bei all den Unsicherheiten und Sorgen, trage ich ein tiefes Gefühl der Dankbarkeit in mir. Ich danke Gott, dass ich mir keine Sorgen um Dinge wie z.B. Essen machen muss, dass ich auf unterschiedlichen Wegen trotzdem mit Familie und Freunden kommunizieren kann, dass ich gesund bin und durch so etwas „einfachem“ wir soziale Distanz anderen helfen kann. Und ich bin dankbar, dass ich einen Glauben, einen dreieinigen Gott habe, an dem ich mich zu jeder Tages- und Nachtzeit festhalten kann. Wofür sind Sie dankbar?

Sr. Josefine Schwitalla OSB


 
Freut euch im Herrn und eure Güte werde allen Menschen bekannt!
 
Heute feiern wir im Benediktinerorden das Hochfest des Heimgangs unseres heiligen Vaters Benediktus und da hören wir eigens ausgewählte Lesungen. Die zweite Lesung ist aus dem Philipperbrief (4,4-6) und da heißt es: Freut euch im Herrn zu jeder Zeit! Noch einmal sage ich euch: Freut euch! Eure Güte werde allen Menschen bekannt.
Dieser Aufruf zur Freude in unserer momentanen Situation wirkt fast etwas fehl am Platze. Aber ist er das wirklich? Wir haben ja die feste Zusage Jesu, dass er bei uns ist bis ans Ende der Zeit. Er ist auch jetzt mitten unter uns – wenn wir Angst haben, wenn wir uns große Sorgen machen. Er ist mitten unter den Kranken in den Krankenhäusern und bei den Schwestern und Ärzten, die dort tapfer ihren Dienst tun. Er ist mitten unter uns, wenn wir kreativ nach Lösungen suchen, unseren Lieben nahe zu sein. Er ist mitten unter denen, die sich jetzt weiter kümmern um die vielen, die Hilfe brauchen. Ja, Jesus ist da, er kneift auch jetzt nicht!
Und das ist doch genau, das was wir jetzt brauchen und schenken können: Unsere Güte, die allen Menschen bekannt wird und ihnen Hoffnung schenkt …
 Sr. Ursula Wahle OSB


Freitag, 20. März 2020
 
 
Gott und den Nächsten wie sich selbst zu lieben, ist weit mehr als alle Opfer.
(Vgl. Markus 12,33)

In ähnlichen Worten steht das heute im Tagesevangelium. Das lässt mich aufhorchen und hellhörig werden. Denn leider kann ich in dieser akuten Notzeit kein eucharistisches Opfer mitfeiern, aber Gott, den Nächsten und mich selbst lieben, kann ich jederzeit, heute den ganzen Tag lang! Bei diesen Gedanken spüre ich, wie sich eine tiefe Ruhe und Zuversicht in mir ausbreitet. Mir kommt die Idee, aufmerksam auf Momente des Tages zu achten, in denen das besonders spürbar ist, z.B. bei Begegnungen, in denen wir uns gegenseitig bestärken und ermutigen, oder wenn ich einer Mitschwestern einen Gefallen erweisen darf. Es ist wahr: Wir sind geliebt von Gott und dürfen diese Liebe selbst dankbar in uns aufnehmen. Am heutigen Abend werde ich mich dann erinnern an diese Momente, in denen ich liebevolle Nähe trotz und in der Ferne des Sicherheitsabstandes von 1,50 m erleben oder auch schenken durfte.

Heiliger, gütiger Gott,
ich danke Dir für Deine Liebe zu mir und allen.
Ich danke Dir, dass ich Dich, mich selbst und andere lieben kann.
Liebe schenken macht glücklich und frei.
Bitte lass das für viele Menschen und für mich
heute spürbar werden, damit sie daraus neue Kräfte schöpfen können.
Amen.

Sr. Bernadette Tonne OSB

Benediktinerinnen vom Heiligsten Sakrament Osnabrück
Gottesdienste

Werktags
Laudes und Terz: 05:55 Uhr
Eucharistiefeier: 7 Uhr
Mittagshore: 11:30 Uhr
Vesper: 17 Uhr  
Komplet und
Vigilien: 19:30 Uhr
Klosterpforte Öffnungszeiten

Werktags
von 08:00 Uhr bis 13 Uhr
von 14:30 Uhr bis 17 Uhr
von 17:30 Uhr bis 18 Uhr
Samstag
von 08:00 Uhr bis 13 Uhr

Sonn- und Feiertage
von 09:00 Uhr bis 13 Uhr
Hasetorwall 22, 49076 Osnabrück, Telefon: +49 541 63819, kloster[at]osb-os.de
Hasetorwall 22, 49076 Osnabrück,
Telefon: +49 541 63819, kloster[at]osb-os.de
Hasetorwall 22, 49076 Osnabrück,
Telefon: +49 541 63819, kloster[at]osb-os.de
Hasetorwall 22, 49076 Osnabrück,
Telefon: +49 541 63819, kloster[at]osb-os.de
Gottesdienste

Samstags
Komplet und
Vigilien: 19 Uhr

Sonntags
Laudes und Terz: 06:25 Uhr
Eucharistiefeier: 07:30 Uhr
Zurück zum Seiteninhalt